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Zwangsversteigerungen US-Banken drohen Milliardenverluste - aus Schlamperei

Die Folgen der Finanzkrise sind noch längst nicht verdaut. Jetzt werden die Banken von ihren Schlampereien bei der Vergabe von US-Hypotheken eingeholt. Neue Milliardenverluste drohen.

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Das unscheinbare 75.000-Dollar Haus, dessen umstrittene Zwangsversteigerung die amerikanische Bankbranche erschüttert, steht im Örtchen Denmark im US-Staat Maine. Darin wohnt Nicolle Bradbury mit ihrer 14-jährigen Tochter und ihrem 16-jährigen Sohn. Sie leben von der Wohlfahrt. Als Bradbury vor zwei Jahren ihren Job verlor, konnte sie die Monatsrate von 474 Dollar für die Hypothek nicht mehr zahlen.

Das ist eigentlich ein klarer Fall für eine Zwangsversteigerung und Räumung. Doch ein pensionierter Anwalt, der für eine Rechtshilfe-Organisation arbeitet, schaute sich die Unterlagen an. Ein junger unerfahrener Bankmitarbeiter mit nur limitierter Unterschriftsberechtigung hatte alle Papiere abgezeichnet.

Bei seiner Befragung stellt sich heraus, dass er täglich rund 400 Zwangsversteigerungsverfahren durchgewinkt hatte, ohne Prüfung, wie ein Unterschriftenautomat. Offenbar war das gängige Praxis bei vielen Banken während des Höhepunkts des Immobilienbooms in den USA. Der Richter in Maine lehnt den Antrag auf Zwangsversteigerung deshalb trotz des Zahlungsverzuges ab. Die Bank soll sogar für den Anwalt der mittellosen Schuldnerin Bradbury bezahlen – 27.000 Dollar.

Das Verfahren von Maine löst heftige Nachbeben in der Finanzbranche aus. Die Aktienkurse von Banken, die ein weiteres Anschwellen der Prozesswelle fürchten müssen, stürzen ab. Politiker in Washington prügeln mitten im Wahlkampf erneut auf die Banken ein und fordern sogar ein Moratorium für Zwangsversteigerungen. Das hätte gravierende Folgen für die Banken und den ohnehin fragilen US-Häusermarkt. Die Preise für Immobilien würden fallen, weil diese länger leer stünden.

Von Betrügereien und Unregelmäßigkeiten ist die Rede, von nachträglich „korrigierten“ Papieren. Staatsanwälte in 50 US-Staaten kündigen Ermittlungen an. Der größte private Hypothekenfinanzierer Bank of America legt vorübergehend sämtliche Zwangsvollstreckungen auf Eis.

Gleichzeitig keimen bei großen Investoren, die die in sogenannte Residential Mortgage Backed Securities verpackten Hypotheken gekauft haben, Hoffnungen auf Schadensersatz auf. Sie verlangen, dass die Banken ihnen diese Verlustbringer zum vollen Preis wieder abkaufen.

Die Zahl der Zwangsversteigerungen wegen leichtfertig vergebener Hypotheken an zweifelhafte Schuldner liegt auf Rekordniveau. 6,2 Millionen Häuser kamen als Folge der Immobilienkrise in den USA unter den Hammer. Bis Ende 2012 kann es noch mehr als drei Millionen weitere Objekte treffen, schätzen Experten. Schätzungen zufolge liegt bei rund einem Drittel der Hypothekenschuldner in den USA der Kredit höher als der Hauswert.

Gefährliche Verpackung

Schlimmer treffen die Banken neue Milliardenforderungen von Investoren. Denn durch die jetzt aufgedeckten Schlampereien bei den Zwangsversteigerungen sind auch die Praktiken bei der Vergabe der Hypotheken und bei der Zusammenstellung der verlustbringenden Finanzprodukte aus der Zeit vor der Finanzkrise wieder in den Fokus gerückt. Den beteiligten Banken läuft das einst lukrative Geschäftsmodell – Hypotheken generieren, in komplexe Finanzprodukte verpacken und an Investoren verkaufen – in die Hacken.

Mitte vergangener Woche verlangten gleich mehrere große institutionelle Investoren von der Bank of America, dass sie Hypothekenpakete zurückkaufen solle, bei deren Zusammenstellung und Verwaltung geschludert worden sei. Die Forderung hat Gewicht: Unter den Investoren sind die verstaatlichten US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac, die einen großen Teil der Hypotheken garantierten. Aber auch große private Profi-Investoren wie Blackrock oder die Allianz-Tochter Pimco haben sich angeschlossen.

Dass die Bank of America besonders hart betroffen ist, liegt an zwei überhasteten Übernahmen auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Die Großbank hatte den angeschlagenen Hypothekenfinanzierer Countrywide gekauft, heute erwiesenermaßen einer der schlimmsten Sünder bei der Vergabe von Subprime-Hypotheken und war außerdem besonders schlampig bei der Dokumentation der Kredite.

Beim Verbriefungsgeschäft übernahm Bank of America die Investmentbank Merrill Lynch. Die hatte damit noch auf dem Höhepunkt der Finanzkrise ein großes Rad gedreht, als andere Banken wie Goldman Sachs oder auch die Deutsche Bank sich längst daraus zurückzogen.

Deutsche Landesbanken, die zu den größten Investoren in auf Hypotheken basierenden Wertpapieren zählten und folglich mit die höchsten Verluste erlitten haben, beobachten die Entwicklung gespannt. „Wenn sich eine Parallele zu unserer Situation ergibt und wir es für aussichtsreich halten, werden wir selbstverständlich klagen“, heißt es im Umfeld eines Instituts. Erst einmal warte man ab, wie die US-Gerichte entschieden. Schließlich seien Klagen teuer und verlangten viel Engagement des Managements.

Bisher hatte nur die IKB wegen eines zweifelhaften Geschäfts Geld zurückbekommen. Sie erhielt 150 Millionen Dollar aus dem sogenannten „Abacus-Deal“. Bei dem hatte die Börsenaufsicht SEC der Investmentbank Goldman Sachs vorgeworfen, Investoren getäuscht zu haben.

Neue Forderungen

Die Deutsche Bank hat als einziges deutsches Geldinstitut in nennenswertem Umfang selbst Mortgage Backed Securities aufgelegt und könnte deshalb bald ebenfalls mit Rückkaufforderungen von Investoren konfrontiert sein.

Analysten von JP Morgan Chase schätzen, dass wegen solcher Rückkäufe auf die an der Produktion der Mortgage Backed Securities beteiligten Banken im günstigsten Fall neue Forderungen von 55 Milliarden Dollar zurollen. Im ungünstigsten Fall können es bis zu 120 Milliarden Dollar werden. Dass die Forderungen nicht unbegründet sind, zeigt die Tatsache, dass allein Bank of America dafür bereits 4,4 Milliarden Dollar zurückgestellt hat.

Die Investoren werden an dieser Front nicht lockerlassen. Bei den Zwangsversteigerungen gegen säumige Schuldner lassen sich die Fehler der Banken dagegen nachträglich korrigieren. „In den Fällen, mit denen wir konfrontiert werden, mag es Probleme mit den Papieren geben“, sagt Thomas Martin, Präsident der Konsumentenschutzorganisation America’s Watchdog, die ein Beschwerdezentrum für Opfer der Immobilienkrise eingerichtet hat, „aber die Leute haben teils seit vielen Monaten nicht mehr ihre fälligen Raten gezahlt.“ Deshalb sei die Zwangsversteigerung nur eine logische Konsequenz. „Die Banken werden ihren Papierkram dabei schon in Ordnung bringen.“

Das gilt auch für Nicolle Bradbury in Maine. Zwar scheiterte die Bank vor Gericht auch mit einem zweiten Versuch, gegen sie einen Räumungsbeschluss zu erwirken: Die nachgebesserten Papiere enthielten nicht die korrekte Adresse des Hauses. Doch schon bald wird es die Bank ein drittes Mal versuchen.

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