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Bargeld abschaffen? Woran es beim bargeldlosen Bezahlen hapert

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Sicherheitsbedenken

Sobald die Anwendungen aber komfortabler als Bargeld werden, dürften Nutzer ihre Sicherheitsbedenken hintanstellen, sagt Bajorat: „Auch gegen das Chatprogramm WhatsApp haben viele Nutzer rebelliert. Sie nutzen es aber weiter, weil es einfach zu bequem ist“, sagt er. „Das wird beim mobilen Bezahlen auch passieren.“

Der Übergang vom Bargeld in die digitale Zukunft könnte in drei Phasen laufen – von der Zahlkarte über das Smartphone bis hin zu digitalen Währungen. Die USA oder Schweden sind weit vorn. Die Deutschen sträuben sich noch gegen die erste Phase.

6,5 Millionen Passagiere fahren jeden Tag mit Bussen durch London. Heute gehöre ich dazu. Am Tower steige ich in die Touristenlinie Nummer 15, vorbei an der St. Paul’s Cathedral bis Piccadilly Circus. Anstatt mit Pfundmünzen mein Busticket beim Fahrer zu kaufen, halte ich eine Plastikkarte, die Oystercard, an ein untertassengroßes Lesegerät. Schon werden 2,30 Pfund abgebucht. Phase eins der Zukunft des Geldes. Die Londoner Verkehrsbetriebe machen vor, wie radikal eine Abkehr vom Bargeld funktionieren kann. Seit dem Sommer bekommen auch Touristen in Londoner Bussen keine Tickets mehr gegen Bargeld. Sie müssen entweder mit einer Oystercard bezahlen, oder sie nutzen ihre Kreditkarte, die für kontaktloses Zahlen (NFC) ausgerüstet ist. Bei kleinen Beträgen bis maximal 25 Euro muss eine solche Zahlung nicht einmal mit PIN oder Unterschrift bestätigt werden.

Aus welchen Gründen Amerikaner auf das Bezahlen per Handy verzichten

Das Unternehmen Exceet entwickelt und fertigt in seinen Werken nicht nur die Londoner Oystercards sondern auch NFC-Kreditkarten. Aus einem Stapel Plastikbögen, dünn wie Papier, die stetig das Bargeld ersetzen. Aufbauend auf den Erfahrungen mit der Zahlkarte aus London, entwickelt Exceet-Chef Ulrich Reutner gerade mit der Stadt Stuttgart eine Multifunktionskarte. Kunden der BW Bank sollen ab Sommer mit ihrer Karte auch Leihautos bei Car2go von Mercedes bekommen, ihre Bus-Tickets speichern, Bücher in der Bibliothek ausleihen und Eintritt fürs Schwimmbad abrechnen.

Dass Smartphones solche Zahlkarten bald ersetzen, mag Reutner nicht glauben. Die Mobil-Fraktion sieht das naturgemäß anders: „Projekte wie das in Stuttgart sind interessant, aber nur Übergangslösungen“, sagt Bajorat von Figo. „Karten sind erst mal offline, Updates lassen sich dort schwieriger umsetzen als bei digitalen Karten auf dem Smartphone“, sagt Christian von Hammel-Bonten, Manager für Mobile Payment bei Wirecard in München.

Zurück in Berlin. Bei Polly Paper, einem „umweltfreundlichen Schreibwarenladen“ suche ich mir eine Fairtrade-Klappkarte für 5,90 Euro aus, gehe zur Kasse und hole wieder mein Smartphone aus der Tasche. Wie im Café der Buchhandlung kann ich auch hier mit der PayPal-App bezahlen. Der Konzern testet seit 2013 in Berlin die Zahlung via Smartphone. In der App können Kunden digitales Guthaben aufladen oder ihre Kredit- und EC-Kartendaten hinterlegen, um zu bezahlen. Die zweite Phase der Zukunft unseres Geldes. An der Kasse kommt mein Handy nicht ins Internet – noch bin ich mittellos, kann in der PayPal-App nicht mal das Geschäft anwählen, in dem ich einkaufe. Ich warte. „Vielleicht ist die Verbindung vor der Tür besser?“, fragt Besitzerin Polly Schmincke. Tatsächlich: Draußen kann ich den Laden anklicken. Zurück am Kassen-Tablet sehen Schmincke und womöglich auch andere Kunden auf dem Tablet, dass Sebastian K. hier bezahlen möchte. Dazu wird mein Profilfoto aus der App gezeigt. Schmincke vergleicht mein Gesicht mit dem Foto, okay. Wisch über das Display, und schon poppt die Zahlung in der App auf. Wirklich einfach.

Welche Zahlungsmittel Europäer bevorzugen
Das Geschäft mit dem Versenden von Geld über Smartphone-Apps lockt jetzt auch etablierte Banken an. Die Deutsche Kreditbank (DKB) kooperiert dafür mit dem Startup Cringle. Pro Monat kann ein Nutzer bis zu 100 Euro über die Cringle-App verschicken, abgewickelt wird die Zahlung per Lastschrift von der DKB. Pro Transaktion werden 20 Cent fällig, zum Start wurde die Gebühr auf 10 Cent gekappt. Das neue Angebot trifft bereits auf Wettbewerb im Markt. So bietet der Online-Bezahldienst PayPal seit Juli das Versenden von Geld über seine Smartphone-App in Deutschland an. Für Kunden, die ihren PayPal-Account mit einem deutschen Bankkonto verknüpft haben, ist das Angebot kostenlos, bei Kreditkarten wird eine Gebühr fällig. In vielen europäischen Ländern tun sich moderne Bezahlsysteme jedoch noch so schwer... Quelle: dpa
ÖsterreichOhne Bargeld geht in Österreich gar nichts. 86 Prozent bezahlen an der Kasse in bar, 12 Prozent mit EC-Karte. Eine Kreditkarte kommt nur in einem Prozent der Fälle zum Einsatz. Auf sonstige Alternativen wie Schecks, PayPal, Lastschrifteinzug oder Ähnliches entfällt insgesamt nochmal ein Prozent. Quelle: Deutsche Bundesbank; Europäische Kommission; Deloitte (Stand: 2014) Quelle: dpa
PolenIn Polen werden 80 Prozent der Bezahlvorgänge an der Kasse bar beglichen. Eine EC-Karte nutzen –ähnlich wie in Österreich – 13 Prozent der Bevölkerung. Immerhin werden auch drei Prozent der Bezahlvorgänge durch Kreditkarten abgewickelt. Auf die alternativen Zahlungsmittel entfallen vier Prozent. Quelle: dpa
DeutschlandAuch die Deutschen haben ihr Geld beim bezahlen lieber in fester Form in der Hand – in 79 Prozent der Fälle wird bar bezahlt. Zwölf Prozent der Käufe werden mit der EC-Karte beglichen, weitere sechs Prozent per mit Lastschrifteinzug, Scheck und anderen alternativen Zahlungsmethoden. Quelle: dpa
ItalienZwar ist Bargeld mit 69 Prozent noch immer das beliebteste Zahlungsmittel in Italien, aber auf Platz zwei kommen auch schon alternative Zahlungsmittel mit 17 Prozent. So sind Schecks, Kundenkarten, PayPal und andere Alternativen zusammen genommen bei den Italienern beliebter als die EC-Karte mit neun Prozent und die Kreditkarte mit sechs Prozent. Quelle: dpa
Sagrada Familia Quelle: AP
London Tower Bridge Quelle: dpa

Doch dann werde ich überrumpelt. Auch die Geschäftsführerin kann in ihrer E-Mail-Bestätigung alle Details zur Zahlung sehen, mit meinem vollen Namen und der Mailadresse. Dass meine Daten bei PayPal liegen, weiß ich, dass die Kasse alles preisgibt, hatte ich nicht erwartet.

Händler sparen mit den neuen Zahlmethoden vor allem Zeit an der Kasse und Kosten. Die Zahlung über die App ist für sie kostenlos – noch. Für jede Kreditkartenzahlung werden Händlern dagegen 1,5 bis 3,0 Prozent des Umsatzes berechnet. Die EU will die Gebühren bei 0,3 Prozent deckeln.

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