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Debatte um die Vier-Tage-Woche„Vernichter der deutschen Wirtschaft? Da kann ich nur schmunzeln“

Die Forderung nach einer Vier-Tage-Woche in der Stahlindustrie empört die Arbeitgeber. Hier erklärt IG Metall-Verhandlungsführer Knut Giesler, warum er eine Arbeitszeitverkürzung für notwendig hält und wie sie trotz Fachkräftemangel gelingen soll.Florian Kistler 13.09.2023 - 06:00 Uhr

Stahlarbeiter im Stahlwerk der B.E.S. Brandenburger Elektrostahlwerke GmbH in Brandenburg an der Havel.

Foto: imago images

WirtschaftsWoche: Herr Giesler, Sie fordern für die 68.000 Beschäftigten der Eisen- und Stahlindustrie eine Vier-Tage-Woche und obendrauf eine Lohnerhöhung von 8,5 Prozent. Ist das nicht eine maßlose Forderung angesichts des Fachkräftemangels und der gigantischen Herausforderungen, vor denen die Branche steht? 
Knut Giesler: Als wir im April erstmals den Vorschlag gemacht haben, wurden wir noch abgefeiert – und jetzt werde ich von Kritikern schon als Vernichter der deutschen Wirtschaft bezeichnet. Da kann ich nur schmunzeln. 

Den Arbeitgebern ist gar nicht zum Lachen zumute. Die sagen, dass Sie mit Ihren Forderungen die Existenz der Branche bedrohen. 
Ohne Frage, die Eisen- und Stahlindustrie steht vor einer technischen Transformation: weg von den klassischen Hochöfen, in denen Koks eingeblasen wird, hin zu Anlagen, die grünen Stahl produzieren. Mittelfristig werden dadurch weniger Arbeiter benötigt. Genau deshalb sage ich: Wir müssen jetzt aus einer Position der Stärke heraus das Thema Arbeitszeitreduzierung angehen. Wenn die Branche weniger Arbeiter braucht, dann sollte diese Arbeit auf weniger Schultern verteilen werden und nicht dazu führen, dass Menschen arbeitslos zu Hause sitzen. Die Vier-Tage-Woche wird die Stahlbranche stärken.  

Knut Giesler leitet die IG Metall in Nordrhein-Westfalen.

Foto: Presse
Zur Person
Knut Giesler ist Bezirksleiter der IG Metall Nordrhein-Westfalen und Verhandlungsfrüher für die nordwestdeutsche Stahlindustrie.

ThyssenKrupp wird mit zwei Milliarden Euro subventioniert, um grünen Stahl zu produzieren und die Transformation zu stemmen – und die Arbeiter wollen zugleich eine Reduzierung der Arbeitszeit von 35 auf 32 Stunden und enorme Lohnerhöhungen. Können Sie verstehen, dass das viele Menschen irritiert, die diese Subventionen mit ihren Steuergeldern mitfinanzieren?
Wir selbst haben als Gewerkschaft mit Demonstrationen dafür gesorgt, dass ThyssenKrupp dieses Geld überhaupt bekommt. Wir haben eine der besten Industriekampagnen der letzten zehn Jahre gefahren und klar gemacht: investiert in Stahl, es lohnt sich. Diese zwei Milliarden Euro sind bestmöglich in Beschäftigung investiert. Ohne dieses Geld würden wir über einen Weggang der kompletten Stahlindustrie und einen viel größeren Beschäftigungsabbruch reden.

Aber genau das ist doch der Knackpunkt. Diese technische Transformation braucht Arbeitskräfte, die neue Anlagen für grünen Strom oder Wasserstoff bauen und dann grünen Stahl produzieren. Wo sollen die herkommen, wenn Sie es sich jetzt zugespitzt gesagt mit einer Vier-Tage-Woche gemütlich machen?
Den Fachkräftemangel haben die Stahlarbeitgeber selbst verschuldet. Sie haben in den vergangenen drei Jahren 7000 Arbeitsplätze abgebaut. Mich ärgert es massiv, dass die Arbeitgeber jetzt klagen, dass wir mit der Forderung nach einer kürzeren Arbeitszeit den Untergang des Industrielandes hervorrufen. 



Das ändert aber nichts am derzeitigen Fachkräftemangel.
In Nordrhein-Westfalen sind bei den Arbeitsagenturen 42.000 junge Menschen ohne Ausbildung gemeldet. Wir können es uns gesellschaftspolitisch nicht leisten, diese Menschen einfach fallen zu lassen. Wir müssen sie in den Arbeitsmarkt integrieren. Der Stahl bietet da eine Chance. Gleichzeitig gibt es dreieinhalb Millionen Menschen in der stillen Arbeitsmarktreserve…

…also Menschen ohne Arbeit, die kurzfristig nicht für den Arbeitsmarkt verfügbar sind oder nicht nach Arbeit suchen, sich aber trotzdem eine wünschen…
Auch diese Menschen werden nicht angepackt. Dazu gehören viele, die nicht in Vollzeit arbeiten, sich aber Teilzeit nicht leisten können. Die Arbeitsreduzierung bietet eine Chance, diese Menschen für die Stahlbranche zu gewinnen. Außerdem braucht es in einem Arbeitnehmermarkt attraktive Arbeitszeitmodelle, attraktive Gehälter und attraktive Arbeitsbedingungen, um als Branche gefragt zu bleiben. Von der Vier-Tage-Woche kann die Stahlbranche profitieren, was letztlich zu einer Win-win-Situation führen kann.

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Ist die Stahlbranche denn so unattraktiv? Es gibt doch schon jetzt gute Löhne, die 35-Stunden-Woche, lukrative Zuschläge…
Man hat die „alte Industrie“ in den vergangenen Jahren schlechtgeredet. Deshalb braucht es positive, industrielle Kampagnen, um die Industriearbeit wieder interessant zu machen. Und ich schäme mich nicht dafür, dass wir gute Arbeitsbedingungen haben.

Für die Transformation benötigt die Branche sogar zwischenzeitlich mehr Arbeitskräfte. Sie wollen das Arbeitsangebot aber weiter verkürzen. Wie passt das zusammen?
Ich gebe zu, dass wir temporär mehr Personal brauchen, weil wir die alte Technologie weiterfahren und die neue einführen. Unser Ziel ist deshalb nicht die Arbeitszeitverkürzung zum 1. Januar 2025 oder zum 1. Januar 2026. Wir wollen damit starten, wenn sich die Transformation dem Ende zuneigt. In der Vergangenheit haben Arbeitszeitverkürzungen immer vier, fünf oder sogar sechs Jahre bis zur vollständigen Umsetzung gebraucht. Ich will aber jetzt darüber reden und einen Prozess in Gang setzen. Denn es gibt eine wichtige Erfahrung: Wurde die Arbeit weniger, wurde immer auch die Arbeitszeit reduziert – aber zulasten der Beschäftigten. Die Arbeitgeber dürfen sich nicht aus der Verantwortung ziehen. 

Arbeitszeitreduzierung

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von Sascha Zastiral

Die Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich und einer Lohnforderung von 8,5 Prozent, würden ein Gesamtvolumen von 17,1 Prozent ergeben. Das ist doch mehr als übertrieben.
Wäre die Umsetzung zum 1. Januar 2024, dann wäre das auch viel. Das halte ich auch für vollkommen unrealistisch. Vielleicht gibt es aber zum 1. Januar 2025 eine Verkürzung der Arbeitszeit um eine Viertelstunde, vielleicht die Jahre darauf dann die nächsten Schritte. Durch diese Wegstrecke wird sich die Kostenbelastung für die Unternehmen reduzieren. 

Dennoch sind damit Kosten verbunden. Kann sich die Branche das in dieser schwierigen Phase leisten?
Der Anteil der Personalkosten an den gesamten Kosten im Stahlbereich liegt bei rund zehn Prozent. Wenn wir über eine Wegstrecke von mehreren Jahren zum Beispiel jährlich eineinhalb Prozent Arbeitszeit abzwacken, dann bewegen wir uns bezüglich der Belastung pro Jahr im Promillebereich. Das ist zu verkraften.

Das sehen die Arbeitgeber anders. Wird es bei den Verhandlungen krachen?
Ich stelle mich auf eine harte Auseinandersetzung ein. Auch die Forderung von 8,5 Prozent ist ordentlich. Letztlich entscheiden die Arbeitgeber, inwieweit sie bereit sind, uns entgegenzukommen und wie hart dann die Verhandlungen wird. Wir für unseren Teil haben im Stahl einen Organisationsgrad von 85 Prozent. Wir sind durchaus konfliktfähig.

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