Bundestagswahl 2025: Die Oliver-Kahn-Strategie: Wie Robert Habeck Kanzler werden könnte
Der Robert. Nach den Regierungsjahren mit der real existierenden grünen Wirtschaftspolitik schwer angeschlagen. Doch er ist derjenige, der authentisch und nahbar erklären kann, worauf es in den kommenden Jahren ankommt.
Foto: imago imagesEs stimmt schon: Seine größte Chance, Kanzler zu werden, hat Robert Habeck wahrscheinlich 2021 verpasst, als er Annalena Baerbock den Vortritt ließ. Oder lassen musste. Je nachdem wie man das sehen möchte. Wie dem auch sei, er versucht nun 2025 das, was er 2021 nicht versuchen konnte: Regierungschef werden.
Es ist aussichtslos. Oder vielleicht doch nicht ganz? Der Grüne startet am Montag mit einem großangelegten Auftritt in Lübeck in die heiße Wahlkampfphase, am Wochenende platzierte er passend dazu ein großes Interview im „Spiegel“. Er sei der „Underdog“, sagte Habeck da. Aber das sei Olaf Scholz 2021 schließlich auch gewesen. Aha. Da hat jemand noch ganz und gar nicht aufgegeben.
Der Weg, der Habeck – so unwahrscheinlich es heute erscheinen mag – noch ins Kanzleramt führen könnte, er sähe wohl in etwa so aus: Auch in diesem Jahr treten wieder drei Kandidaten in der demokratischen Mitte an, die jeder auf ihre Art lädiert sind. Olaf Scholz ist nach drei Jahren Ampel, zu wenig Führung und zu viel Besserwisserei bei den Deutschen unten durch. Friedrich Merz wirkt mit jeder Faser seines Blackrock-Schlips-Privatflugzeug-Wesens wie ein Mann straight aus den Neunzigern. Das sieht man und das hört man. Bleibt: der Robert. Findet auch Robert.
Oh ja, auch er ist nach drei Regierungsjahren real existierender grüner Wirtschaftspolitik aus seinem Hause schwer angeschlagen, von Heizungsgesetz bis Atomkraft, von gescheiterten Industrieansiedlungen bis Dauerrezession. Aber er ist von allen dreien, die ernsthaft zur Wahl stehen, der Authentischste, der Nahbarste, am ehesten derjenige, der den Deutschen sinnvoll, nachvollziehbar und ohne Anbiederung erklären kann, worauf es in den kommenden Jahren ankommt.
Vielleicht nicht so sehr wirtschaftspolitisch, da bedarf es eines Koalitionskorrektivs – aber geopolitisch ganz sicher.
Die Hochzeit der Globalisierung ist ein für alle Mal vorüber, die Welt vermachtet und verhärtet sich. Weder die USA noch China spielen noch nach Regeln, die gerade der Bundesrepublik seit dem Fall der Mauer so schöne, goldene drei Jahrzehnte beschert haben. Und Russland? Nun, Wladimir Putin hat dem Westen, der Freiheit, der Demokratie und unserem pluralistischem liberalen Gesellschaftsmodell den Krieg erklärt. Punkt. Er bildet eine bitterböse Achse mit Teheran und Pjöngjang, und er wird nicht durch Schwäche seiner Gegner klein beigeben. Dieser Illusion gibt sich Habeck nicht hin. Und er sagt auch, ganz ohne Panikmache, was das innen-, rüstungs- und investitionspolitisch für Konsequenzen nach sich ziehen müsste.
Weiter, immer weiter!
Ihm selbst, dem norddeutschen Handballfan, würde das wohl missfallen, aber in gewisser Hinsicht bedient sich Robert Habeck der Lebensmaxime des Ex-Torwarts und Gegenwarts-Managementphilosophen Oliver Kahn: Weiter, immer weiter!
Die letzten drei Jahre waren durchwachsen, die anderen spielen unfair, die Wirtschaft mag ihn nicht, aber egal – nicht beirren lassen, weiter, immer weiter, auf die eigenen Stärken besinnen, die anderen weitgehend ignorieren. Es gab keinen besseren für den FC Bayern als Oliver Kahn. Es gibt keinen besseren für die Grünen als Robert Habeck.
Wie Kahn im WM-Finale 2002 hat er im entscheidenden Augenblick zweimal versagt. Heizungsgesetz verbockt. Atomkraft nicht verlängert. Nun bollern die Kohlekraftwerke mutmaßlich noch Jahre weiter. Ausgerechnet. Aber egal. Auch der beste Politiker macht Fehler. Sagt sich Habeck. Und macht, genau, einfach weiter. Er hat den Fokus. Er kommuniziert dem Ernst der Lage angemessen. Er leugnet die Wirklichkeit nicht. Er baut keine Luftschlösser. Er verschweigt nicht die Zumutungen, die auf die Deutschen warten.
Irgendwann in diesem Wahlkampf werden sie es merken. Da ist einer, der hat, pardon, Eier. Wie Oliver Kahn. Hofft Robert Habeck.
Lesen Sie auch: Wie Friedrich Merz Kanzler werden kann