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Die Zukunft der Städte „Ohne industrielles Rückgrat können Großstädte nicht erfolgreich sein“

Martin Gornig ist Honorarprofessor für Stadt- und Regionalökonomie an der Technischen Universität Berlin Quelle: Privat

Die Provinz hat neue Chancen zu wachsen, sagt Martin Gornig. Der Regionalökonom spricht über die wichtigsten kommunalen Standortfaktoren in der Zukunft – und die überforderte Verwaltung seiner Heimatstadt Berlin.

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Martin Gornig ist Honorarprofessor für Stadt- und Regionalökonomie an der Technischen Universität Berlin und Forschungsdirektor für Industriepolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

WirtschaftsWoche: Herr Gornig, erlauben Sie eine hypothetische Frage. Wenn Sie aus irgendwelchen Gründen aus Berlin wegziehen müssten: Nach welchen Kriterien würden Sie sich Ihren neuen Wohnort in Deutschland aussuchen?
Martin Gornig: Na ja, ich bin ja schon ein bisschen älter, da würden wohl die Freizeitangebote eine wichtige Rolle spielen und insbesondere die Nähe zur Natur. Ich bin ein großer Fan der Ostsee.

Die Frage hat einen realen Hintergrund. Umfragen während der Coronakrise haben ergeben, dass viele Menschen aus den Ballungszentren wegziehen wollen. Nimmt der Sog der Metropolen ab?
Teilweise schon, das hat aber mit Corona wenig bis gar nichts zu tun. Es handelt sich um einen schon länger laufenden Trend, der vor allem ein Reflex auf die katastrophale Lage am Wohnungsmarkt vieler Großstädte ist. Ich bin noch nicht sicher, wie nachhaltig das ist, zumal große Zentren viele Urbanisationsvorteile haben, die die Provinz nicht liefern kann. Allerdings könnte der Trend zum Homeoffice strukturell etwas verändern. Viele Beschäftigte, die früher in der digitalen Welt bisher nur an der Oberfläche gekratzt haben, merken nun, welche Freiheiten man dadurch gewinnen kann. Der Vormarsch des Homeoffice als fester Bestandteil der Arbeitswelt ist irreversibel.

Und was bedeutet das konkret? Etwa eine Aufwertung der Provinz?
Wenn Arbeitskräfte prinzipiell von überall aus arbeiten können, hat das meiner Ansicht nach zwei Effekte. Innerstädtisch könnten vermehrt neue kleinräumige Quartiere entstehen, wo Arbeit und Leben zusammenrücken. Wo die Leute zwar zu Hause arbeiten, sich aber bei Bedarf mal eben zum Meeting im Café verabreden. Das Modell der Siemensstadt 2.0 geht ein bisschen in diese Richtung. Der zweite Effekt erhöht in der Tat die wirtschaftlichen Chancen der Provinz. Es wird dort künftig einfacher, so genannte Agglomerationsvorteile zu nutzen und eine dynamische Wirtschaftsentwicklung in Gang zu setzen. Denn durch die Digitalisierung sinkt die notwendige Größe von Clustern, um Agglomerationsvorteile zu generieren.

Was sind künftig die wichtigsten Standortfaktoren im kommunalen Wettbewerb um Investitionen und neue Einwohner?
Erstens: schnelles Internet. Ohne das kann sich eine Stadt künftig aus dem kommunalen Standortwettbewerb verabschieden. Zweitens: eine gute Verkehrsanbindung. Und drittens ein gutes Bildungswesen vor Ort, das für die qualifizierten Arbeitskräfte vor morgen sorgt. Da haben Universitätsstädte einen natürlichen Standortvorteil, da können Unternehmen ihre Fachkräfte ja direkt an der Quelle abgreifen. Wir erleben in der Beziehung zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten derzeit einen fundamentalen Wandel: Früher sind die Leute dorthin gezogen, wo die Unternehmen waren. Mittlerweile folgen, überspitzt ausgedrückt, die Unternehmen eher den Arbeitskräften.

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    Welche Rolle für die Zukunft der Städte spielt die – bisweilen ungeliebte – Industrie?
    Eine bedeutende! Ohne ein industrielles Rückgrat und einen gesunden Branchenmix können Großstädte auf Dauer nicht erfolgreich sein. Die Industrie ist wichtig für die Jobs, für Lohnniveau und  Kaufkraft, für die Qualität der Ausbildung – und letztlich auch für das Image der Städte.



    Das Dynamikranking der WirtschaftsWoche hat 2021 ausgerechnet Berlin gewonnen, eine Stadt mit einer bekanntermaßen dysfunktionalen Verwaltung. Wie kann das sein?
    Die Antwort ist einfach: Berlin ist nicht wegen, sondern trotz seiner Kommunalpolitik und Verwaltung so dynamisch. Die Berliner Stadtverwaltung  kann mit der wirtschaftlichen Dynamik um sie herum nicht umgehen. Sie ist mit dem Wandel von der noch bis 2005 schrumpfenden Stadt zum dynamischen kosmopolitischen Zentrum schlicht überfordert. Als Berliner muss ich leider sagen: Das ist in München anders.

    Mehr zum Thema: Die Stärken und Schwächen der Kommunen im Check: Unsere interaktive Infografik zeigt, in welchen Städten man am besten arbeiten, investieren und leben kann.

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