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Bargeld abschaffen? Woran es beim bargeldlosen Bezahlen hapert

Die Deutschen hängen an Münzen und Scheinen, doch überall auf der Welt wird an deren Abschaffung gearbeitet. Was technisch möglich ist, wie sich unser Verhalten ändern wird – und warum wir beim Zahlen mit Smartphone und Bitcoin noch an Grenzen stoßen.

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PayPal-App in einem Supermarkt Quelle: dpa

Ob sie mich denn auf dem Foto erkennen könne, frage ich die Bedienung im Café des Berliner Buchladens Ocelot. Ich stehe an der Kasse und bezahle ein Croissant – mit meinem Smartphone. Mit der App des Zahldienstes PayPal, einem kleinen Computerprogramm, habe ich mich über das mobile Internet an der Kasse des Cafés angemeldet. Statt eines grauen Kassenklotzes mit Münzschublade nutzt die Bedienung ein Tablet, um mein Hörnchen abzukassieren. Darauf sieht sie mein Profilfoto, kann so überprüfen, ob die Person vor ihr mit der auf dem Tablet übereinstimmt. „Auf Ihr Foto achte ich gar nicht“, antwortet sie, „es ist ja momentan sowieso immer nur ein Kunde an der Kasse, der sich angesprochen fühlt.“

Ein Wisch über mein Smartphone, und schon habe ich die 1,50 Euro bezahlt, bekomme eine Bestätigung und die Rechnung auf mein Handy. Eine echte Pionierleistung: Bisher zahlen im Ocelot-Café gerade 20 Kunden monatlich über die App. Noch bevorzugen die Deutschen an der Kasse Bargeld. Doch die Zukunft des Bezahlens hat längst begonnen – mit digitalisiertem Geld.

Das nötige Werkzeug haben wir täglich in der Hand: das Smartphone. Wir wollen es nur noch nicht als Bargeldersatz nutzen – und zögern so den Start in die Zukunft hinaus. Genauso wie Urlaubsfotos, Musik oder Videos wird aber auch das Geld in eine Datenwolke abwandern.

Wo die Deutschen gerne mit dem Smartphone zahlen würden

Neben Tech-Giganten, die den Wandel vorantreiben, diskutieren auch Ökonomen wie Kenneth Rogoff die Abschaffung des Bargelds. Damit Menschen ihr Geld verkonsumieren, sollten Negativzinsen erhoben und das Bargeld abgeschafft werden. Sonst könnten Sparer dem Strafzins ausweichen, sagte Rogoff im Herbst: „Papiergeld ist das entscheidende Hindernis, die Zentralbank-Zinsen weiter zu senken.“

Damit verändert sich nicht nur die Art, wie wir bezahlen, auch das Geld selbst könnte eine neue Rolle bekommen. Was gibt es schon – und was bringt die Zukunft?

- In digitalen Geldbörsen, sogenannten Wallets, hinterlegen wir unsere Bankdaten auf dem Smartphone, zahlen damit kontaktlos an der Kasse.

- Über biometrische Daten wie unseren Daumenabdruck können wir Zahlungen autorisieren anstatt die PIN einzugeben oder zu unterschreiben.

- Banken verlieren die Hoheit über das Geld: Neben Apple, Google oder der Telekom könnten auch Netzwerke wie Twitter oder Facebook den Zahlungsverkehr an sich ziehen.

- Als Alternative zu staatlich regulierten Währungen haben sich im Internet Kryptowährungen wie der Bitcoin entwickelt.

Deren Technologie könnte auch Grundlage für eine Digitalisierung der staatlichen Währungen sein.


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„Ob Bitcoin oder Euro, wir werden unsere Bezahlidentität im Handy haben, auch die Bankkarte wird auf lange Sicht verschwinden“, sagt André Bajorat, der das Online-Zahlsystem Giropay mit aufgebaut hat und heute das Start-up Figo leitet. Das Smartphone könnte auch durch eine internetfähige Uhr oder andere Geräte ersetzt werden, die Form spielt keine Rolle. Klar ist: Auch kleine Zahlvorgänge werden künftig elektronisch ablaufen.

Unser Zahlverhalten – und die Daten, die wir dabei preisgeben – wird gespeichert und abrufbar sein. Gerade die Deutschen graust es vor der neuen Datenspur. Fast zwei Drittel der Internet-Nutzer trauen dem Datenschutz der Smartphone-Zahlungsanbieter nicht, so eine Studie der Marktforscher Fittkau & Maaß.

Sicherheitsbedenken

Sobald die Anwendungen aber komfortabler als Bargeld werden, dürften Nutzer ihre Sicherheitsbedenken hintanstellen, sagt Bajorat: „Auch gegen das Chatprogramm WhatsApp haben viele Nutzer rebelliert. Sie nutzen es aber weiter, weil es einfach zu bequem ist“, sagt er. „Das wird beim mobilen Bezahlen auch passieren.“

Der Übergang vom Bargeld in die digitale Zukunft könnte in drei Phasen laufen – von der Zahlkarte über das Smartphone bis hin zu digitalen Währungen. Die USA oder Schweden sind weit vorn. Die Deutschen sträuben sich noch gegen die erste Phase.

6,5 Millionen Passagiere fahren jeden Tag mit Bussen durch London. Heute gehöre ich dazu. Am Tower steige ich in die Touristenlinie Nummer 15, vorbei an der St. Paul’s Cathedral bis Piccadilly Circus. Anstatt mit Pfundmünzen mein Busticket beim Fahrer zu kaufen, halte ich eine Plastikkarte, die Oystercard, an ein untertassengroßes Lesegerät. Schon werden 2,30 Pfund abgebucht. Phase eins der Zukunft des Geldes. Die Londoner Verkehrsbetriebe machen vor, wie radikal eine Abkehr vom Bargeld funktionieren kann. Seit dem Sommer bekommen auch Touristen in Londoner Bussen keine Tickets mehr gegen Bargeld. Sie müssen entweder mit einer Oystercard bezahlen, oder sie nutzen ihre Kreditkarte, die für kontaktloses Zahlen (NFC) ausgerüstet ist. Bei kleinen Beträgen bis maximal 25 Euro muss eine solche Zahlung nicht einmal mit PIN oder Unterschrift bestätigt werden.

Aus welchen Gründen Amerikaner auf das Bezahlen per Handy verzichten

Das Unternehmen Exceet entwickelt und fertigt in seinen Werken nicht nur die Londoner Oystercards sondern auch NFC-Kreditkarten. Aus einem Stapel Plastikbögen, dünn wie Papier, die stetig das Bargeld ersetzen. Aufbauend auf den Erfahrungen mit der Zahlkarte aus London, entwickelt Exceet-Chef Ulrich Reutner gerade mit der Stadt Stuttgart eine Multifunktionskarte. Kunden der BW Bank sollen ab Sommer mit ihrer Karte auch Leihautos bei Car2go von Mercedes bekommen, ihre Bus-Tickets speichern, Bücher in der Bibliothek ausleihen und Eintritt fürs Schwimmbad abrechnen.

Dass Smartphones solche Zahlkarten bald ersetzen, mag Reutner nicht glauben. Die Mobil-Fraktion sieht das naturgemäß anders: „Projekte wie das in Stuttgart sind interessant, aber nur Übergangslösungen“, sagt Bajorat von Figo. „Karten sind erst mal offline, Updates lassen sich dort schwieriger umsetzen als bei digitalen Karten auf dem Smartphone“, sagt Christian von Hammel-Bonten, Manager für Mobile Payment bei Wirecard in München.

Zurück in Berlin. Bei Polly Paper, einem „umweltfreundlichen Schreibwarenladen“ suche ich mir eine Fairtrade-Klappkarte für 5,90 Euro aus, gehe zur Kasse und hole wieder mein Smartphone aus der Tasche. Wie im Café der Buchhandlung kann ich auch hier mit der PayPal-App bezahlen. Der Konzern testet seit 2013 in Berlin die Zahlung via Smartphone. In der App können Kunden digitales Guthaben aufladen oder ihre Kredit- und EC-Kartendaten hinterlegen, um zu bezahlen. Die zweite Phase der Zukunft unseres Geldes. An der Kasse kommt mein Handy nicht ins Internet – noch bin ich mittellos, kann in der PayPal-App nicht mal das Geschäft anwählen, in dem ich einkaufe. Ich warte. „Vielleicht ist die Verbindung vor der Tür besser?“, fragt Besitzerin Polly Schmincke. Tatsächlich: Draußen kann ich den Laden anklicken. Zurück am Kassen-Tablet sehen Schmincke und womöglich auch andere Kunden auf dem Tablet, dass Sebastian K. hier bezahlen möchte. Dazu wird mein Profilfoto aus der App gezeigt. Schmincke vergleicht mein Gesicht mit dem Foto, okay. Wisch über das Display, und schon poppt die Zahlung in der App auf. Wirklich einfach.

Welche Zahlungsmittel Europäer bevorzugen
Das Geschäft mit dem Versenden von Geld über Smartphone-Apps lockt jetzt auch etablierte Banken an. Die Deutsche Kreditbank (DKB) kooperiert dafür mit dem Startup Cringle. Pro Monat kann ein Nutzer bis zu 100 Euro über die Cringle-App verschicken, abgewickelt wird die Zahlung per Lastschrift von der DKB. Pro Transaktion werden 20 Cent fällig, zum Start wurde die Gebühr auf 10 Cent gekappt. Das neue Angebot trifft bereits auf Wettbewerb im Markt. So bietet der Online-Bezahldienst PayPal seit Juli das Versenden von Geld über seine Smartphone-App in Deutschland an. Für Kunden, die ihren PayPal-Account mit einem deutschen Bankkonto verknüpft haben, ist das Angebot kostenlos, bei Kreditkarten wird eine Gebühr fällig. In vielen europäischen Ländern tun sich moderne Bezahlsysteme jedoch noch so schwer... Quelle: dpa
ÖsterreichOhne Bargeld geht in Österreich gar nichts. 86 Prozent bezahlen an der Kasse in bar, 12 Prozent mit EC-Karte. Eine Kreditkarte kommt nur in einem Prozent der Fälle zum Einsatz. Auf sonstige Alternativen wie Schecks, PayPal, Lastschrifteinzug oder Ähnliches entfällt insgesamt nochmal ein Prozent. Quelle: Deutsche Bundesbank; Europäische Kommission; Deloitte (Stand: 2014) Quelle: dpa
PolenIn Polen werden 80 Prozent der Bezahlvorgänge an der Kasse bar beglichen. Eine EC-Karte nutzen –ähnlich wie in Österreich – 13 Prozent der Bevölkerung. Immerhin werden auch drei Prozent der Bezahlvorgänge durch Kreditkarten abgewickelt. Auf die alternativen Zahlungsmittel entfallen vier Prozent. Quelle: dpa
DeutschlandAuch die Deutschen haben ihr Geld beim bezahlen lieber in fester Form in der Hand – in 79 Prozent der Fälle wird bar bezahlt. Zwölf Prozent der Käufe werden mit der EC-Karte beglichen, weitere sechs Prozent per mit Lastschrifteinzug, Scheck und anderen alternativen Zahlungsmethoden. Quelle: dpa
ItalienZwar ist Bargeld mit 69 Prozent noch immer das beliebteste Zahlungsmittel in Italien, aber auf Platz zwei kommen auch schon alternative Zahlungsmittel mit 17 Prozent. So sind Schecks, Kundenkarten, PayPal und andere Alternativen zusammen genommen bei den Italienern beliebter als die EC-Karte mit neun Prozent und die Kreditkarte mit sechs Prozent. Quelle: dpa
Sagrada Familia Quelle: AP
London Tower Bridge Quelle: dpa

Doch dann werde ich überrumpelt. Auch die Geschäftsführerin kann in ihrer E-Mail-Bestätigung alle Details zur Zahlung sehen, mit meinem vollen Namen und der Mailadresse. Dass meine Daten bei PayPal liegen, weiß ich, dass die Kasse alles preisgibt, hatte ich nicht erwartet.

Händler sparen mit den neuen Zahlmethoden vor allem Zeit an der Kasse und Kosten. Die Zahlung über die App ist für sie kostenlos – noch. Für jede Kreditkartenzahlung werden Händlern dagegen 1,5 bis 3,0 Prozent des Umsatzes berechnet. Die EU will die Gebühren bei 0,3 Prozent deckeln.

Per App bezahlen bei Starbucks

Die Beratung A.T. Kearney schätzt, dass sich die Zahl der bargeldlosen Transaktionen in Europa von 87 Milliarden 2010 auf 177 Milliarden im Jahr 2020 verdoppelt – auf dann 40 Prozent der Zahlungen im Handel. Auch in den USA herrscht Hochstimmung: „Risikokapitalgeber würden beinahe jedem Geld geben, der eine Geschäftsidee für Mobile Payment hat“, sagt der deutsche Fondsmanager Peter Dreide. Von 2009 bis 2013 investierten Risikokapitalgeber mehr als fünf Milliarden Dollar. So nutzen in den USA Kunden die mobilen bargeldlosen Bezahlmodelle auch selbstverständlicher als in Deutschland.

Bei Starbucks etwa haben sich die in den USA übers Handy abgewickelten Bezahlvorgänge seit Anfang 2013 verdreifacht, auf mehr als sechs Millionen in der Woche. Der Kaffeekonzern ist mit seiner Bezahl-App so erfolgreich, weil für Latte macchiato und Muffins Kleinstbeträge anfallen, bei denen nur wenige Nutzer Sicherheitsbedenken haben. Abgewickelt wird die Zahlung über ein Guthabenkonto innerhalb der App, das Nutzer mit hinterlegter Kreditkarte aufladen. Ein Testprojekt in Portland soll die Kaffeebestellung noch bequemer machen: Kunden können mit ihrer App auf dem Smartphone zu Hause ihren Kaffee bestellen, per Handy bezahlen und bekommen per App Bescheid, dass sie ihr Getränk abholen können. „Damit reduziert Starbucks für Kunden die Wartezeit enorm – und die sind dafür bereit, private Daten preiszugeben“, sagt Eduard Calvo, Professor an der IESE Business School in Barcelona. Ende Dezember führte Starbucks seine Bezahl-App auch in Deutschland ein, aber ohne Vorbestellfunktion.

Noch endet die Zahlzukunft oft an Ländergrenzen, selbst innerhalb Europas. Wer als deutscher Bankkunde etwa mit der App VeroPay in österreichischen Supermärkten bargeldlos einkaufen möchte, wird scheitern: Die App fordert ein österreichisches Konto. „Die Innovationen werden durch die Regularien der einzelnen EU-Länder gebremst“, sagt Bajorat.

Und so basteln Anbieter schön nach Ländern getrennt an ihren Systemen. Marktforscher erwarten, dass Apple Pay sich als Erstes weltweit durchsetzen wird. 2015 oder 2016 soll es nach Europa kommen. „Apple hat den nötigen Einfluss auf den Handel und die Unterstützung der Finanzindustrie“, sagt James McQuivey, Analyst bei Forrester Research.

Auch im Gebrauch von Kunden untereinander wird das Bargeld schrittweise verschwinden. 1,8 Millionen Dänen, gut ein Drittel der Einwohner, haben etwa die App der Danske Bank auf dem Handy, mit der sie ihren Kindern Taschengeld schicken oder in der Kneipe bezahlen können. Der Spruch: „Ich habe kein Geld dabei, gibst du mir einen aus?“, dürfte aus den Kneipen verschwinden – das Handy lässt niemand zu Hause. In den USA verbreitet sich die App Venmo, über die junge Amerikaner sich Geld schicken. 314 Millionen Dollar Kundengeld transferierte Venmo im ersten Quartal 2014; das Unternehmen gehört zum PayPal-Konzern.

Joschka Friedag, Mitgründer des Start-ups Cringle, probiert in Deutschland etwas Ähnliches. Mit seiner Zahl-App rennt er keine offenen Türen ein. „Die Banken haben unser Projekt mit viel Skepsis betrachtet, sobald es um die konkrete Umsetzung ging“, sagt er. In der DKB Bank fand er endlich einen Partner, der Überweisungen abwickelt.

Über das Smartphone zahlen

Zentralbanker geben sich gelassen: „Zahlungsgewohnheiten ändern sich langsam, deshalb wird Bargeld in Deutschland in den nächsten zehn Jahren eine wichtige Rolle spielen“, sagt Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele. „Auch wenn wir dann sicher häufiger die Möglichkeit haben, das Smartphone zum Zahlen zu nutzen.“

Der Dienstleister SumUp testet in Berlin eine Zahlvariante über Smartphones, ging aber noch einen Schritt weiter als der Konkurrent PayPal. Testnutzer der SumUp-App konnten zum Beispiel im Café Concierge einen Kaffee bestellen und über das Smartphone zahlen, ohne einen Finger zu krümmen. Sie mussten das Café vorher nur einmal autorisieren, ähnlich wie beim Lastschrifteinzug.

Dann meldete sich ihr Handy bei jedem Café-Besuch automatisch an der Kasse an. Der Barista sah sofort, wer bestellte. Wenn er dann den Kaffee beim Kunden abbuchte, vibrierte dessen Handy nur kurz. Das war’s. Vielen Testern ging das zu weit, selbst SumUp-Deutschland-Geschäftsführer Sebastian Jost: „Es war sehr ungewohnt, so wenig Kontrolle über die Zahlung zu haben, auch bei kleinen Beträgen.“ Jetzt muss jeder Tester aufs Display tippen, um die Zahlung zu bestätigen.

Ich aber bin, solange Bezahlen bequemer wird, bereit für maximale Veränderung. Der Bitcoin könnte mir diese bieten. In Hannover entsteht gerade die längste Bitcoin-Meile der Welt, auf 2,5 Kilometern sollen knapp 50 Geschäfte Bitcoins akzeptieren – vom Burgerbrater über eine Friseurkette bis hin zum TUI-Reisebüro.

Jetzt stehe ich im Edelstall, einem Bürohaus, in dem sich junge Firmen einmieten. Gründer Ricardo Ferrer Rivero hat in wenigen Wochen die „Pey“-App für Kunden und einen zugehörigen Zahlterminal entwickelt, über den Einzelhändler Bitcoin-Zahlungen abwickeln können. Und er hat hier einen Automaten aufgestellt. Ich schiebe einen Zehn-Euro-Schein hinein, auf dem Display erscheint ein QR-Code, den ich mit meiner Bitcoin-Geldbörse scanne. Die Geldbörse gibt es als kostenlose App fürs Smartphone von diversen Anbietern. Ein Piepen, und dann habe ich meine ersten 36,90 Millibitcoins auf dem Smartphone, im tagesaktuellen Wert von 9,44 Euro. Mit 5,6 Prozent Aufschlag ist jeder Geldautomat billiger, selbst im Ausland. Aber ich bin angekommen in der dritten Phase der Zukunft des Geldes.

Mit Ferrer Rivero gehe ich ins Restaurant 11A, wir melden vorher an, dass wir mit Bitcoin zahlen wollen. Die Bedienung im Restaurant ist froh, dass Unternehmer Ferrer Rivero mit am Tisch sitzt. „Du musst mir noch mal erklären, was ich für die Abrechnung hier machen muss“, bittet sie. In der ersten Woche des Projekts hat nur Ferrer Rivero hier in Bitcoin bezahlt, normale Gäste blieben bei Bargeld und Karte. Ich bestelle einen Salat: 8,50 Euro tippt die Bedienung im Pey-Terminal ein, ein QR-Code erscheint. Ich scanne den Code auf ihrem Display mit meiner Bitcoin App, das Handy vibriert, die Zahlung ist abgewickelt. Aber: Auf dem Handy werden mir 8,61 Euro berechnet. „Netzwerk-Gebühr“, sagt die App. Noch mal elf Cent verloren. Praktisch, diese Bitcoins – aber heute ein Minus von 67 Cent für mich. Der Kurs hätte ebenso für mich arbeiten können, rede ich mir ein.

Mit miesen Wechselkursen ist zu rechnen. „Je mehr Händler Bitcoin akzeptieren und je mehr Kunden damit bezahlen, desto stabiler wird auch der Wechselkurs“, hofft Ingo Quendler vom Kameraladen Enjoyyourcamera, ebenfalls auf der Bitcoin-Meile in Hannover.

Bitcoin

Noch ein Problem: Die Bundesbank stuft Bitcoin nicht als Zahlungsmittel ein. Das ist nicht nur eine Frage der Theorie: Weil Bitcoin kein Geld ist, sondern eine Ware, müssten Händler bei jedem Geschäft Umsatzsteuer zahlen. Deshalb weichen sie, wie beim Pey-Modell von Ferrer Rivero, über Anbieter wie Bitpay aus, die ihnen alle Bitcoin-Zahlungen in Euro abrechnen.

Um die Digitalwährung zu schöpfen, schließen Nutzer weltweit ihre Computer zusammen. Die sollen, sehr vereinfacht dargestellt, durch einen aufwendigen Rechenprozess ein mathematisches Problem lösen. Für jeden dieser geknackten Codes schüttet die Bitcoin-Software digitale Münzen aus. So schaffen sich die Teilnehmer eine neue Währung, unabhängig vom staatlich kontrollierten Zentralbankgeld und den Banken. Maximal rund 21 Millionen Bitcoins können sie sich errechnen, derzeit sind 14 Millionen im Umlauf. Die Knappheit dieser Währung soll ihren Wert sichern, wie bei Gold. Jede Transaktion wird im digitalen Register der Währung gespeichert, Nutzer bleiben aber anonym – wie beim Bargeld.

Der Wechselkurs spiegelt das Vertrauen in das Bitcoin-Protokoll wider. Als Anfang 2014 Mt Gox, eine der größten Bitcoin-Börsen, pleiteging, verloren Anleger Hunderte Millionen, der Kurs eines Bitcoin fiel vom Hoch bei 1000 Euro auf heute 170 Euro. Dem Hype folgte die Ernüchterung.

Die Szene ist sich einig: Bitcoin muss nicht Dollar oder Euro ersetzen. Vielmehr könnten mit der Hilfe der Bitcoin-Technologie, der Blockchain, auch die klassischen Währungen digitalisiert werden. Käufer und Verkäufer könnten Guthaben miteinander verrechnen, ohne Banken einzuschalten. Das US-Unternehmen Ripple, beraten von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, und das Start-up Realcoin treiben die Idee voran.

Die digitale Geldschöpfung war als demokratisches Gegenmodell zur zentralistischen Geldschöpfung der Notenbanken konzipiert – jeder Nutzer konnte Geld produzieren. Heute ist Bitcoin nur noch Geschäft für Profis. Die Geldschöpfung ist so aufwendig geworden, dass Firmen gigantische Rechenzentren aufbauen, gern nah am Polarkreis, weil die heiß laufenden Rechner dort natürlich gekühlt werden.

Geldexperte Malte Krüger von der Hochschule Aschaffenburg sieht trotz zunehmender Verbreitung von Bitcoin die Notenbanken weiter am Hebel: „Auch Alternativgeld benötigt Schnittstellen zum Umtausch in andere Währungen“, sagt er. „Und an diesen Schnittstellen können die Notenbanken sehr schnell regulatorisch eingreifen, wenn ein Neugeld eine bestimmte Größe erlangt. Bei Bitcoin haben wir die eben noch nicht erreicht.“

Juristische Probleme

Neben den Geldpolitikern haben auch die Juristen einige Probleme zu lösen. Auch Fingerabdrücke können gefälscht und so Konten leer geräumt werden. Der Chaos Computer Club hat gerade den Abdruck von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und die Iris der Bundeskanzlerin geklont – für beide reichte ein hochauflösendes Foto. „Wer haftet, wenn Kunden bestreiten, mit ihrem Handy eingekauft zu haben oder es gestohlen wurde?“, fragt Viola Bensinger, Partnerin der Anwaltskanzlei Olswang.

„Zukünftig muss die Zahlung über eine starke Authentifizierung wie den Fingerabdruck eindeutig zugeordnet werden. So will es der EU-Gesetzgeber regeln“, sagt Matthias Terlau, Partner von Osborne Clarke. „Wer anonym zahlen will, wie mit Bargeld, ohne seine Daten herauszugeben, der muss auf das bequeme Handy-Bezahlen vielfach verzichten“, sagt der Spezialist für Zahlungsverkehrsrecht.

Von Hammel-Bonten von Wirecard glaubt dennoch an den Fortschritt beim Bezahlen, trotz der Angst deutscher Nutzer um ihre Daten: „Wir bewegen uns zurück zum Tante-Emma-Einkaufsprinzip“, sagt er. „Die wusste auch, wer bei ihr welche Waren einkauft, und man konnte anschreiben lassen.“

Mindestens so spannend wie die Datenschutzfrage ist die, wie das Smartphone unser Verhalten ändert. Kaufen wir künftig sorgloser ein, wenn unser Geld nur noch digital verwaltet wird, weil wir den Überblick verlieren? Ofer Zellermayer hat bereits 1996 an der Universität in Pittsburgh den Ausdruck „Schmerz des Bezahlens“ geprägt. Heute arbeitet er als Marketingprofessor am Ono College in Israel. Er erwartet, dass die Trennung der Kunden vom Bargeld zu heftigeren Kaufräuschen führen wird: „Der Schmerz beim Bezahlen verschwindet umso schneller, je weniger wir aktiv an der Zahlung beteiligt sind“, sagt er. Aktiv ist, wer Münzen an der Kasse abzählt – und nicht, wer über sein Handy wischt. „Ohne Bargeld werden Kunden das Gespür dafür verlieren, ob sie sich immer weiter verschulden“, sagt Zellermayer.

Das konnten auch die US-Forscher Raghubir und Srivastava 2008 nachweisen. Testpersonen, die ihr Abendessen mit Kreditkarte bezahlten, gaben rund zwei Dollar mehr aus als eine Bargeld-Gruppe.

In Schweden und Italien unterstützen die Zentralbanken schon offen eine Abkehr vom Bargeld. Italien möchte so die Mafia in den Griff bekommen. In Schweden zahlen Kunden schon drei Viertel ihrer Einkäufe mit Karte. Die letzte Konsequenz hieraus scheint grausam: In einer bargeldlosen Gesellschaft hätte der Staat die totale Kontrolle über die Finanzen der Bürger.

In Arbeit
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Gegenbewegungen dürften mit fortschreitender Digitalisierung an Einfluss gewinnen. Thomas Mayer, Ex-Ökonom der Deutschen Bank, hat Ideen zu einer neuen Geldordnung entwickelt. Er sieht einen Ausweg aus der Staatsverschuldung im Aktivgeld, das auf Vertrauen der Bürger fußt. Das Geld könnten auch Private ausgeben – wie bei Bitcoin.

Ob sie letztlich auf Euro oder Bitcoin basiert, für mich darf die Zukunft unseres Geldes gern schon jetzt beginnen. Die Zahlungen über mein Handy wirkten sicher und sparten Zeit – bis ich diese Mail bekam: „Ihr PayPal-Konto ist eingeschränkt, Ihre Mithilfe ist gefragt!“ Absender: Die Service-Adresse von PayPal, die auch meine mobilen Zahlungen bestätigt hatte. 1089 Euro seien bei mir abgebucht worden. Ich soll meine Daten schicken, zum Abgleich. Als ich bei PayPal nachsehe, bestätigt sich der Verdacht: Spam-Mail. Kurz war ich geschockt – ungefähr so wie in dem Moment, in dem man verzweifelt sein Portemonnaie sucht, dann aber merkt, dass es nur an einem ungewohnten Platz lag.

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