Angriff auf Israel: Wie die Debatte um Antisemitismus US-Eliteuniversitäten zerlegt
Elise Stefanik ist Republikanerin. Sie sitzt im US-Repräsentantenhaus und unterstützt Donald Trump – auch seine große Lüge von der angeblich gestohlenen, verlorenen Präsidentschaftswahl in den USA 2020. Aber das nur nebenbei. Die Ursache, warum sie in diesem Artikel eine Rolle spielt, ist eine andere: Es geht um ein Video mit ihr. Genauer gesagt um einen 30-Sekunden-Schnipsel von einer mehr als fünfstündigen Anhörung im Kongress, in der Stefanik drei Präsidentinnen von US-Eliteunis zum Thema Antisemitismus befragte.
Das Video ging viral, auf Twitter wurde es tausendfach geteilt. Die Präsidentin der Universität Pennsylvania trat deswegen zurück. Und das Beben scheint noch lange nicht nachzulassen.
Doch der Reihe nach: Vergangene Woche Dienstag befragte Elis Stefanik die Präsidentinnen der Universitäten Harvard, Pennsylvania sowie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Rahmen einer Anhörung im US-Kongress. Thema waren teils antisemitische und islamophobe Kundgebungen an den Unis, die seit dem barbarischen Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober den Alltag an zahlreichen Unis bestimmen.
Stefanik stellte den Präsidentinnen wiederholt die Frage, ob „der Aufruf zum Genozid an Juden“ den Verhaltenskodex der Universitäten verletze. Eine einfache Frage, vermeintlich. Denn alle drei antworteten in verklausulierter Sprache, sie wichen aus, blieben einer klaren Antwort schuldig: sinngemäß sagten sie, es sei „kontextabhängig“, ob der Aufruf zum Genozid gegen die Kodizes verstoße. Die Uni werde nur tätig, wenn der Aufruf auch in Handeln übergehe.
Formell betrachtet hatten die Präsidentinnen wohl recht: Die Meinungsfreiheit ist in den USA sehr weitreichend. In einer Vielzahl von Fällen hat das höchste Gericht in den USA, der Supreme Court, geurteilt, dass der Staat eine Person nicht bestrafen könne, wenn die Aufforderung zur Gewalt nicht mit einer tatsächlichen, unmittelbaren Bedrohung einhergehe. Die Verhaltenskodizes der privaten Unis von Harvard und Co. sind dieser Rechtsprechung nachempfunden.
Elise Stefanik befragt Harvard-Präsidentin Claudine Gay. Screenshot Youtube-Video: https://www.youtube.com/watch?v=cSaJRyNZ_UI
Foto: ScreenshotEine andere Frage ist, inwiefern eine „juristische Antwort auf eine moralische Frage“, so ein hoher Repräsentant der Universität Pennsylvania, in diesem Fall angemessen war.
Ungeachtet der Angemessenheit: Die Anhörung hat weitreichende Folgen. Die Präsidentin der Universität Pennsylvania, Elizabeth Magill, trat am Samstag zurück; auch ihre öffentliche Entschuldigung konnte der weltweiten Empörung nicht standhalten. Am Dienstag berichtete die „New York Times“, dass die Präsidentin von Harvard, Claudine Gay, entlastet wurde – nach vorherigem Druck von Großspendern und Politikern, sie solle zurücktreten.
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Darunter auch Großspender wie Bill Ackmann, seinerseits Harvard-Alumnus und Gründer des Hedgefonds Pershing Square Capital. Marc Rowan – der Kopf von Apollo Global Management, einer der größten Private-Equity-Firmen der Welt, und Alumnus der Universität Pennsylvania – rief ehemalige Absolventen dazu auf, der Universität kein Geld mehr zu überweisen. Und auch Sam Altman, der Leiter von OpenAI und ein wichtiger Spender aus dem demokratischen Lager, kritisierte die Unis auf X, ehemals Twitter.
Das Geld geht nicht aus, der Rufschaden bleibt
Adrian Daub ist Professor an der Universität Stanford, eine Ivy-League-Uni, er lehrt dort vergleichende Literaturwissenschaft. Daub hat in Pennsylvania studiert, kennt Magill, die Präsidentin aus Pennsylvania, die zurücktreten musste.
Für Daub legt die aktuelle Debatte „einen Konstruktionsfehler im amerikanischen Unisystem offen“, der darin liege, dass vor allem Ivy-League-Unis von ihren Geldgebern teils „stark abhängig“ seien. Die Präsidenten der Unis hätten den fast ausschließlichen Zweck, den Kontakt zu Alumnis und Großspendern zu pflegen. Aus seiner Sicht liegt in der Abhängigkeit von Spendern ein Grund für den Rücktritt von Magill – es gebe aber noch viele andere. „Als Uni muss man nicht jeden Unsinn mitmachen, den die Spender verlangen.“
Daniel Schwammenthal ist Direktor des American Jewish Committee Transatlantic Institute in Brüssel, er hat selbst in den USA studiert und dort gelebt. Die abgezogenen Gelder seien für die Unis schmerzhaft, aber „keine existenzielle Gefahr“. Die Universität Harvard hat ein Stiftungsvermögen von knapp 50 Milliarden US-Dollar, die Universität Pennsylvania sitzt auf knapp 21 Milliarden.
Wissenschaft, die ein Land spaltet
Was Schwammenthal mehr besorgt, ist der – aus seiner Perspektive – wachsende Antisemitismus und Illiberalismus an US-Eliteunis. Die Unis seien „politisiert“, es sei „unvorstellbar“, dass die Präsidentinnen der Unis solche Aufrufe zur Gewalt gegenüber irgendeiner anderen Minderheit toleriert hätten. Das Problem liege weit tiefer als die viral gegangene Anhörung: an den US-Unis würden in vielen Teilen „extreme Dogmen“ gelehrt, so Schwammenthal.
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Was er meint, sind Theorien wie die „Critical Race Theory“, die an US-Unis teils unterrichtet wird. Sie sagt im Kern, dass Rassismus nicht auf Einzelne zurückzuführen, sondern strukturell im Staat, im Rechtssystem und in der Polizei verankert sei. Laut Schwammenthal erklärt die Critical Race Theory „in ihrer Extremform“ Weiße automatisch als „Unterdrücker“, die für strukturellen Rassismus verantwortlich seien.
Würden Juden unter Nazis als „nicht weiß“ gelten, werden sie laut Schwammenthal bei der Critical Race Theory, nach der Weißsein in ihrer extremen Auslegung ein Makel sei, fast als „über-weiß“ eingestuft. Israel sei für einige Anhänger dieser „Ideologie“, so Schwammenthal weiter, nicht das Land, in dem Juden nach dem Holocaust und jahrhundertelanger Pogrome Schutz finden können – sondern eine Kolonialmacht.
Adrian Daub, der in Stanford auch ein Institut für Geschlechterforschung leitet, widerspricht. Die Theorie sei nicht das Problem, sondern eher Menschen in den Wissenschaften, die schlechte Arbeit leisteten und falsche Ableitungen aus dieser Theorie zögen. „Es gibt Leute, die Quatsch erzählen – aber deswegen muss man nicht die Legitimität des Forschungsfeldes bezweifeln“, sagt Daub. Die Critical Race Theory sei seinem Verständnis nach eine akademische Disziplin der Rechtswissenschaften, die die Auswirkungen der nun mal faktischen historischen Diskriminierung von Schwarzen auf die Gegenwart untersuche.
Elise Stefanik, die US-Republikanerin von der Anhörung, zieht diese Legitimität aber durchaus in Zweifel. Sie sieht sich in einer Mission gegen alles, was „woke“, also in ihren Augen progressiv ist. Im Gespräch mit der „New York Sun“ sagte Stefanik infolge der Anhörung im Kongress: „Diese Anhörung wird tektonische Folgen haben und ein Erdbeben im Hochschulwesen auslösen.“
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