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Corona-Modellprojekt Die ersten Öffnungstage im Saarland – wie lief es?

Das schlechte Wetter hat vielen Gastronomen, wie hier in Saarbrücken, auch nach den Öffnungen im Saarland die Stimmung verhagelt. Quelle: Imago

Als erstes Bundesland hat sich das Saarland am Dienstag an Massenöffnungen getraut. Doch die Stimmung ist durchwachsen – nicht nur wegen des miesen Wetters.

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Schnee, Hagel, Regen. Von einem sonnigen Auftakt der Massenöffnungen kann das Saarland wohl kaum sprechen. Passend zur Stimmungslage: Das Corona-Modellprojekt ist heftig umstritten.

Entgegen der scharfen Kritik hat das Saarland als erstes Bundesland die Außengastronomie, Fitnessstudios, Theater und Kinos seit Dienstag wieder geöffnet. Zugangsvoraussetzung ist ein negativer Corona-Test. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans verteidigt sein Modell gegen alle Widerstände. Die Lockerungen seien konform mit den geltenden Beschlüssen von Bund und Ländern. Auch wenn in diesen eigentlich nur von „ausgewählten Regionen“ die Rede ist – und nicht gleich von ganzen Bundesländern.

„Es ist eine kontrollierte Politik der kleinen Schritte“, begründet Saarbrückens Oberbürgermeister Uwe Conradt die Öffnungen. Das Angebot kann man annehmen – muss man aber nicht. Und es tun auch nicht alle:

Gastronomie

Die Verunsicherung in der Gastronomiebranche ist groß. Wie der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga in der Region per Umfrage ermittelt hat, wollen etwa 60 Prozent der Mitglieder mit einer Öffnung noch warten: weil es sich wirtschaftlich nicht lohne, aus organisatorischen Gründen – und vor allem aus Unsicherheit. „Die größte Belastung ist Berlin“, sagt der saarländische Dehoga-Geschäftsführer Frank Horath. Solange die Diskussion bei der Regierung im Raum steht, ob das Saarland-Modell kompetent genug sei, werde die Gastronomie eher zurückhaltend bleiben. Horath rechnet aufgrund der steigenden Infektionszahlen gar mit einem schnellen Ende des Corona-Modellprojekts.

Kinos und Theater

Auch in den Kultureinrichtungen ist die Lage durchwachsen. Kinos bleiben zunächst geschlossen. „Wir können erst aktuelle Filme zeigen, wenn deutschlandweit 80 Prozent der Kinos offen sind“, sagt die Cinestar-Pressesprecherin Sandra Backhaus. Immerhin: Theater haben bereits ihre ersten Aufführungen gehabt. Die ersten drei Premieren im saarländischen Staatstheater seien bereits ausverkauft, bestätigt die Pressesprecherin Monika Liegmann.

Fitnessstudios

In den Fitnessstudios herrschte am Dienstag vielerorts ein großer Andrang. So hat es auch der McFit-Geschäftsleiter Deutschland, Hagen Wingertszahn, in seinen beiden Studios in Saarbrücken und Neunkirchen wahrgenommen: „Seit der ersten Minute nehmen die Mitglieder das Training wieder an.“ Fitness und Bewegung seien im Lockdown viel zu kurz gekommen. Und auch bei der Kette FitX ist der Fitnessalltag wieder gestartet: „Die Wiedereröffnung stieß auf gute Resonanz und der Trainingsbetrieb läuft reibungslos“, sagt Mirco Lopuszansky, Bereichsleiter vom FitX in Saarbrücken.



An den ersten Tagen des Saarland-Modells sind die Testzentren gut besucht. Einige Stellen haben sogar keine Termine mehr. So sei zum Beispiel nach Angaben des Oberbürgermeisters die Teststelle im Saarbrückener Rathaus vollkommen ausgebucht. Vor einer Woche habe man noch ohne Termin einen Test machen können. Zu den bisher 80 Testmöglichkeiten sollen aber noch weitere hinzukommen: „Wir streben eine Verdopplung der Kapazität in der nächsten Woche an“, sagt Conradt. Um die Öffnungsangebote nutzen zu können, müssen auch Menschen, die bereits zwei Corona-Schutzimpfungen erhalten haben, weiterhin einen negativen Corona-Schnelltest vorweisen. Das teilte am Donnerstag die Landesregierung mit. Es sei „aktuell nicht vorgesehen“, dass Menschen mit Impfschutz gegen Corona etwa in der Außengastronomie oder im Fitnessstudio auch ohne Schnelltest vom Angebot Gebrauch machen können. Das zu erlauben, werde aber „sicher zu einem späteren Zeitpunkt in Betracht gezogen“, heißt es weiter. Die Landesregierung begründet dieses Vorgehen mit dem bislang knappen Impfstoff. Es gebe noch zu wenig davon, um möglichst allen Menschen ein Impfangebot machen zu können.

Während das Saarland wieder öffnet, werden in Berlin die Rufe nach einem sofortigen Lockdown lauter. Die Inzidenzwerte steigen, Wissenschaftler warnen vor überlasteten Krankenhäusern und anderen Folgen der dritten Pandemiewelle. Tobias Hans bekommt heftigen Gegenwind – auch aus der eigenen Partei.

Erst kürzlich machte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) deutlich, dass sie Öffnungen zu diesem Zeitpunkt für den falschen Weg hält. Am Ostermontag forderte dann der zunächst ebenfalls von der Kanzlerin gerügte CDU-Chef Armin Laschet einen „Brücken-Lockdown“, der so schnell wie möglich greifen müsse. Außerdem müssten die für kommenden Montag angesetzten Bund-Länder-Beratungen über das weitere Vorgehen in der Pandemie vorgezogen werden, forderte Laschet und traf dabei auf ein geteiltes Echo. Aus dem Saarland kam am Dienstag keine Unterstützung für den Parteichef. Ein Vorziehen der Bund-Länder-Runde hält Hans nicht für angezeigt. Mittlerweile ist klar, dass die Bund-Länder-Beratungen verschoben werden.

Ganz unberechtigt ist diese Sorge nicht: Die Öffnungen sind nach dem Beschluss der Regierung erst einmal nur bis zum 18. April angesetzt und in dieser Form nur erlaubt, solange die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen einer Woche, stabil unter 100 liegt. Steigt die Inzidenz an drei Tagen über 100, greift ein Ampelsystem – mit einer dann ausgeweiteten Testpflicht (gelb) unter anderem für den Einzelhandel. Wenn eine Überlastung des Gesundheitswesens droht, soll die Notbremse (rot) gezogen werden: Die Öffnungen werden kassiert, es folgt ein Lockdown. Wann und wie genau, ist unklar. Es gebe für das Greifen der Notbremse keine festen Obergrenzen, man analysiere die Lage täglich, heißt es aus der Staatskanzlei.

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In Saarbrücken hat die Inzidenz am Freitag die Grenze schon überschritten. Der Wert liegt bei 117. „Ich habe damit gerechnet, dass wir über die Inzidenz von 100 kommen“, sagt Conradt. Und auch bundesweit droht die Ampel auf orange zu schalten: Das Saarland hat eine Inzidenz von 97,4.

Mit Informationen von dpa

Mehr zum Thema: Tübingens Öffnungsstrategie war ein Vorbild für Deutschland. Doch nun steigen auch dort die Infektionszahlen. Initiatorin und Notärztin Lisa Federle warnt.

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