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NGOs im Fokus „Man versucht uns einzuschüchtern“

Der Greenpeace-Sitz in der Hafencity von Hamburg Quelle: imago images

Christian Bussau arbeitet seit 25 Jahren bei Greenpeace. Der Aufstieg der NGOs hat damit zu tun, dass sich Politik und Industrie von den Menschen entfernt haben, sagt er. Einen wunden Punkt aber gebe es: die Gemeinnützigkeit, die von Gegnern immer wieder infrage gestellt wird.

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Wer verstehen will, warum NGOs in Deutschland derart mächtig geworden sind, muss in die Hamburger Hafencity gehen, in die Zentrale der wohl mächtigsten deutschen NGO, zu Christian Bussau. Bussau ist 56 Jahre alt. Die wenigen Haare, die er noch hat, sind kurz geschoren. In seinem Büro steht ein Klapprad. Er hat fast sein halbes Leben bei Greenpeace verbracht, der wohl bekanntesten deutschen NGO: 25 Jahre. Heute leitet er die für die Meere zuständige Greenpeace-Abteilung mit zwölf Mitarbeitern.

Bussau weiß genau, wann die NGOs als Akteur endgültig ernstgenommen wurden: 1995. Greenpeace hatte ein Thema gesetzt – und er war dabei. „Ich war begeistert“, sagt er. 

Damals hatte der promovierte Meeresbiologe und Sohn eines Tankerkapitäns gerade bei Greenpeace angefangen. Für eine Aktion wurden Freiwillige gesucht, die nicht so leicht seekrank wurden. Bussau, der viel auf Forschungsschiffen gearbeitet hatte, meldete sich. Er und seine Mitstreiter sollten Brent Spar besetzen, einen schwimmenden Öltank in der Nordsee, den der Ölkonzern Shell versenken wollte. Die Greenpeace-Leute charterten ein Schiff, fuhren von Hamburg aus los, kletterten auf die Plattform und warteten. Es passierte erst mal: nichts. „Wenn Shell damals entschieden hätte, uns in Ruhe zu lassen, wären wir vielleicht irgendwann weggegangen.“

Christian Bussau, 56, verantwortet seit 25 Jahren Kampagnen bei Greenpeace Quelle: Bente Stachowske - Greenpeace

Doch Shell schickte einen Räumtrupp und Polizisten. Es kam zum Kampf, Bussau berichtet von aggressiven Shell-Mitarbeitern, die die Aktivisten mit Messern bedrohten. Er selbst hatte sich an eine Wendeltreppe gekettet, wurde losgeschnitten, von Bord gebracht, auf den Shetland-Inseln von der Polizei verhört. Den Umweltaktivisten gelang es, Fotos und bewegte Bilder der Räumaktion an Land zu schmuggeln – obwohl es damals noch keine sozialen Netzwerke gab, verbreiteten sich die Bilder und die Empörung darüber rasant in ganz Europa. Plötzlich zeigten sich Politiker wie die damalige Umweltministerin Angela Merkel empört, Verbraucher boykottierten Shell-Tankstellen – schließlich stoppte der Konzern die Versenkung. „Die Shell-Manager haben nicht bedacht, was es heißt, etwas durchzusetzen, was dem gesunden Menschenverstand widerspricht“, sagt Bussau.

Die Aktion Brent Spar habe gezeigt, was eine NGO kann: viele Menschen mobilisieren. „Wir haben es etwas leichter als die Politik und die Wirtschaft: Wir können Themen emotional bearbeiten, dass die Menschen Hoffnung schöpfen, ihren Traum leben können.“ NGOs müssten keine Wahlen gewinnen und keine Gewinne erwirtschaften. „Da wird die Lebensgrundlagen schützen, werden wir als die Guten wahrgenommen.“ 

Einige Jahre lang hatte er das Gefühl, dass sich die Gesellschaft ein wenig zurückgezogen habe. Die Empörung war irgendwie weg, auch die Spenden bei Greenpeace brachen ein, so dass Mitarbeiter entlassen werden mussten. Doch jetzt gebe es viele Reizthemen: der Dürresommer, die Klimaerwärmung, der Diesel-Skandal, der Hambacher Forst. „Der Einfluss der NGOs auf die Menschen wird größter. Menschen finden sich in der Politik nicht mehr wieder. Und wir sind einfach enger dran an den Menschen.“ 

61 Millionen Euro Spenden nimmt Greenpeace von seinen 600.000 „Förderern“ pro Jahr ein – „Tendenz steigend“, sagt Bussau. 1980 wurde Greenpeace Deutschland gegründet, seit 1986 ist der Verein gemeinnützig. Der Status sei dadurch gerechtfertigt, dass sich Greenpeace für Umwelt, Naturschutz, Bildung, Wissenschaft, Forschung einsetzte, sagt Bussau.

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