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Barbara Hendricks' SommerreiseGreifswald ist ein Modell für den Atomausstieg

Die Kernenergie hat in Deutschland eine Zukunft. Wer sie besichtigen will, muss nur nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern fahren. Dort wird die größte heimische Reaktoranlage abgerissen – seit 20 Jahren.Henning Krumrey 27.08.2015 - 13:41 Uhr

Die Bauruine des Block 8 auf dem ehemaligen Betriebsgelände der "VEB Kernkraftwerke Bruno Leuschner" in Lubmin.

Foto: dpa

Im Zeitlupentempo führt der Arbeiter den Schneidbrenner um die dickwandige gigantische Rohrverschraubung. Die Röhre samt Abzweig, Durchmesser gut 50 Zentimeter, muss er auftrennen, damit seine Kollegen später die Oberfläche der Innen- und Außenseite abtragen können. Wie ein Taucher der Frühzeit sieht der Mann aus in seiner monströsen Montur und dem klobigen Helm; durch einen Schlauch kann er atmen, er muss in einer luftdicht verschlossenen Kabine arbeiten. Denn sein Werkstück ist radioaktiv verstrahlt. Zu DDR-Zeiten hätte er wahrscheinlich den Titel „Held der Arbeit“ davongetragen – wenn er nicht das Erbe der DDR zerschmelzen würde.

Ein strahlendes Erbe. Auf dem Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks Lubmin bei Greifswald läuft bereits, was in den nächsten Jahrzehnten auch in allen 17 westdeutschen Reaktoren vonstattengehen wird, die bis zum Atomausstieg Strom erzeugten. Die Fahrt nach Lubmin bei Greifswald, die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks im Rahmen ihrer Sommerreise unternimmt, ist ein Blick in die Zukunft der hiesigen Kernenergie. In der DDR war es die Wende, in der Bundesrepublik die Energiewende, die den Reaktoren den Garaus machte. Bis zum Jahr 2060 dürfte es dauern, bis alle Meiler zurückgebaut, also abgerissen sind.

Bald dampft es nicht mehr: Das unrentable AKW Grafenfeld in Bayern soll Ende Mai 2015 stillgelegt werden - sieben Monate früher als von der Bundesregierung geplant. Das Kraftwerk wurde 1981 fertig gebaut und hat eine Leistung von 1345 Megawatt. Der Betreiber ist die E.ON. Kernkraft GmbH mit Sitz in Hannover.

Foto: Creative Commons

Das Kernkraftwerk Gundremmingen ist mit der elektrischen Leistung von 2 x 1344 Megawatt das leistungsstärkste Kernkraftwerk in Deutschland. Das Kraftwerk befindet sich im schwäbischen Landkreis Günzburg in Bayern. Der Betreiber ist RWE. Der erste A-Reaktor wurde bereits 1977 stillgelegt. Der B-Reaktor soll spätestens bis Ende 2017, der C-Reaktor bis Ende 2021 vom Netz.

Foto: dpa/dpaweb

Auch das Kernkraftwerk Philippsburg bestand aus zwei Reaktoren, bis 2011 der ältere Siedewasserreaktor heruntergefahren wurde. Der neue Druckwasserreaktor wird noch bis Ende 2019 seinem Betreiber EnBW Geld bringen. Seine elektrische Brutto-Leistung beträgt 1468 Megawatt.

Foto: dpa

Spätestens bis Ende 2021 sollen gleich drei Kernkraftwerke heruntergefahren werden, die insgesamt 4254 Megawatt Energie brutto leisten. Dem Kernkraftwerk Brokdorf, das 1986 in Betrieb kam und von E.ON und Vattenfall betrieben wird, entsprechen 1480 Megawatt davon. Brokdorf liegt im Kreis Steinburg, Schleswig-Holstein und wird von E.ON und Vattenfall betrieben.

Foto: dpa

Gleichzeitig mit Gundremmingen und Brokdorf soll bis Ende 2021 auch das Kernkraftwerk Grohnde stillgelegt werden. Das niedersächsische Kernkraftwerk in der Gemeinde Emmerthal, im Landkreis Hameln-Pyrmont, wurde 1986 in Betrieb genommen und erzeugt 1430 Megawatt brutto. Eigentümer sind E.ON und Stadtwerke Bielefeld.

Foto: dpa

Noch bis Ende 2022 darf der zweite Druckwasserreaktor des Kernkraftwerks Neckarwestheim im Betrieb bleiben. Der erste Block wurde bereits 2011 heruntergefahren. Das Kraftwerk befindet sich in Besitz von EnBW und produziert 1400 Megawatt Energie brutto.

Foto: dpa

Von drei Kernkraftwerken, die voraussichtlich bis 2022 stillgelegt werden, leistet Isar II am meisten - 1485 Megawatt brutto. Der Meiler befindet sich in Niederbayern und wird von E.ON und den Stadtwerken München betrieben.

Foto: dpa

Zu den Kernkraftwerken, die voraussichtlich als letzte - spätestens bis Dezember 2022 - stillgelegt werden, gehört auch das Kernkraftwerk Emsland, nahe Lingen, in Niedersachsen. Das Kraftwerk produziert 1400 Megawatt Energie brutto. Emsland hat gleich zwei Besitzer: Hauptbesitzer RWE und E.ON.

Quelle: „Kkw ems pano2“ von Smial, lizenziert unter FAL über Wikimedia Commons

Foto: Creative Commons

In Lubmin erledigt die Energiewerke Nord GmbH (EWN), eine hundertprozentige Tochter des Bundes, die Demontage. Die vier großen, grauen Reaktorgebäude stehen noch, in denen im Endausbau acht Reaktoren Strom erzeugen sollten; auch die rund einen Kilometer lange Maschinenhalle. Aber das technische Innenleben ist bereits zu 85 Prozent verschwunden. „Wir wollen hier keine grüne Wiese hinterlassen, sondern eine braune Wiese“, sagt Henry Cordes, Vorsitzender der EWN-Geschäftsführung.

Wenn der Rückbau abgeschlossen ist, soll hier ein Gewerbestandort bleiben. Insgesamt 1,8 Millionen Tonnen Masse sind zu bewältigen. „Das ganze Kraftwerk muss am Ende in solche Paletten passen“, sagt Öffentlichkeitsarbeiterin Marlies Philipp und deutet auf Metallboxen mit den vergleichsweise lächerlichen Maßen von einem auf eineinhalb Metern.

Was nicht verstrahlt ist – der größte Anteil – kann ganz normal zerlegt und entsorgt oder dem Stoffkreislauf zugeführt werden. Die restlichen 600.000 Tonnen müssen aber so weit wie möglich von der Strahlung befreit werden, eine Sisyphos-Arbeit, vorwiegend von Hand zu erledigen. Das große Ziel: Maximal 10.000 Tonnen sollen schließlich in einem Atomendlager verwahrt werden müssen.

Welche deutschen Atomkraftwerke demnächst vom Netz gehen
Philippsburg II (Baden-Württemberg, EnBW)Bruttoleistung: 1468 MWeInbetriebnahme: 13.12.1984
Grohnde II (Niedersachsen, EnBW)Bruttoleistung: 1430 MWeInbetriebnahme: 01.09.1984Brokdorf (Schleswig-Holstein, E.On/Vattenfall)Bruttoleistung: 1480 MWeInbetriebnahme: 08.10.1986Gundremmingen C (Bayern, RWE/E.On)Bruttoleistung: 1344 MWeInbetriebnahme: 26.10.1984
Isar II (Bayern, E.On/Stadtwerke München)Bruttoleistung: 1485 MWeInbetriebnahme: 15.01.1988Emsland (Niedersachsen, RWE/E.On)Bruttoleistung: 1400 MWeInbetriebnahme: 14.04.1988Neckarwestheim II (Baden-Württemberg, EnBW)Bruttoleistung: 1400 MWeInbetriebnahme: 29.12.1988

In blauen 20-Fuß-Containern kommen die großkalibrigen Einzelteile in die so genannte Zentralaktive Werkstatt, weil hier mit radioaktivem Material hantiert wird. Derzeit liegen leicht kontaminierte Gussteile von großen Rohrleitungen parat. Die Brocken werden zerkleinert, dann ist die Reinigung der Oberflächen dran. Je nach Material werden sie mit Stahlkies beschossen, elektrolytisch behandelt, mit Säuren besprüht oder mit einem Wasserstrahl mit abgewaschen. Für die Fotografen nimmt Umweltministerin Hendricks eine solche Reinigungslanze in die Hand: „Bisschen größer als ein Kärcher, aber das System ist dasselbe“ – nur dass hier der Druck bei bis zu 3000 bar liegt. Durch ein Fenster in der Arbeitskabine kann man sehen, wie sich die Oberfläche verfärbt, sobald der Wasserstrahl oder die Stahlkiesdusche die oberste Metallschicht wegfegen, samt der Strahlung. Wenn die Teile danach „freigemessen“ sind, kann der Schrott weiter verwendet werden.

Die Arbeiten in Lubmin, die rund vier Milliarden Euro verschlingen werden, sind ein Vorgeschmack auf den Rückbau jener 17 Leistungsreaktoren, die bis zum überhasteten Atomausstieg am Netz waren. Langfristig kalkulieren Wissenschaftler ebenso wie EWN und die Betreiber mit rund einer Milliarde Euro Rückbaukosten pro Reaktor. Vielleicht wird es auch etwas weniger, weil Erfahrung und Skaleneffekte möglich sind. „Da das Ganze 20 oder 25 Jahre oder noch länger dauert, ist klar, dass bis dahin die Preise steigen“, warnt Hendricks dagegen. Genau könne das heute niemand sagen, aber die Planungen der EWN seien „eine fundierte Schätzung“. Dann wäre – in heutigen Preisen - mit maximal 20 Milliarden Euro zu rechnen.

Die Atomklagen der Energiekonzerne
E.On, RWE und Vattenfall haben gegen den 2011 beschlossenen beschleunigten Atomausstieg vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt. Das Gericht will noch 2015 entscheiden. Den Konzernen geht es nicht darum, den bis Ende 2022 geplanten Ausstieg rückgängig zu machen. Sie fordern jedoch Schadenersatz, da die Bundesregierung wenige Monate vor der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima die Laufzeiten der Meiler noch verlängert hatte. Sollte das Verfassungsgericht den Unternehmen Recht geben, müssten diese den Schadenersatz in weiteren Verfahren erstreiten. Eon fordert über acht Milliarden Euro. RWE hat keine Zahlen genannt, die Analysten der Deutschen Bank gehen von sechs Milliarden Euro aus. Vattenfall will 4,7 Milliarden Euro und klagt zudem vor einem Schiedsgericht in den USA.
E.On, RWE und EnBW klagen gegen Bund und Länder wegen des nach der Atomkatastrophe von Fukushima verhängten dreimonatigen Betriebsverbots für die sieben ältesten der damals 17 deutschen AKWs plus dem damals geschlossenen AKW Krümmel. Das Moratorium lief von März bis Juni 2011 und mündete schließlich im August im endgültigen Ausstiegsbeschluss. Ursprünglich hatte lediglich RWE geklagt. Nachdem der Energieriese vor Gericht Recht bekam, zogen Eon und EnBW nach. Eon klagt auf Schadenersatz in Höhe von 380 Millionen Euro. RWE fordert 235 Millionen Euro, EnBW einen „niedrigen dreistelligen Millionenbetrag“.
E.On, RWE und EnBW klagen auf eine Befreiung und Rückzahlung der 2011 eingeführten Brennelementesteuer. Diese wird noch bis 2016 erhoben. Eon hat nach eigenen Angaben 2,3 Milliarden Euro an den Bund gezahlt, RWE 1,23 Milliarden Euro und EnBW 1,1 Milliarden Euro. Die Verfahren sind vor dem Bundesverfassungsgericht und der Europäischen Gerichtshof (EuGH) anhängig. Der Generalanwalt des EuGH hält die Steuer jedoch mit europäischem Recht vereinbar. Seine Einschätzung ist für das Gericht aber nicht bindend.
E.On hat im Oktober 2014 wegen der im Atomgesetz vorgesehenen standortnahen Zwischenlagerung wieder aufbereiteter Atomabfälle, die aus dem Ausland zurückgeholt werden, geklagt. Die Klage richtet sich gegen die Länder Niedersachsen und Bayern sowie den Bund. Vattenfall hat im selben Zusammenhang gegen Schleswig-Holstein und den Bund geklagt. Auch RWE hat Klage eingereicht. Es geht um Mehrkosten für die Betreiber, nachdem es keine Transporte dieser Abfälle mehr in das Lager nach Gorleben geben soll. Die Konzerne halten Gorleben jedoch weiter für den richtigen Standort.

Die Rückstellungen in den Bilanzen der Kernkraftwerksbetreiber liegen derzeit bei 38,7 Milliarden Euro – aber zusätzlich zum Rückbau kommen auch noch die Kosten der Endlagerung. Das Geld haben die Unternehmen nicht flüssig auf dem Konto, sondern investiert, beispielsweise in konventionelle Kraftwerke. Doch seit mit der Energiewende diese Stromfabriken immer weniger Geschäft machen, die Anlagen mithin entwertet werden, bangt die Politik um die Rücklagen.

Zudem liebäugeln manche Unternehmen damit, die Altlasten in einer separaten Gesellschaft abzuspalten. E.On arbeitet bereits daran. Schnurrten die Rücklagen weiter zusammen, wäre die zukunftsfähige Muttergesellschaft aus der Haftung heraus, argwöhnt die Politik. Die Bundesregierung will deshalb „gesetzlich dafür sorgen, dass die Rückstellungen tatsächlich zur Verfügung stehen, wenn sie gebraucht werden“, bekräftigt die Atomausstiegsministerin.

Im Klartext: Der Fluchtweg soll verrammelt werden. Dagegen beklagen die Stromversorger, dass ihnen erst die lukrativen Atommeiler weggenommen und danach durch politische Entscheidungen auch noch die Rücklagen-Kraftwerke entwertet wurden.

In Lubmin gehen die Arbeiten planmäßig voran. Die rund 5000 vorhandenen Brennelemente wurden in 65 Castor-Behälter verpackt und im neu errichteten Zwischenlager deponiert, das auch alle anderen strahlenden Hinterlassenschaften aufnehmen soll. 2016, 20 Jahre nach dem Start, soll die gesamte Demontage abgeschlossen sein. Das Ende der Dekontamination freilich ist für 2028 kalkuliert, mithin fast 40 Jahre nach der Stilllegung der Reaktoren. Für Deutschland bedeutet das, dass die Arbeiten bis ins Jahr 2060 dauern werden; schließlich geht das letzte Kernkraftwerk 2022 vom Netz. Hendricks rechnet sogar mit noch längeren Zeiträumen.

Problemlos wird es nicht bleiben. „Eine Nachnutzungsvision fördert die Akzeptanz“, hat EWN-Chef Cordes aus den bisherigen Projekten – unter anderem dem Abbau der Kernforschungsreaktoren in Karlsruhe und Jülich – gelernt. Auch Hendricks rechnet fest damit, dass es an westdeutschen Kernkraftwerks-Standorten zu Protesten kommen wird, wenn erstmal die Bauteile zersägt werden sollen. „Dann muss man mit den Bürgern klar reden: Ihr wolltet den Ausstieg, dann muss jetzt auch der Rückbau kommen.“

Der zweite Engpass: Bald fehlen die Experten. Die Betriebsmannschaft der EWN beispielsweise ist im Schnitt 52 Jahre alt, etliche Mitarbeiter haben einst noch am jüngsten, dem fünften Reaktorblock des energetischen DDR-Stolzes mitgebaut. Schon dies, so Cordes, sei ein psychologisches Problem, das auch in den westdeutschen Standorten auftreten wird: „Die Betriebsmannschaften müssen abbauen, was sie einst aufgebaut haben.“ Cordes wünscht sich „einen Mix aus alten Hasen und Nachwuchskräften, die dann den Rückbau vollenden“.

Doch junge Kerntechnik-Ingenieure folgen nicht nach, seit die Kernenergie politisch geächtet wurde. Reihenweise wurden die Lehrstühle geschlossen. Mit dem Rückbau, glaubt Hendricks, könne man nun wieder besser für den Beruf werben, und die Beschäftigung sei auch gesichert. „Mit dem Rückbau sind wir sicher 80 Jahre beschäftigt, da kann man noch mehrere Generationen beschäftigen.“

Das größte Problem steht auch den Lubminer Zerlegern noch bevor. Die fünf riesigen Reaktordruckbehälter, in denen einst die Brennstäbe die kostbare Energie abgaben, stehen noch unverändert auf dem Gelände. Der Grund: Auch die Weltmarktführerin Sachen Rückbau wissen nicht, wie sie den 140 Tonnen schweren Ungetümen beim Entgiften und Zerkleinern beikommen könnten.

Ein wenig Zukunft kann die EWN zumindest schon vorzeigen. Derzeit kommen 14.000 bis 17.000 Touristen pro Jahr, um sich die Arbeiten anzuschauen. Und in der ausgeräumten Maschinenhalle, in der einst die acht großen Dampferzeuger standen, hat der Kranhersteller Liebherr eine Fertigung für große Ausleger, Brücken und Bauteile für Bohrinseln eingerichtet.

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