Krieg in der Ukraine „Wer Putin den Geldhahn nicht abdreht, zahlt Blutgeld“

Oleg Ustenko, Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj Quelle: Youtube-Screenshot via Bruegel

660 Millionen Euro zahlt Europa laut Studien täglich an Russland für Energieimporte. Der Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten Selenskyj fordert einen sofortigen Stopp – und warnt vor einer Hungersnot.

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Oleg Ustenko (52) ist Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Der Ökonom hat einen Master der US-Universität Harvard und promovierte in Kiew. Die WirtschaftsWoche hat mit ihm gesprochen.

WirtschaftsWoche: Herr Ustenko, Sie sind der Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, haben einen engen Draht zu ihm. Wo befinden Sie sich selbst gerade?
Oleg Ustenko: Das darf ich aus Sicherheitsgründen nicht sagen.

Wie ist die Lage bei Ihnen in der Ukraine?
Die meisten Städte im Osten des Landes stehen unter Bombenbeschuss. Am Dienstag erreichte uns die Nachricht, dass Russland eine Entbindungsstation in Mariupol angegriffen hat. Wir leben in Parallelwelten. Auf der einen Seite das Mittelalter, auf der anderen Seite versuchen wir den Alltag des 21. Jahrhunderts aufrechtzuhalten.

Wie viel Normalität gibt es im Krieg? Arbeiten Unternehmen noch?
50 Prozent der Unternehmen haben den Betrieb stillgelegt. Die restlichen Unternehmen funktionieren eingeschränkt, vielleicht nur zu fünf bis zehn Prozent. Die meisten Produktionsstätten befinden sich im Osten, Süden und in der Mitte des Landes. Der einzige Teil, der nicht attackiert wird, ist der Westen, wo es fast nur Dienstleistungsbetriebe gibt. Selbst der Agrarsektor befindet sich in den Gebieten, die unter Beschuss stehen.

Wird dieses Jahr die Ernte ausfallen, wenn niemand die Felder bestellt?
Traditionsgemäß findet in der Ukraine die Aussaat in den ersten zehn Tagen im März statt. Die Vorbereitungen der Felder müssen Ende April abgeschlossen sein. Wenn das nicht passiert, dann wird der Ertrag bei nahe Null liegen.

Lesen Sie auch: Die Ukraine gilt als „Kornkammer Europas“. Im Krieg können Weizen und Mais kaum geerntet, ausgesät oder verschifft werden. Es droht eine Hungerkatastrophe.

Also stehen die Aussichten schlecht?
Uns bleibt maximal eine Woche für die Saat. Wenn der Krieg bis dahin nicht aufhört, dann wird die Welt ein Versorgungsproblem bekommen. Die Ukraine ist der weltweit fünftwichtigste Weizenproduzent, bei Roggen liegt der Marktanteil bei 15 Prozent. Bei Sonnenblumenöl sind wir die Nummer eins mit einem Marktanteil von 50 Prozent. Prognosen zufolge wäre unser Marktanteil in diesem Jahr noch gestiegen. Wenn wir nicht liefern können, dann wird der Preis an den internationalen Märkten anziehen. Die Welt muss entscheiden, wie sie die Menschen ernähren will, besonders in afrikanischen Ländern.

Auch im Krieg muss sich ein Staat finanzieren. Wie steht es um die ukrainischen Staatsmittel?
Unser Haushaltsdefizit sollte in diesem Jahr 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen. Es wird natürlich sehr viel höher ausfallen, abhängig davon, wie lange der Krieg noch dauert. Aber viele Unternehmen haben Steuern im Voraus gezahlt, weil sie verstanden haben, dass wir das Geld für die Armee brauchen. Manche haben die Steuern für das ganze Jahr beglichen, manche ein Quartal im Voraus. Selbst jetzt schicken Menschen der Armee noch Geld. Wir haben im Fernsehen Spendenaufrufe mit QR-Codes, damit Bürger Geld überweisen können.

Der Westen liefert der Ukraine Waffen zur Verteidigung. Wie hilfreich ist diese Form der Unterstützung?
Wir brauchen Ausrüstung, Waffen und Flugzeuge. Wir brauchen aber auch Sanktionen auf russisches Öl und Gas. Und zwar sofort. Wir akzeptieren nicht, dass im Westen noch diskutiert wird, während hier Menschen sterben.

Sie gehen davon aus, dass Sanktionen auf Öl und Gas den Feldzug des russischen Präsidenten Wladimir Putin stoppen können?
Diese Sanktionen würden die Finanzierung des Kriegs stoppen. Wer jetzt nicht den Geldhahn zudreht, ist mitverantwortlich für die vielen Toten und die Straftaten in meinem Land. Ich finde es überraschend, dass ausgerechnet Deutschland die Bewegung für Sanktionen auf Öl und Gas nicht anführt. Deutschland hat aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt und weiß um die Verbrechen, die die Nazis damals in der Ukraine begangen haben.

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Deutschland hat bereits gemeinsam mit den anderen EU-Staaten harte finanzielle Sanktionen gegen Russland, seinen Präsidenten und zahlreiche Oligarchen verhängt, das Land steuert auf einen Staatsbankrott zu. Ist Putin nicht schon dadurch erheblich unter Druck?
Es stimmt, dass die russische Wirtschaft geschwächt wurde, aber Russland muss vollständig vom internationalen Finanzsystem abgeschnitten werden, andernfalls reden wir über Blutgeld. Die Entscheidungen müssen sofort getroffen werden. Die wirtschaftlichen Aspekte sind dabei zweitrangig. Wir haben gerade keine Zeit für traditionelles Denken. Ich wäre froh, wenn ich mich wieder um Wirtschaftspolitik kümmern könnte.

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