Angst vor Bank-Runs: Bankenaufsicht für soziale Medien? Kümmert euch lieber um die wahren Probleme

Bundesbankchef Joachim Nagel will die Gefahr von Bankenruns durch Social Media bannen.
Foto: imago images, Collage: WirtschaftsWocheAufsicht ist die Mutter der Porzellankiste – das dürfte sich Bundesbankpräsident Joachim Nagel in Abwandlung eines bekannten Aperҫus gedacht haben, als er forderte, die Bankenaufsicht solle in Zukunft auch die sozialen Medien ins Visier nehmen. Hintergrund ist der Kollaps der amerikanischen Silicon Valley Bank im Frühjahr dieses Jahres. Damals hatten Äußerungen in den sozialen Medien Panik unter den Kunden der Bank geschürt und sie veranlasst, massenweise ihre Einlagen abzuziehen.
Nagel fürchtet, in Zukunft könne ein solcher Banken-Ansturm auch durch Fake-News ausgelöst werden. Denkbar wäre die Streuung entsprechender Gerüchte durch ausländische Geheimdienste mit dem Ziel, das westliche Bankensystem zu erschüttern. Dem könne vorgebeugt werden, wenn die Bankenaufsicht in Europa, die bei der Europäischen Zentralbank angesiedelt ist, auf die sozialen Medien ausgeweitet werde, so Nagel.
Die Sorgen des obersten deutschen Notenbankers sind nicht unbegründet. Denn über die sozialen Medien lässt sich einfach und schnell Panik erzeugen. Mussten die Menschen früher zum Bankschalter stürmen, um ihr Geld abzuheben oder an ein anderes Institut zu überweisen, reicht heute dank Online-Banking ein Klick, um es von einer Bank zu einer anderen zu transferieren.
Dennoch ist Nagels Vorschlag eine reine Symptomkur, die die tieferliegende Ursache der Fragilität unseres Banken- und Geldsystems ausblendet. Diese besteht darin, dass die Kundeneinlagen der Banken nur zum Teil durch Zentralbankgeld gedeckt sind.
So müssen die Einleger im Fall einer Bankinsolvenz fürchten, ihr Geld zu verlieren, sollten ihre Bankeinlagen den durch die gesetzliche Einlagensicherung garantierten Betrag übersteigen.
Um diesen systemischen Defekt zu beheben, bedarf es einer grundlegenden Reform unseres Geldwesens, die darin besteht, die Einlagen der Banken vollständig durch Basisgeld zu decken. Im reinen Goldstandard übernähme Gold diese Funktion.
Vollreserve statt Teilreserve
Im aktuellen Fiat-Geldsystem wäre eine 100-prozentige Deckung der Kundeneinlagen durch Zentralbankgeld, das die Geschäftsbanken bei der Notenbank vorhalten, denkbar. Wissen die Bankkunden, dass ihre Einlagen vollständig durch physisches Gold oder durch Zentralbankgeld gedeckt sind, gibt es keinen Grund, im Krisenfall die Bankschalter zu stürmen. Egal, ob es sich um echte oder durch Fake-News heraufbeschworene Pseudo-Krisen handelt.
Einen Plan, Bankeinlagen zu 100 Prozent durch Zentralbankgeld zu decken, gab es bereits vor 90 Jahren. 1933 hatten Ökonomen der Universität Chicago um Frank Knight und Henry Simons US-Präsident Franklin Roosevelt aufgefordert, die Banken dazu zu verpflichten, ihre Kundeneinlagen vollständig durch Zentralbankgeld zu decken. Ziel der Chicago-Ökonomen war es, die Kredit- und Geldschöpfung der Banken an die Leine zu legen, um das Finanzsystem stabiler zu machen. Der Plan scheiterte am Widerstand der Banken, die um ihre Gewinne aus der freihändigen Kreditvergabe fürchteten.
Das Scheitern das Chicago-Plans sollte die heutigen Zentralbanker und Gesetzgeber nicht davon abhalten, die Idee von damals wieder aufzunehmen. Denn der Fall der Silicon Valley Bank hat gezeigt, dass in unserem global verwobenen Bankensystem schon der Kollaps einer Regionalbank reicht, um ein globales Bankenbeben auszulösen. Eine ursachenadäquate Therapie für unser dysfunktionales Geld- und Kreditsystem durch eine Vollreservepflicht ist allemal besser als die Ausweitung staatlicher Kontrollmechanismen auf die sozialen Medien, auf denen die Redefreiheit ohnehin in Gefahr ist.
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