Libor und Euribor: Wen die Zinstricks der Banken treffen
Automaten der Barclays Bank: Auch deutsche Anleger könnten von einem Manipulationsskandal betroffen sein.
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Der Rücktritt folgte prompt. Top-Manager Bob Diamond nahm seinen Hut, nachdem sein Institut von den Behörden in Großbritannien und den USA zu einer Geldstrafe in Höhe von 360 Millionen Euro verdonnert wurde. Barclays hatte falsche Angaben zur Festlegung des Referenzzinssatzes Libor gemacht.
Der Zinsskandal dürfte für die Banken damit noch längst nicht ausgestanden sein. Wegen eines ähnlichen Vorgehens wird in mehreren Ländern gegen weitere weltweit tätige Banken ermittelt. Damit nicht genug: Bereits im Oktober vergangenen Jahres leitete die EU Untersuchungen zu einer Manipulation des anderen wichtigen Referenzzinses, dem Euribor ein. Der Euribor ist der Zinssatz, den führende Banken in der Euro-Zone für kurzfristiges Geld berechnen. "Die Untersuchung genießen höchste Priorität", sagt ein Sprecher von EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia. Das Volumen der auf dem Euribor basierenden Finanzprodukte wird auf weltweit 200 Billionen Euro geschätzt.
Im Falle einer Manipulation des Euribor wären auch zahlreiche deutsche Anleger betroffen. „Viele klassische Anlageprodukte basieren auf diesem Referenzzins“, sagt Max Herbst, Inhaber der FMH-Finanzberatung. In einer Analyse für Handelsblatt Online können Bankkunden erkennen, bei welchen Produkten sie persönlich betroffen wären.
Dispokredit
Banken nutzen den Euribor als Refernzzins vor allem bei Produkten mit flexibler Zinsgestaltung. „Sechzig bis siebzig Prozent der Banken orientieren sich beim Dispo am Euribor“, sagt Herbst. Der Rest würde sich vor allem wie die Deutsche Bank, ING Diba oder Comdirect am Leitzins der Europäischen Zentralbank orientieren. Andere Institute verwenden wie die Commerzbank den Referenzzins EONIA oder Mittelwerte verschiedener Pfandbriefsätze wie die Sparkasse Leipzig.
Am Euribor orientieren sich Preisbrecher wie die Deutsche Skatbank mit einem Dispozins in Höhe von 5,50 Prozent, DAB Bank (6,95 Prozent) oder 1822direkt (8,09 Prozent). Auch Großinstitute wie die Hypovereinsbank (Dispozins: 11,8 Prozent) und Postbank (12,69 Prozent) sowie viele Sparkassen, Sparda-Banken und PSD Banken wählen den Euribor als Vorgabe.
Wenn sich der Verdacht erhärtet und Banken den Zinssatz manipuliert hätten, wären Kunden also betroffen. Würden etwa Banken den Euribor mit falschen Angaben manipulieren, wäre das für Dispokunden von Vorteil. Langfristig würden die Sätze sinken. Die tatsächliche Ersparnis dürfte wegen der niedrigen Kreditsummen allerdings gering sein.
Platz 15: Die staatsgeführte Bank of China ist nicht nur das zweitgrößte, sondern auch das älteste Geldinstitut der Volksrepublik. Im Vergleich zum Vorjahr konnte sich die Bank of China in Sachen Markenwert um zwei Plätze steigern. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 12,86 Milliarden US-Dollar. Die Ergebnisse stammen vom Brand Finance Banking 500 - einer Erhebung, die das amerikanische Beratungsunternehmen Brandfinance mit dem Fachblatt "Te Banker" erarbeitet hat.
Foto: REUTERSPlatz 14: Das größte Kreditinstitut der Bundesrepublik, die Deutsche Bank, konnte 2011 trotz der europäischen Banken-Krise respektable Ergebnisse vorlegen. Die Universalbank konnte ihre Vorjahres-Platzierung erneut verteidigen. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 12,9 Milliarden US-Dollar.
Foto: dapdPlatz 13: Die Banco Itaú ist die größte Bank in Brasilien und ganz Lateinamerika. Hervorgegangen ist das Unternehmen aus der Fusion der beiden Banken Banco Itaú und der Unibanco. Im Vergleich zum Vorjahr hat das Geldhaus zwei Plätze eingebüßt. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 13,2 Milliarden US-Dollar.
Foto: dpaPlatz 12: Die drittgrößte Bank Großbritanniens ist im Vergleich zum Vorjahr um ganze fünf Plätze nach unten gerutscht. Die Turbulenzen auf den Finanzmärkten sind 2011 auch an Barclays nicht spurlos vorübergegangen. Dennoch übertrifft das international agierende Finanzunternehmen in Sachen Markenwert alle anderen britischen Bankhäuser, abgesehen von HBSC. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 13,6 Milliarden US-Dollar.
Foto: REUTERSPlatz 11: Gemessen an der Bilanzsumme ist die Industrial & Commercial Bank of China (ICBC) die größte Bank Chinas. Dennoch musste das Haus in Sachen Markenwert einen kleinen Verlust hinnehmen - im Vergleich zum Vorjahr fiel das Unternehmen drei Plätze nach unten. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 15,2 Milliarden US-Dollar.
Foto: REUTERSPlatz 10: Die China Construction Bank (CCB) gehört zu den vier größten Banken der Volksrepublik. In Sachen Markenwert hat es das Geldhaus nicht nur geschafft, den Konkurrenten ICBC zu überrunden, sondern auch die Spitzenposition unter den chinesischen Banken einzunehmen. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 15,5 Milliarden US-Dollar.
Foto: dpaPlatz 9: Die Banco Bradesco gehört zu den vier größten Banken Brasiliens. Im Vergleich zum Vorjahr büßte das Geldinstitut drei Plätze in Sachen Markenwert ein, ist unter den brasilianischen Konkurrenten aber immer noch Spitzenreiter. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 15,7 Milliarden US-Dollar.
Foto: PressePlatz 8: BNP Paribas ist nicht nur eine der führenden Banken Frankreichs sondern auch ganz Europas - auch in Sachen Markenwert. Das Geldinstitut konnte im Vergleich zum Vorjahr sogar vier Plätze zulegen. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 16,8 Milliarden US-Dollar.
Foto: REUTERSPlatz 7: Der US-Kreditkartenkonzern American Express hat dank der Ausgabenfreude seiner überdurchschnittlich wohlhabenden Kunden und einer Verlangsamung des Kostenanstiegs im vierten Quartal einen höheren Gewinn als erwartet erzielt. Auch der Markenwert viel weit besser aus als im Vorjahr - das Unternehmen hat sich ganze fünf Ränge nach vorne gekämpft. Damit gelang dem Unternehmen der größte Sprung nach oben – mit einem Plus von 2,7 Milliarden. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 18,2 Milliarden US-Dollar.
Foto: dapdPlatz 6: Ebenfalls über eine Sprung nach oben darf sich die US-Großbank Citigroup freuen. Der weltweit größte Finanzdienstleister für Privatkunden legte beim Markenwert im Vergleich zum Vorjahr (Platz 9) drei Plätze zu. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 18,6 Milliarden US-Dollar.
Foto: REUTERSPlatz 5: Die US-Bank JPMorgan Chase hatte im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn eingefahren. Dabei zehrte das Wall-Street-Institut vor allem von den guten Geschäften zu Jahresbeginn. In der zweiten Jahreshälfte hinterließen die Schuldenkrise und die sich abkühlende Weltwirtschaft ihre Spuren in der Bilanz des Branchenprimus. In Sachen Markenwert konnte das Geldinstitut Vorjahresplatzierung halten. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 19 Milliarden US-Dollar.
Foto: dapdPlatz 4: Die spanische Großbank Santander legt wegen der Flaute am spanischen Immobilienmarkt 3,2 Milliarden Euro zurück und musste dafür 2011 im Vergleich zum Vorjahr einen Gewinnrückgang von 35 Prozent in Kauf nehmen. Immerhin in Sachen Markenwert blieb mit Platz 4 bei Santander alles beim Alten. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 20 Milliarden US-Dollar.
Foto: dpaPlatz 3: Die Nummer zwei der amerikanischen Banken ist im vierten Quartal in die Gewinnzone zurück gekehrt. Die Bank of America verdiente im Schlussquartal rund zwei Milliarden Euro. Die Spitzenposition in Sachen Markenwert büßte das Geldinstitut jedoch ein. Im Vergleich zum Vorjahr rutschte die Bank of America zwei Ränge nach unten. Die wegen Zwangsvollstreckungs-Maßnahmen im Heimmarkt sehr umstrittene Bank stürzte mit einem Minus von 11,1 Milliarden beim Markenwert am tiefsten. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 22,9 Milliarden US-Dollar.
Foto: dapdPlatz 2: Das viertgrößte US-Institut, Wells Fargo, hat 2011 einen Rekordgewinn von 15,9 Milliarden Dollar (12,4 Milliarden Euro) eingefahren, eine Steigerung von 28 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Beim Markenwert konnte die US-Großbank sich auf Platz 2 behaupten und ist damit Spitzenreiter unter den US-amerikanischen Konkurrenten. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 23,2 Milliarden US-Dollar.
Foto: REUTERSPlatz 1: Kapitalmarktturbulenzen, höhere Vorsorge für Kreditausfälle und höhere Kosten haben das Geschäft der britischen Großbank HSBC 2011 belastet. Dennoch schaffte die europaweit größte Bank in Sachen Markenwert einen Sprung um zwei Ränge nach vorne und hat damit die Bank of America von der Spitzenposition verdrängt. Der aktuelle Markenwert des Hauses liegt bei rund 27,6 Milliarden US-Dollar. (Quelle: eine Erhebung des amerikanischen Beratungsunternehmens Brandfinance in Zusammenarbeit mit dem Fachblatt "The Banker")
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Flexible Baudarlehen
Höhere Kreditsummen – und daher ein höheres Gewinn- oder Verlustpotenzial im Falle einer Manipulation - bieten Immobiliendarlehen zu einem variablen Zins. Fast alle Banken bieten solche Produkte an.
Im Gegensatz zu den verbreiteteren Annuitätendarlehen mit fester Zinsbindung verändert sich der bei Abschluss meist besonders niedrige Zins nach den Gegebenheiten am Markt. „Bei fast allen variablen Angeboten ist der Euribor Referenzzins“, sagt Herbst.
Einige Beispiele für Anbieter flexibler Darlehen mit Euribor-Bindung sind etwa die BBBank, Hamburger Sparkasse, Stadtsparkasse Düsseldorf, DSL-Bank oder die PSD Bank Rhein Neckar Saar. "Das Problem einer möglichen Manipulation wäre vor allem ein Verlust der Glaubwürdigkeit", sagt Herbst. Zahlreiche Bankkunden würden ihre Finanzplanung auf diesem Referenzzinsen aufbauen. Herbst: "Warum sollten Kunden diese Produkte nutzen, wenn Banken diese Vorgaben nach Gutdünken manipulieren könnten?"
Sparkonten
Einige Banken nutzen den Euribor auch bei Ansparplänen. Meist spielen neben dem Referenzzins aber auch andere Rechengrößen eine Rolle. Eine PSD Bank berechnet den Referenzzins etwa zu 80 Prozent als Zehn-Jahres-Kapitalmarktzins und 20 Prozent Drei-Monats-Euribor. Kunden können die entsprechenden Formeln in den Preis-Leistungsverzeichnissen ihrer Banken nachsehen. Auch bei Sparbüchern spielt der Euribor keine Rolle.
Variabel verzinste Anleihen
Auch diese Anlageklasse wäre betroffen. Floater sind Anleihen, deren Verzinsung sich meistens am dreimonatigen Euribor orientiert. Je nach Bonität des Emittenten und Laufzeit gibt es einen Aufschlag auf den Euribor. Die Zinsscheine werden meist alle drei Monate an den jeweiligen Referenzzins angepasst. "Bei einem Rabobank-Floater mit AA-Rating und zwei Jahren Laufzeit lag der Aufschlag im Mai noch bei 35 Basispunkten", sagt Raymond Trujillo, Head of Trading beim Wertpapierhandelshaus Tass. Aktuell dürfte der Aufschlag für das Institut mit Top-Bonität bei mehr als 40 liegen. "Das spiegelt den Vertrauensverlust in den Bankensektor wieder", sagt Trujillo. Zum Vergleich: Papiere von deutschen Bundesländern gelten aktuell als deutlich sicherer.
Die Emissionstätigkeit von Banken ist wegen des niedrigen Zinsniveaus eingeschlafen. "Der Markt ist sehr labil, eine Manipulation des Euribor wäre neues Öl im Feuer", sagt Trujillo. Starke Kurseinbrüche erwartet er zwar nicht. "Der Vertrauensverlust wäre aber immens".
Fonds
Auch wenn der Libor auf dem deutschen Markt kaum eine Rolle spielt, nutzen viele Fonds diesen offenbar manipulierten Satz zur Berechnung ihrer Renditeziele. Für Handelsblatt Online hat das Analysehaus Morningstar eine Tabelle erstellt, welche Fonds den Referenzzins als Benchmark nutzen. Die Aufstellung umfasst mehr als 480 Fonds.