Die USA nach der Schock-Wahl Kulturkampf in Amerika

Die Legalisierung der Homo-Ehe, die Einführung der Krankenversicherung, die Aufnahme von Flüchtlingen: Die USA sind zuletzt sehr liberal geworden. Nun droht die 180-Grad-Wende und ein Kulturkampf.

Demonstranten auf den Straßen von San Francisco protestieren gegen den künftigen US-Präsidenten Donald Trump. Quelle: REUTERS

Die USA haben sich verändert. Wie sehr, ist in Texas zu sehen. Der einstige urkonservative Bundesstaat, der in Europa mit Todesstrafe, Cowboys und Waffen verbunden wird, hat – aufgrund massiver inneramerikanischer Zuwanderung – einen Wandel erfahren. In Houston regiert ein demokratischer, schwuler Bürgermeister. Mary González aus der Nähe von El Paso ist US-weit die erste pansexuelle Abgeordnete. (Pansexuelle sind der Meinung, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt.) Und in Austin wird auf offener Straße gekifft.

„Texas wird von Jahr zu Jahr progressiver“, sagt Jeremi Suri, Geschichtsprofessor an der University of Texas in Austin. „Städte wie Austin oder San Antonio sind liberale und kulturelle Hochburgen. Von dort geht auch der Wunsch nach gesellschaftlichen Veränderungen aus. Noch ist Texas der Bundesstaat, der die meisten Todesurteile vollstreckt. Doch wie lange noch? „Es dauert vielleicht noch zehn Jahre, dann gibt es auch in Texas keine Mehrheit mehr für ein Verbot von Abtreibungen oder Homo-Ehe – ganz zu schweigen von der Ablehnung der Todesstrafe“, sagt Suri.

Der Kulturkampf in den USA schien entschieden; die Homo-Ehe ebenso mehrheitlich akzeptiert, wie die Aufnahme von Flüchtlingen und der Wunsch des Abschieds von der Todesstrafe. Doch dann kam der 8. November 2016.

Darum hat Trump gewonnen

Donald Trump siegt bei den US-Präsidentschaftswahlen. Und wie. Am Ende ist es nicht einmal knapp. Der Republikaner, den vorab alle Demoskopen und US-Medien abgeschrieben hatten, gewinnt im Süden und im Mittleren Westen, im konservativen Kernland wie in den bisherigen demokratischen Hochburgen wie Pennsylvania oder Michigan.

Der Aufstand der „angry white men“, der wütenden Weißen ist geglückt. Von einer „Revolution ohne Waffen“ ist in den USA die Rede. Hillary Clinton, die Kandidaten, die gleiche Bezahlung für Frauen und Männer fordert, die den Frauen die Entscheidung über mögliche Abtreibungen zusprechen und dem Land – zumindest etwas – seine schweren Waffen nehmen will, ist krachend gescheitert. Die Chauvinisten, Globalisierungskritiker und Engstirnigen haben gewonnen und hoffen nun, dass Amerika eine 180-Grad-Wende nimmt. Die Chancen stehen gut.

Parallel zur Präsidentschaftswahl haben die Republikaner am Dienstag ihre Mehrheit im Senat und im Abgeordnetenhaus verteidigt. Die Konservativen können folglich durchregieren und viele Errungenschaften aus den Obama-Jahren rückgängig machen.

Die wichtigsten Stationen im Leben des Donald Trump
1946Geboren am 14. Juni als viertes von fünf Kindern von Mary und Frederick C. Trump (links): Donald Trump ist der Sohn deutscher Einwanderer und erfolgreicher Immobilienunternehmer. Quelle: AP
1959-1964Schüler der New York Military Academy. Quelle: AP
1964-1966Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Fordham University in New York. 1966-1968Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Wharton Business School in Philadelphia (im Bild). Quelle: Wharton School
1968Eintritt ins Familienunternehmen "Elizabeth Trump & Son", Bauträger und Immobilien. 1971Übernahme des Unternehmens vom Vater. Quelle: AP
ab 1974Investitionen in Hotels, Casinos und Luxus-Apartment-Gebäude; Rechte an Miss-Wahlen, mehrere Biografien, eigene Möbel- und Modemarken. Quelle: AP
1977Hochzeit mit dem Model Ivana Marie Zelnickova und Geburt von Sohn Donald Jr. (im Bild). Quelle: AP
1981Geburt von Tochter Ivanka. Quelle: AP

Einer der ersten Schritte wird wohl die Abschaffung der Krankenversicherung – das Feindbild, das alle Konservative eint. Schon jetzt haben sie Pläne in der Schublade, die gesetzliche Hilfe zu verbannen. Die Aufkündigung von Klimaverträgen und Freihandelsabkommen könnten folgen. Noch schneller könnte Donald Trump einen Richter für den Obersten Gerichtshof benennen. Ein Sitz ist nach dem Tod des ehemaligen Richters Scalia seit Monaten vakant. Trump will – wenig überraschend – einen äußerst konservativen Richter benennen, der sich etwa klar gegen Abtreibungen ausspricht.

Schon am Wahlabend gingen an der Westküste Demonstranten auf die Straßen. „Nicht unser Präsidenten“ und „Die Straße gehört uns“, skandierten sie. Am Dienstag folgten ähnliche Szenen in Chicago und New York. Vor einem Trump-Gebäude am Central Park in Manhattan versammelten sich mehrere Hundert Menschen. Polizisten in Kampfmontur sicherten den Eingang des schwarzen Hochhauses. Das beherrschende Thema auch in New York: die Frage, ob und wie lange Frauen ihr ungeborenes Kind abtreiben dürfen. „Our body, our choice“, „Unser Körper, unsere Entscheidung“, rufen die Demonstranten.

„Amerika ist tiefer gespalten, als wir dachten“, bilanziert Hillary Clinton. Bis zum Ende hatte sie versucht, mit einer positiven Grundstimmung, also ganz anders als Donald Trump, die Wahlen zu gewinnen. „Love trumps hate“ – die Liebe schlägt den Hass – glaubte die Demokratin noch am Montagabend bei einem ihrer letzten Wahlkampfauftritte in Philadelphia.

Sie ermutigte ihre Unterstützer: „Ihr könnt morgen für ein optimistisches, integratives, warmherziges Amerika stimmen.“ Die Mehrheit der US-Bürger hat sich anders entschieden.

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