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Nach dem Hochwasser Menschen in Flutregion bereiten sich auf neuen Regen vor

Die Verwüstung nach der Hochwasserkatastrophe ist noch immer groß. Nun soll es aber schon wieder neue Starkregenfälle geben. Quelle: imago images

Die Hochwasserkatastrophe hat mindestens 179 Todesopfer gefordert. Nun drohen neue Starkregenfälle. Einsatzkräfte und Bewohner bereiten sich vor – und die Politik blickt noch weiter in die Zukunft.

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Nach den verheerenden Überflutungen mit mindestens 179 Todesopfern und noch immer Dutzenden Vermissten bereiten sich die Menschen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen auf neue Schauer und Gewitter vor. Dabei seien „lokal eng begrenzt“ Unwetter durch heftigen Starkregen möglich, berichtete der DWD am Samstag. In der Hochwasserregion in Rheinland-Pfalz richtete der Katastrophenschutz vorsorglich für die Bürger eine Notunterkunft ein.

Laut der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion wird dazu in möglicherweise betroffenen Orten informiert. „Die Vorbereitungen laufen. Die Bevölkerung wird in den Sozialen Medien noch einmal gewarnt und es werden Flugblätter verteilt“, sagte ein Sprecher. Demnach besteht keine akute Hochwassergefahr für die Ahr. Dennoch sei bei Niederschlag mit verstärktem Oberflächenwasser insbesondere in den Orten zu rechnen, in denen Teile der Kanalisation zerstört oder verstopft sind. Dadurch könne es örtlich zu einem neuen Einlaufen von Wasser in Kellern kommen.

Die Vize-Präsidentin des Technischen Hilfswerks (THW), Sabine Lackner, berichtete im RTL/ntv-„Frühstart“ von Attacken gegen Einsatzkräfte. „Das geht dann soweit, dass unsere Helferinnen und Helfer beschimpft werden“, sagte Lackner am Samstag. „Wenn sie mit Einsatzfahrzeugen unterwegs sind, werden sie mit Müll beschmissen“, fügte Lackner hinzu. Hinter den Angriffen seien vor allem Querdenker oder Menschen aus der Prepper-Szene, die sich als Betroffene der Flutkatastrophe ausgäben, sowie einige frustrierte Flutopfer. Die Polizei in Koblenz zeigte sich bestürzt über die Berichte, solche Vorfälle seien aus ihrem Gebiet allerdings bislang nicht bekannt.

Derweil appellierten das Polizeipräsidium Koblenz und der Krisenstab am Samstag an Freiwillige, sich nicht mehr auf den Weg in das Katastrophengebiet in Rheinland-Pfalz zu machen. „Die Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung ist weiterhin überwältigend und ungebrochen. Durch die Vielzahl an Helferinnen und Helfer, die sich heute in das Katastrophengebiet aufgemacht haben um zu helfen, kommt es aktuell leider zu einer völligen Überlastung sämtlicher Zufahrtsstraßen zum Ahrtal, sowie der Straßen im Katastrophengebiet selbst“, hieß es in einer Pressemitteilung.

Große Baumaschinen, die beispielsweise zum Straßen- und Brückenbau, sowie zum Wiederaufbau der Trinkwasserversorgung im Katastrophengebiet benötigt werden, können den Angaben zufolge ihren Einsatzort nicht erreichen und stehen im Stau.

Mit Sorge blickten die Menschen in den betroffenen Regionen auf die Wettervorhersagen. Am Samstagnachmittag sei mit teils kräftigen Schauern und Gewittern von Westfalen und Nordhessen bis nach Südniedersachsen hinein und an den Alpen zu rechnen, am frühen Abend auch im Südwesten. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit könne es regional auch zu Platzregen mit lokaler Überschwemmungsgefahr kommen. In einigen Regionen könnten größerer Hagel und Sturmböen oder schwere Sturmböen hinzukommen.

Das aktuelle Tief ist laut DWD allerdings nicht mit dem Tief Bernd zu vergleichen, das zu der Hochwasser-Katastrophe geführt hatte. Während das Tief Bernd sehr ortsfest gewesen sei und regional viel Regen gebracht habe, sorge das aktuelle Tief in Wellen für einigermaßen rasch ziehende Schauer und Gewitter. Entsprechend sind den Meteorologen zufolge zwar lokal hohe Regenmengen zwischen 20 und 40, teils auch bis zu 60 Litern pro Quadratmeter in kurzer Zeit möglich. Danach sei bis zur nächsten Schauer- und Gewitterwelle aber eine Zeit lang Ruhe.

Um künftig besser reagieren zu können, sprach sich CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt für einen ständigen nationalen Krisenstab aus. „Ein ständiger Krisenstab Naturkatastrophen in Kombination von Bund und Ländern sollte eingesetzt werden“, sagte der CSU-Politiker der „Passauer Neuen Presse“. Er halte die föderalen Strukturen für richtig, aber „auch die Bündelung aller Informationen ist sehr wichtig“, argumentierte Dobrindt.

Mit Blick auf den Wiederaufbau mahnte der Deutsche Städte- und Gemeindebund zum Umdenken: Es müsse eine Diskussion darüber geben, ob man jedes Haus wieder dort errichten sollte, wo es gestanden habe. „Man wird das nicht so eins zu eins wieder aufbauen in den ganz kritischen Lagen wie es vorher war“, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg im Deutschlandfunk. Das sei natürlich hart für den Eigentümer. Im sächsischen Grimma habe man das aber nach dem Hochwasser von 2002 so gemacht und den Menschen ein anderes Grundstück angeboten. Auch seien viele Brücken zu niedrig gewesen und deshalb vom Wasser und von treibenden Wohnwagen zerstört worden. Es sei also sinnvoll, sie etwas zu höher zu bauen.



Der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker lobte unterdessen die Hilfsbereitschaft und Solidarität der Deutschen. In einem Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) hob er das „unwahrscheinliche Volumen an Solidarität“ hervor. Menschen seien bei großen Problemen zu Großem fähig: „Und da haben die Deutschen mit ihrer Hilfsbereitschaft füreinander ein gutes Beispiel abgeliefert. Und das ist doch eine beeindruckende kollektive Leistung der Deutschen.“

Große Spendenbereitschaft für die von der Katastrophe Betroffenen zeigte sich auch beim ARD-Spendentag am Freitag: Die vorläufige Bilanz der ARD-Benefizgala „Wir halten zusammen“ lautete am Abend 6.538.000 Euro. Zusammen mit 10 weiteren Millionen, die im Rahmen des Spendentags mit der „Aktion Deutschland hilft“ gesammelt wurden, seien so mehr als 16,5 Millionen Euro für die Opfer der Flutkatastrophe zusammengekommen.

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Am Samstagabend war eine weitere TV-Spendengala geplant. Gemeinsam mit dem Bündnis deutscher Hilfsorganisationen „Aktion Deutschland Hilft“ sammelt der Privatsender Sat.1 Geld für die Opfer. Moderator Daniel Boschmann führt durch die Sendung und spricht sowohl mit Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident und Unionskanzlerkandidat Armin Laschet als auch mit Hochwasser-Betroffenen. Am Telefon als Sammler sitzen TV-Promis wie Hella von Sinnen, Verona Pooth, Annemarie und Wayne Carpendale, Jana und Thore Schölermann, Hardy Krüger Jr., Matthias Opdenhövel, Mickie Krause und Kida Khodr Ramadan. Musik kommt von Sängern wie Nico Santos und Adel Tawil.

Mehr zum Thema: Schon Corona hatte erhebliche Lücken im Bevölkerungsschutz offengelegt. Nun offenbaren die katastrophalen Überschwemmungen weitere eklatante Mängel, etwa bei der Warnung der Menschen. Sie zu beheben wird Millionen kosten und Jahre dauern.

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