Gipfel in Vilnius: Der gefährliche Balanceakt der Nato

Am Dienstag twitterte Wolodymyr Selenskyj, der Präsident der Ukraine: Die sich abzeichnenden Entscheidungen der Allianz zu einem Beitritt seines Landes seien „absurd”.
Foto: imago imagesMan kann die Wut von Wolodymyr Selenskyj gut nachvollziehen. Kurz vor seinem Auftritt beim Nato-Gipfel in Vilnius am Dienstag twitterte der Präsident der Ukraine: Die sich abzeichnenden Entscheidungen der Allianz zu einem Beitritt seines Landes seien „absurd“ und die Unschlüssigkeit ihrer Mitglieder „eine Schwäche“ – einerseits.
Andererseits kann man aber auch die Zurückhaltung nachvollziehen. Vor allem die USA und Deutschland fürchten, eine zu schnelle Nato-Perspektive könne die Allianz gefährlich nah an den Krieg führen und auch Russlands Exit-Strategien versperren. Warum sollte Putin bitte aufhören zu kämpfen, wenn er dadurch sofort den Feind aufrücken sieht?
Der gewählte Lösungsweg besteht deshalb aus einem unübersichtlichen Konstrukt aus Vertragswerken und Hilfsprogrammen. Der Westen übt sozusagen einen teils bilateralen, teils multilateralen Balanceakt zwischen Krieg und Eindämmung. Das erschwert Putins Aggression augenscheinlich und hilft der Ukraine. Die Kunst muss jetzt aber darin bestehen, ein dringend nötiges und nachhaltiges Gesamtbild der Abschreckung zu entwerfen. Nur so lässt sich der Konflikt auch irgendwann einmal beenden. Und eine erneute Invasion in Zukunft verhindern.
In Vilnius stehen ja dutzende Pläne für die Ukraine auf dem Programm: Ein Rahmenabkommen der G7-Staaten plus Partner, darunter noch einmal eigene Verträge der Einzelstaaten mit Selenskyj. Die USA denken über ein Schutzabkommen nach dem Vorbild Israels nach, die Deutschen versprechen Waffen für 700 Millionen Euro. Dazu kommen die Entscheidungen des Rammstein-Formats über Waffenhilfen und die nonletale Unterstützung der Nato. So weit, so wichtig.
Aber: Die baldige Mitgliedschaft in der Allianz hätte all dem eine wichtigen politischen roten Faden bieten können. Wenn der Westen diesen Weg scheut, muss er sich dringend Gedanken über Alternativen machen. Der Kreml schwächelt derzeit sichtbar, was ihn im Zweifel noch gefährlicher macht. Es wird höchste Zeit, diesen Albtraum zu beenden.
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