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Aufs Auto angewiesen? Der Selbstbetrug der Pendler

Stau: Warum Pendler oft im Stau stehen? Weil sie zu bequem sind! Quelle: imago images

Es gibt viele Arbeitnehmer, die aufs Auto angewiesen sind. Aber längst nicht alle. Und die sollten sich eingestehen, dass sie auch aus Bequemlichkeit nicht auf öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad ausweichen.

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Mein Arbeitsweg führt vom Alexanderplatz zum Potsdamer Platz, also durch das Zentrum Berlins – und ist dennoch überwiegend unattraktiv. Wenn es schnell gehen muss, fahre ich über die Leipziger Straße, die wahrlich zu den trostlosesten Gegenden der Hauptstadt gehört. Aber es geht ja schnell. Zumindest für mich: Denn ich fahre nahezu täglich mit dem Fahrrad. Jeden Morgen vorbei an unzähligen Autos, die natürlich im Stau stehen. Und abends zurück an unzähligen Autos, die natürlich im Stau stehen.
Weil ich die Strecke inzwischen wahrscheinlich auch mit verbundenen Augen fahren könnte, beschäftigte ich mich immer mal wieder mit anderen Dingen. Ich beobachte dann nicht nur, wer besonders gern Radfahrer zur Seite drängt (Sorry, liebe SUV-Fahrer, aber es ist leider nicht nur ein Klischee!). Ich achte auch auf die Kennzeichen der Autos und darauf, wie viele Personen drinsitzen.

Und was soll ich sagen? Tja, die allerallermeisten Autos sind in Berlin gemeldet. Und in den allerallerallermeisten sitzt nur eine Person. Fahrzeuge, in denen sich mehrere Menschen befinden, sind eigentlich nur: Busse, Taxis mit Fahrgästen oder die Müllabfuhr.

Wir sind zum Glück ein freies Land – und jeder kann dann durch die Stadt fahren, wie und wann er will. Und jede kann entscheiden, ob sie noch jemanden mitnimmt.

Das Problem ist nur, dass ich mir recht häufig von diesen Menschen Beschwerden anhören muss. Sie klagen, wie nervig die Pendelei sei und dass sie dauernd im Stau stünden. Das sei alles ganz schrecklich.

Manchmal bin ich von diesen genervten Menschen ebenfalls genervt und sage: „Vielleicht bist Du einfach zu bequem. Ist ja nicht schlimm, aber steh‘ doch dazu.“

Okay, jetzt gibt es bestimmt viele Beschwerdemails. Deshalb an dieser Stelle schon einmal der Hinweis: sven.boell@wiwo.de.

Vielleicht darf ich aber noch kurz mein Argument ausführen. Wer in Berlin wohnt, profitiert von einem der besten, wenn nicht dem besten, Nahverkehrsangebot, das es in Deutschland gibt.

Die S-Bahn? Mehr als ein Dutzend Linien. Ein über 300 Kilometer langes Netz.

Die U-Bahn? 10 Linien. Ein fast 150 Kilometer langes Netz.

Die Tram? Mehr als 20 Linien. Ein fast 200 Kilometer langes Netz.

Und dann fahren noch rund 1300 Busse durch die Stadt.

Es gibt bei näherer Betrachtung keine absolute Notwendigkeit, innerhalb Berlins mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Trotzdem kann das natürlich jede und jeder tun. Aber der triftigste Grund dafür ist bei den meisten dann eben, dass es am einfachsten – oder: am bequemsten – ist. Es gibt auch schönere Dinge, als bei Wind und Wetter auf den öffentlichen Nahverkehr zu warten und sich im Winter mit dicken Jacken in überhitzten Bussen und Bahnen aufzuhalten. Keine Frage.

Nun werden diejenigen denken, die nicht in Berlin wohnen: „Mag ja so sein, aber das trifft doch alles nur auf Berlin zu, hilft mir aber nichts.“

Einen Moment bitte noch: Natürlich gibt es Gegenden in Deutschland, wo es sich ohne Auto nicht leben lässt – zumindest nicht in einer halbwegs angenehmen Art und Weise. Trotzdem gilt das nicht für die meisten Großstädte und Ballungszentren. Dort ist das Nahverkehrsangebot in der Regel gut – auch wenn es, wie immer, viel Potenzial für Verbesserungen gibt. Unter anderem beim Tarifsystem und der Preisgestaltung.

Aber jede und jeder sollte sich eben auch fragen, ob sie oder er wirklich aufs Auto verzichten würde, wenn die U-Bahn in der Stadt häufiger käme und der Bus auf dem Land nicht nur alle zwei Stunden führe, sondern jede halbe Stunde. Oder ob das vermeintlich (oder teils auch tatsächlich) nicht ganz so tolle Angebot nicht vor allem ein vorgeschobener Grund ist. Wie gesagt: In Berlin haben objektiv betrachtet nicht einmal notorisch Unzufriedene allzu viele Gründe fürs Mäkeln. Trotzdem steigen nicht besonders viele Menschen vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel um.

Natürlich können wir alle auf Verbesserungen des Nahverkehrsangebots warten und dann mal gucken, ob wir unser Verhalten ändern. Ich hätte die Vermutung, dass das eine ziemlich kurze Revolution wird. Besser wäre es deshalb, den öffentlichen Druck auf die Politik dadurch zu erhöhen, dass Busse und Bahnen voller werden. Und manchmal auch: noch voller.

Das glauben Sie nicht? Ich komme zum Anfang zurück: Es wurden und werden so viele Radwege und Fahrradspuren wie nie gebaut, weil kein Verkehrsmittel so boomt. Fragen Sie bei Gelegenheit gern mal all jene Menschen, die morgens mit mir an all den nahezu leeren Autos vorbeifahren.

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