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Arbeitskräftemangel„Work first“ für Ukrainerinnen? Nicht in Deutschland

Andere Länder bringen Geflüchtete viel schneller in Jobs. Dass es hierzulande schlechter gelingt, hat nicht nur mit dem Bürgergeld zu tun, zeigt eine neue Studie.Cordula Tutt 02.10.2024 - 15:55 Uhr
Foto: Marijan Murat/dpa

Fachkräftemangel überall, offene Stellen lange unbesetzt – und dann das: Deutschland macht ukrainischen Geflüchteten den Jobeinstieg schwer, weil hier vergleichswiese umständliche Regeln für sie gelten. Das betreffe die Anforderungen an Sprache und Integration sowie die Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse. Zu diesem ernüchternden Schluss kommt eine noch unveröffentlichte Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie vergleicht die Bedingungen für die Zuwanderer in Nachbarländern im Osten, Norden und Westen mit denen der Bundesrepublik.

Überall seien seit Kriegsbeginn im Februar 2022 vor allem Frauen angekommen, viele mit ihren Kindern, heißt es in der Studie der CDU-nahen Stiftung, die der WirtschaftsWoche vorliegt. Für Deutschland gibt die Autorin der Studie, Natalie Klauser, die Zahl der Erwerbsfähigen mit 862.000 an. Das seien zwei Drittel der Angekommenen, nämlich jene zwischen 15 und 64 Jahren, und immerhin 1,6 Prozent der Bevölkerung hierzulande. Zwei Drittel der erwerbsfähigen Menschen aus der Ukraine seien wiederum Frauen. Insgesamt lebten rund 1,3 Millionen Staatsangehörige der Ukraine in Deutschland.

Deutschland hinkt hinterher

Anderswo haben die Geflüchteten bereits häufiger Arbeit angenommen, oft auch entsprechend ihrer Qualifikation, vergleicht die Studie. „Die hohe Erwerbslosigkeit steht im Kontrast zur hohen Erwerbsbereitschaft und zum Bildungsstand der ukrainischen Geflüchteten“, heißt es über Deutschland. Fast drei Viertel der erwachsenen Angekommenen verfügten über einen akademischen Abschluss. Wo also liegt das Problem?

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Warum hierzulande manches anders zu sein scheint, führt die Studie vor allem auf drei Umstände zurück: Deutschland erkennt Berufsqualifikationen anderer Länder nicht ohne weiteres an. Außerdem müssen vor jedem Arbeitsvertrag eher umfangreiche Sprachprüfungen abgelegt und Integrationskurse absolviert werden. Beides erweise sich als Flaschenhals. Schließlich zahle Deutschland höhere Sozialleistungen, zugleich sei die Kinderbetreuung oft ein Problem, was die oft alleinerziehenden Mütter vom Jobeinstieg abhalte.

Die Zahlen: Nur 28 Prozent der erwerbsfähigen Ukrainer hier, also gut ein Viertel dieser Erwachsenen aus dem Kriegsland gehe einer Arbeit nach, heißt es. 200.000 Personen seien bei der Erhebung im Mai 2024 sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen, 50.000 hätten geringfügig gearbeitet. Immerhin 720.000 aus der gesamten ukrainischen Kriegsdiaspora hätten zuletzt Grundsicherung gezahlt bekommen.

Problem eins: Was ukrainische Geflüchtete zum Beispiel an der Uni studiert haben, wird in Deutschland an der Berufsschule im dualen System gelehrt. Anerkennung – schwierig. Aber auch sonst sei die Bürokratie groß, schreibt die Studienautorin. Besonders zeitraubend und kompliziert sei es in den medizinischen Mangelberufen. 69 Prozent der Geflüchteten dieser Berufsgruppen bräuchten viel Unterstützung, ehe die Anerkennung gelinge. Das gelte sonst für 44 Prozent der anderen Berufsgruppen.

Eine Lösung: Der Bundesrat will per Entschließungsantrag beim Bundesgesundheitsministerium erreichen, das Verfahren digital und schneller zu machen und gleichwertige Prüfungen einfach anzuerkennen. In Großbritannien kümmerten sich Organisationen zudem um Unterkünfte und die Jobvermittlung für Pflegekräfte, was den Einstieg beschleunige.  



Erst Deutsch lernen, dann arbeiten

Problem zwei: Erst arbeiten und dann parallel die Sprache lernen? Diesen „Work First“-Ansatz verfolgen die Niederlande und Dänemark. Englisch als Umgangssprache reiche zunächst, heißt es zum Erfolg der Strategie. Dagegen setze Deutschland auf „Language First“. Das helfe zwar langfristig, doch hindere am Einstieg insgesamt. Die Wartezeiten für Integrationskurse und Sprachunterricht seien sehr lang. Weil sie aber unflexibel seien, brechen viele ab oder gehen wegen fehlender Kinderbetreuung nicht hin. Die Plätze bleiben also am Ende leer. Tschechien, Litauen und Irland seien mit dem berufsbegleiteten Sprachenlernen erfolgreich und auch die Kinderbetreuung könne besser organisiert werden.

Problem drei: Andere Länder zahlen weniger Unterstützung, sodass die Menschen ein Einkommen benötigten. „Erfahrungsberichte von Betroffenen legen nahe, dass die Beschäftigung von zwei Dritteln der in Polen berufstätigen ukrainischen Geflüchteten unterhalb ihrer Qualifikation mit der wirtschaftlichen Notwendigkeit zur Arbeitsaufnahme aufgrund eines niedrigen Sozialhilfeniveaus zusammenhängt“, erklärt die Studie.   

Insgesamt unternehme Deutschland immer noch einiges, was kaum Erfolge bringe, so eine Folgerung. Das gilt wohl auch für die Unterstützung der Ukrainerinnen und Ukrainer am deutschen Arbeitsmarkt. „Das im Oktober 2023 initiierte Job-Turbo-Programm der Bundesregierung verfolgt ebenfalls das Ziel, Geflüchtete durch berufsbegleitende Sprachförderung schneller in den Arbeitsmarkt zu integrieren“, so die Autorin. „Ein durchschlagender Erfolg blieb aufgrund eines Mangels an [berufsbegleitenden, Red.] Angeboten bislang jedoch aus.“

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