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„Super Tuesday“ Die Mitte gegen Bernie Sanders

Joe Biden ist wieder im Rennen. Wer von ihnen könnte Donald Trump schlagen? Quelle: dpa

Ex-Vizepräsident Joe Biden eröffnet den Zweikampf: Er ist nun Bernie Sanders' stärkster Konkurrent um die US-Präsidentschaftskandidatur der Demokraten.

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Amerikanisch-Samoa ist vor allem für die schönen Dinge bekannt. Die kleine Inselgruppe im Südpazifik darf sich über zwei Korallenriffe freuen, über weiße Traumsandstrände und türkisblaues Meer. Seit dem dritten März 2020 darf sich das Territorium mit einer weiteren Besonderheit schmücken: Am wichtigen „Super Tuesday“ gewann Michael Bloomberg hier seine bisher einzige Vorwahl um die US-Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Er holte insgesamt 175 Stimmen - zu wenig für den Milliardär - er gab auf.

Bei allem Respekt vor dem US-Außengebiet: Für den Ex-Bürgermeister von New York ist das Ergebnis eine Katastrophe. Vor genau 101 Tagen hatte er seine Präsidentschaftskandidatur erklärt. Seitdem pumpte er mehr als eine halbe Milliarde Dollar seines eigenen Geldes in den Wahlkampf. Davon allein über 230 Millionen Dollar für Fernseh-, Radio- und Internetwerbung in den 14 Staaten und dem Territorium, die am Super Tuesday ihre Vorwahlen veranstalteten. Sie entsenden rund ein Drittel der Delegierten, die im demokratischen Vorwahlprozess zu gewinnen sind.

Trotz der zahlreichen Niederlagen gab Bloomberg sich am Abstimmungsabend noch kämpferisch: „In nur drei Monaten sind wir von einem Prozent zu einem Mitbewerber um die Präsidentschaftsnominierung der Demokraten geworden“, so der Ex-Bürgermeister auf seiner Wahlparty in Florida. Gleichwohl hört man aus seinem Wahlkampfteam, dass man nun über das weitere Vorgehen beraten will. Ein schneller Ausstieg aus dem Rennen ist zumindest vorstellbar.

Beigebracht hat Bloomberg die Niederlage ausgerechnet der Mann, dessen zwischenzeitliche Schwäche ihn erst dazu animiert hatte, in den Wahlkampf einzusteigen. Ex-Vizepräsident Joe Biden siegte in zahlreichen Bundesstaaten, vor allem im Süden des Landes. Seitdem er am Samstag zuvor überraschend deutlich die Vorwahl in South Carolina gewonnen hatte, spürt Biden Rückenwind. Konkurrenten wie Pete Buttigieg und Amy Klobuchar stiegen aus dem Rennen aus und gaben dem 77-Jährigen so die Möglichkeit, am Super Tuesday die Stimmen zahlreicher moderater Wähler hinter sich zu versammeln. So konnte er Bloomberg in allen Staaten auf die Plätze verweisen, obwohl er mit rund zwei Millionen Dollar nur rund ein Prozent des Werbebudgets von Bloomberg zur Verfügung hatte.

Es war nicht unbedingt die Begeisterung für Biden, die seine Konkurrenten zur Aufgabe bewegt hatte. Vielmehr setzte sich unter den ehemaligen Bewerbern die Überzeugung durch, dass nur der Ex-Vizepräsident den bisherigen Favoriten um die Nominierung der Partei schlagen kann: Bernie Sanders, Senator aus Vermont – und selbsternannter demokratischer Sozialist.

Sanders hatte dem Parteiestablishment in den vergangenen Wochen einen gehörigen Schrecken eingejagt. Er schnitt in den ersten drei Vorwahlen stark ab, eine klare Alternative zu ihm zeichnete sich im noch immer großen Bewerberfeld nicht ab. Unter den Moderaten wuchs die Angst, dass dem Linksausleger die Nominierung der Partei bald nicht mehr zu nehmen sein würde – mit aus ihrer Sicht dramatischen Folgen für die Wahl im November. Die Konsolidierung half Biden nun, sich als glaubwürdige Alternative für die moderaten Kräfte in der Partei zu präsentieren.

Geschlagen hat der Ex-Vizepräsident den Senator Sanders damit noch lange nicht. Denn auch Sanders hat allen Grund, mit dem Verlauf des Abends zumindest nicht unzufrieden zu sein. Er gewann unter anderem im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Kalifornien – ein Sieg, der ihm im Rennen um die meisten Delegierten für den Nominierungsparteitag im Juli einen Schub gibt. Entsprechend kämpferisch gab sich Sanders, als er in seinem Heimatstaat Vermont vor seine Anhänger trat: „Wir werden die demokratische Nominierung gewinnen“, rief er seinen jubelnden Fans zu. „Und wir werden den gefährlichsten Präsidenten in der Geschichte dieses Landes schlagen.“

Ausgemacht ist das allerdings noch lange nicht. Schließlich hatte Biden einen höchst erfolgreichen Abend, gewann überraschend in Texas, Minnesota und Massachusetts und schnitt auch in Maine unerwartet stark ab. Er bewies damit, dass er auch dort gewinnen kann, wo weiße Amerikaner die überragende Bevölkerungsmehrheit stellen. Zumindest in Massachusetts dürfte er allerdings auch davon profitiert haben, dass Senatorin Elizabeth Warren nach wie vor im Rennen ist. Sie landete in ihrem Heimatstaat zwar nur auf dem dritten Platz, dürfte durch ihr progressives Programm jedoch Sanders wichtige Stimmen abgenommen haben.



Biden wiederum musste vor allem im Süden seine potenziellen Wähler mit Bloomberg teilen. Der Ex-Bürgermeister gewann zwar nur im Südpazifik, allerdings sammelte er in mehreren Staaten auch Delegierte ein. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es trotz des faktischen Zweikampfs zwischen Joe Biden und Bernie Sanders bis zum Parteitag im Juli nicht zu einer klaren Entscheidung kommt. Hat kein Kandidat die Mehrheit, entscheiden im zweiten Wahlgang die Delegierten selbstständig – ein Fall, den es seit der Einführung des aktuellen Vorwahlsystems im Jahr 1972 nicht mehr gegeben hat. Die Entscheidung über den künftigen Kurs der Demokraten könnte sich noch lange hinziehen.

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