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Konflikt in AsienSpannungen um Taiwan nehmen zu: Droht ein weiterer großer Krieg?

Will China ähnlich wie Russland die Ukraine nun Taiwan erobern? Drohungen und Militärmanöver lassen Schlimmes befürchten. Ist eine Eskalation zwischen den Atommächten USA und China unausweichlich?dpa und Julia Naue, Andreas Landwehr 29.12.2022 - 07:03 Uhr

Die Angst vor einen Einmarsch Chinas in Taiwan wächst.

Foto: imago images

Der Konflikt um Taiwan verschärft sich. Nach der russischen Invasion in der Ukraine wächst die Sorge vor einem weiteren großen Krieg, in dem diesmal die zwei Atommächte China und USA direkt aufeinanderstoßen könnten. Diplomaten in Peking fürchten, dass es eher früher als später dazu kommen könnte. Hohe US-Militärs sehen einen Angriff Chinas auf die Insel 130 Kilometer vor dem chinesischen Festland bislang noch als viel zu riskant für Peking an. Doch wie China, die USA und Taiwan seit Jahrzehnten mit ihren Differenzen umgehen, passt immer weniger zur Realität - das Risiko für eine Konfrontation zwischen den großen Mächten steigt.

„Beide Länder befinden sich in einem eskalierenden Schlagabtausch von provokativen militärischen und diplomatischen Aktionen rund um Taiwan - und in beiden Hauptstädten wächst das Gefühl, dass ein Krieg um Taiwan unvermeidlich sein könnte“, warnte etwa das Politik-Magazin „The Nation“. Das Pentagon geht davon aus, dass China weiterhin den militärischen Druck erhöhen werde, um Taiwan zur Wiedervereinigung zu zwingen.

Der schwelende Streit um die kleine Inselrepublik hat sich gefährlich hochgeschaukelt. Seitdem US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi als höchstrangigste Amerikanerin seit Jahrzehnten im August nach Taiwan reiste, hält China mit Flugzeugen und Kriegsschiffen seinen Druck aufrecht. US-Präsident Joe Biden sagte im Falle eines chinesischen Angriffs militärische Unterstützung auch durch US-Truppen zu.

Worum geht es bei dem Streit um Taiwan?
Der kommunistische Machtanspruch geht auf die Gründungsgeschichte der Volksrepublik China zurück. Nach der Niederlage im Bürgerkrieg gegen die Kommunisten zog die nationalchinesische Kuomintang-Regierung mit ihren Truppen nach Taiwan, während Mao Tsetung 1949 in Peking die Volksrepublik ausrief. Der heutige Staats- und Parteichef Xi Jinping sieht eine „Vereinigung“ mit Taiwan als „historische Mission“.Stand: September 2023
Die Insel zwischen Japan und den Philippinen hat große strategische Bedeutung. US-General Douglas MacArthur bezeichnete Taiwan einst als „unsinkbaren Flugzeugträger“ der USA. Eine Eroberung durch China wäre ein wichtiger Baustein in dessen Großmacht-Ambitionen, weil es das Tor zum Pazifik öffnen würde.
China zwingt jedes Land, das diplomatische Beziehungen mit Peking haben will, keine offiziellen Kontakte mit Taiwan zu unterhalten. Es ist vom „Ein-China-Grundsatz“ die Rede. Danach ist Peking die einzige legitime Vertretung Chinas. Auf chinesischen Druck wurde Taiwan aus den Vereinten Nationen und internationalen Organisationen ausgeschlossen. Nur wenige kleinere Länder unterhalten noch diplomatische Beziehungen. Deutschland oder die USA betreiben nur eine inoffizielle Vertretung in Taipeh.
Die Taiwaner verstehen sich mehrheitlich längst als unabhängig und wollen zumindest den Status quo wahren. Auch wollen sie als Demokratie international anerkannt werden und sich keinem diktatorischen System wie in Festlandchina unterwerfen. Die frühere Kuomintang-Regierung hatte einst selber einen Vertretungsanspruch für ganz China, was sich bis heute im offiziellen Namen „Republik China“ widerspiegelt. Dieser Anspruch wurde 1994 aufgegeben. Damals wandelte sich Taiwan von einer Diktatur zu einer lebendigen Demokratie. Jede Veränderung des Status quo müsste aus Sicht der Regierung heute demokratisch von den 23 Millionen Taiwanern entschieden werden.
Experten gehen davon aus, dass ein Krieg um Taiwan massive und größere Auswirkungen hätte als der Angriff Russlands auf die Ukraine - auch auf Deutschland. Taiwan ist Nummer 22 der großen Volkswirtschaften, industriell weit entwickelt und stark mit der Weltwirtschaft verflochten. Ein Großteil der ohnehin knappen Halbleiter stammen von dortigen Unternehmen. Wegen der großen Abhängigkeit vom chinesischen Markt wären deutsche Unternehmen massiv betroffen, wenn ähnlich wie gegen Russland wirtschaftliche Sanktionen gegen China verhängt werden sollten.Stand: September 2023

Eigentlich galt hier bisher die sogenannte strategische Zweideutigkeit, mit denen die USA genau diese Frage offen lassen wollten. Um die Verwirrung – bewusst? – perfekt zu machen, ruderte das Weiße Haus wieder zurück und versuchte, Bidens Aussagen einzufangen: An der China-Politik der USA habe sich nichts geändert.

Beziehung zwischen USA und China auf Tiefpunkt

Offenbar um die Gemüter abzukühlen, gab sich Biden jüngst überzeugt, dass die Drohgebärden Chinas zumindest nicht auf einen „unmittelbar bevorstehenden“ Versuch zur Invasion Taiwans hindeuteten. Am Rande des G20-Gipfels auf der indonesischen Insel Bali traf sich der US-Präsident mit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping. Es war das erste persönliche Treffen seit Bidens Amtsantritt vor knapp zwei Jahren. Die Beziehungen sind auf einem Tiefpunkt, auch wegen Taiwan.

Das Treffen brachte immerhin die Gespräche wieder in Gang. Als erster soll US-Außenminister Antony Blinken das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Er will Anfang des Jahres nach China reisen. Auch trafen sich US-Verteidigungsminister Lloyd Austin und sein Kollege Wei Fenghe am Rande des Asean-Gipfels in Kambodscha. Taiwan sei eine „rote Linie“, warnte ihn der chinesische Top-General.

„Washington, Taipeh und Peking müssen einen neuen Weg der Koexistenz finden, bei dem die jeweiligen grundlegenden Interessen gewahrt bleiben, aber weitergehende Bestrebungen gebremst werden können“, schrieb der Taiwan-Experte Michael Mazza im Magazin „Foreign Policy“. Auf diesem Weg werde es „Provokationen“ und einige „haarsträubende Momente“ geben. Doch müssten US-Politiker dabei darauf verzichten, die Beziehungen dafür zu nutzen, Peking zu knüppeln und dem Drang widerstehen, Xi Jinpings Ansehen im eigenen Land zu untergraben.

Spannungen mit China

Taiwan verlängert Wehrdienst auf zwölf Monate

Unbeirrt beschwört China die „Ein-China-Politik“. Nach dieser Doktrin gibt es nur ein China, und Peking ist die einzig legitime Regierung. Taiwan agiert längst unabhängig, erfüllt völkerrechtlich alle Voraussetzungen als eigene Nation. Doch Peking würde nach eigenem Bekunden eine formelle Abspaltung zum Anlass nehmen, um zu „nicht friedlichen Mitteln“ zu greifen. Das Gleiche gilt, wenn alle friedlichen Möglichkeiten zur „Wiedervereinigung“ ausgeschöpft seien. Zu diesen Schlüssen könnte Chinas Führung jederzeit kommen.

Die „Ein-China-Politik“ habe ausgedient, sie sei ein Produkt des Kalten Krieges, ist Mazza überzeugt. „Wenn nicht alle drei Parteien akzeptieren, dass eine neue Regelung sowohl notwendig als auch durchführbar ist, kann es zur Katastrophe kommen.“

Als Grundlage für eine Annäherung diente Taiwan und China lange der vage „Konsens von 1992“. Er bot Spielraum, weil beide Seiten damit anerkannten, dass es nur ein China gibt, aber akzeptieren, dass sie verschiedene Vorstellungen davon haben. Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen will davon aber nichts mehr wissen – auch weil es altes, chinesisches Denken repräsentiert.

Jede gewählte Regierung in Taipeh muss Rücksicht darauf nehmen, dass die 23 Millionen Taiwaner heute eine andere Identität haben. Nur noch 2,4 Prozent sehen sich als Chinesen. Zwei Drittel fühlen sich als Taiwaner. Weniger als 7 Prozent wollen überhaupt eine „Vereinigung“ (1994: 20 Prozent).

Görlachs Gedanken

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Dieses Jahr demonstrierte Peking auf verschiedene Weisen seine Macht, Taiwan jederzeit in die Knie zwingen zu können. Dabei würde ein Invasionskrieg Chinas mit großer Sicherheit in einen Weltkrieg münden. Eine Kolumne.

von Alexander Görlach

Aus Pekings Sicht wäre ein Verzicht auf die Insel eine Gefahr, denn dann wäre es durch die Inselketten US-Verbündeter vollends umzingelt. Mit einer erfolgreichen Invasion könnte die aufstrebende Großmacht China sich das Tor zum Pazifik öffnen und die USA herausfordern.

Biden sagt Taiwan militärische Hilfe zu

Schon lange haben die USA die Insel mit Waffen versorgt. Bei der Aufnahme diplomatischer Beziehungen 1979 zu China verpflichteten sich die USA mit einem eigenen Gesetz, für Taiwans Verteidigung zu sorgen. Der „Taiwan Relations Act“ sichert zu, dass die USA „immer an der Seite Taiwans stehen“. Eine gewaltsame Einnahme würde die Region destabilisieren und dem ähneln, was in der Ukraine passiert sei, begründete Biden nun auch seine Zusage zu militärischer Hilfe.

Zumindest öffentlich sieht das US-Militär es als unwahrscheinlich an, dass China in absehbarer Zeit Fakten schafft. US-Stabschef Mark Milley hält eine Invasion der hoch gerüsteten, dicht bevölkerten und bergigen Insel für eine „sehr schwierige Operation“. Dafür ist die – nicht kampferprobte – Volksbefreiungsarmee aus seiner Sicht nicht vorbereitet: „Ich denke, es wird einige Zeit dauern, bis die Chinesen die militärischen Fähigkeiten haben und bereit sind, es zu tun.“

Wenn Xi Jinping Kosten, Nutzen und Risiken abwäge, würde er zu dem Schluss kommen, dass ein Angriff auf Taiwan „ein übermäßiges Risiko“ darstellen und in einem „Debakel für Chinas Militär“ enden würde, sagte Milley. „Es würde ihren chinesischen Traum umwerfen, die Nummer eins als militärische und wirtschaftliche Macht zu sein.“ Ein geopolitischer und strategischer Fehler - ähnlich wie der, den Russlands Präsident Wladimir Putin begangen habe, sagte Milley: „Es gibt viele Lektionen aus dem Krieg in der Ukraine zu lernen.“

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