Zwei Monate nach Meuterei gegen Putin: Wagner-Chef Prigoschin stirbt offenbar bei Flugzeugabsturz
Jewgeni Prigoschin, Chef der Söldnertruppe Wagner
Foto: dpaBeim Absturz eines Privatjets in Russland sind vorläufigen Informationen des russischen Zivilschutz zufolge alle zehn Insassen ums Leben gekommen. Auf der Passagierliste stand offenbar auch der Chef der russischen Söldnertruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin, wie die russische Luftfahrtbehörde Rosawiazija am Mittwoch mitteilte. Der Telegram-Kanal Grey Zone, den Prigoschin nutzte, bestätigte am Mittwochabend den Tod des Wagner-Chefs. Eine offizielle Bestätigung steht zur Stunde noch aus (Stand: 22:20 Uhr).
Die Embraer-Maschine auf einem Flug von Moskau nach St. Petersburg sei in der Region Twer nördlich der Hauptstadt niedergegangen, meldete die russische Nachrichtenagentur Tass am Mittwoch unter Berufung auf das Katastrophenschutz-Ministerium. An Bord waren drei Mann Besatzung. Noch am Abend wurden acht Leichen aus den Trümmern geborgen, wie Quellen im Rettungsdienst der Stadt Bologoje der Agentur Tass sagten.
Die Absturzursache war noch nicht offiziell bekannt. „Zu dem Absturz des Embraer-Flugzeugs heute Abend in der Region Twer wurde eine Untersuchung eingeleitet“, zitierte die Nachrichtenagentur Tass am Mittwochabend die Luftfahrtbehörde.
Ob Prigoschin sich tatsächlich an Bord der Maschine von Moskau nach St. Petersburg befunden hatte, war zunächst noch nicht vollkommen gesichert. In St. Petersburg haben Prigoschins Firmen ihren Sitz.
„Wo Prigoschin war, dazu gibt es im Moment keine genauen Informationen“
Kurz nach Bekanntwerden des Flugzeugabsturzes verbreitete Prigoschins Internetmedium die Version eines gezielten Abschusses: Die Maschine sei über dem Gebiet Twer von der Flugabwehr abgeschossen worden, hieß es auf dem Telegram-Kanal Grey Zone. Prigoschin nutzt diesen Kanal üblicherweise, um seine Videos zu verbreiten. Überprüfbar war die Behauptung eines Abschusses nicht. Grey Zone schrieb, es seien zwei Flugzeuge der Privatarmee Wagner in der Luft gewesen. Das zweite habe auf dem Flug nach St. Petersburg kehrt gemacht und sei im Flughafen Ostafjewo südlich von Moskau gelandet.
Grey Zone zog zunächst die Behördenversion in Zweifel, wonach Prigoschin auf der Passagierliste der ersten Maschine gestanden habe und getötet worden sei. „Wo Jewgeni Prigoschin letztlich war, dazu gibt es im Moment keine genauen Informationen“, hieß es. Wenig später wurde eine Nachricht auf dem Kanal verbreitet, derzufolge Jewgeni Prigoschin tot sei: „Prigoschin starb als Ergebnis der Handlungen von Verrätern Russlands“, hieß es in dem Post. „Aber selbst in der Hölle wird er der beste sein!“
Prigoschin gründete 2014 die Söldnergruppe Wagner zusammen mit Dmitri Utkin. Im Juni hatte er seine Kämpfer zum Marsch auf Moskau aufgerufen, weil die russische Militärführung angeblich einen Angriff auf Wagner-Söldner befohlen hatte. Diese Meuterei brach der 62-Jährige jedoch rasch wieder ab und willigte ein, gemeinsam mit seinen Kämpfern nach Belarus ins Exil zu gehen. Im Gegenzug sollten sie vom Kreml nicht strafrechtlich verfolgt werden, obwohl Präsident Wladimir Putin Prigoschin als Verräter bezeichnete. Die Hintergründe dieser Ereignisse sind bis heute unklar.
Prigoschin zuletzt in Afrika vermutet
Noch wenige Tage zuvor war Jewgeni Prigoschin in Afrika vermutet worden. In einem am Montag veröffentlichten Video war er in einem Wüstengebiet in Tarnuniform und mit einem Gewehr bewaffnet zu sehen. „Die Temperatur ist +50 - alles wie wir es wollen“, sagt er in der ersten veröffentlichten Video-Ansprache seit der Rebellion der Söldner-Gruppe vor rund zwei Monaten.
Wagner-Söldner sind in mehreren afrikanischen Ländern wie Mali aktiv. Den jüngsten Umsturz im Niger begrüßte Prigoschin. Kämpfer der Privatarmee waren zuvor auch monatelang an der Seite russischer Soldaten im Krieg gegen die Ukraine im Einsatz. Die russischen Kämpfer sind für ihre Brutalität berüchtigt. Für den Angriffskrieg auf die Ukraine warb Prigoschin Häftlinge aus russischen Gefängnissen an. Nachdem die Söldnertruppe schwere Verluste erlitten hatte, bezeichnete Prigoschin die reguläre russische Militärführung als korrupt und unfähig. Er kritisierte unter anderem, seine Kämpfer würden nicht ausreichend mit Munition versorgt.
Priogschin hatte selbst im Gefängnis gesessen und später Karriere als Hoflieferant für den Kreml gemacht, daher rührt sein Beiname „Putins Koch“. Er soll auch der Geschäftsmann hinter den Trollfabriken in St. Petersburg gewesen sein, die über soziale Netzwerke Einfluss auf westliche Länder zu nehmen versuchten.
US-Präsident Joe Biden sagte zu dem Flugzeugabsturz, er wisse nicht genau, was passiert sei. Er sei aber nicht überrascht, kommentierte Biden am Mittwoch am Rande eines Urlaubsaufenthaltes im US-Bundesstaat Kalifornien. Auf die Frage von Reportern, ob seiner Ansicht nach Russlands Präsident Wladimir Putin hinter dem Absturz stecke, sagte Biden: „Es gibt nicht viel, was in Russland passiert, hinter dem Putin nicht steckt.“ Er wisse aber nicht genug, um dies beantworten zu können.
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