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Old Labour Wird die SPD jetzt wieder eine linke Partei?

Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken stehen für die linke Linie innerhalb der SPD, die gerade aus der eigenen Jugendorganisation herüberschwappt. Quelle: dpa

Das Rennen war offen – und doch ist das Ergebnis eine mittlere Sensation: Die SPD-Basis wählt Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans als neue Vorsitzende. Sie entzieht dem Establishment das Vertrauen. Die große Koalition steht auf der Kippe. Aber die SPD selbst auch.

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Die SPD hat ihren Vorsitzenden allein in jüngster Vergangenheit zwischen Himmel und Vorhölle schon alles beschert. Martin Schulz wurde 2017 von den Parteitagsdelegierten mit einhundert Prozent gewählt. Andrea Nahles bekam 2018, nun ja, ein bisschen weniger.

Sie scheiterten dann allerdings beide, und das relativ schnell. Das sollte in der Hitze des Moments nicht vergessen werden. Das Ergebnis, mit dem Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans nun also den Sieg nach einem monatelangen Prozess der Chefsuche davongetragen haben, sagt über ihre künftigen Erfolgschancen exakt: nichts.

Und doch: 53 Prozent sind eine mittlere Sensation. Das Establishment ist abgewählt. Und alle Fragen sind nun offen wie selten zuvor.

Die Genossen hätten Olaf Scholz und Klara Geywitz wählen können. Es wäre ein Sieg des Sachzwangs gewesen. Kopf statt Herz. Ein Niederringen des linken Flügels mit dem schwarzen Gürtel des Pragmatismus. Es kam anders.

Womöglich, wer weiß das in dieser Stunde, markiert der heutige Abend auch das Ende der respektablen Karriere des Olaf Scholz.

Nun also Esken und „NoWaBo“. Die Sehnsucht nach der vermeintlich reinen linken Lehre trägt sie ins Amt. Ja, auch die nach Opposition. Eine zutiefst verunsicherte, demoralisierte Partei wurde von den Jusos gekapert. Young Labour wählte Old Labour.

Mit Olaf Scholz hätte die Partei einen Chef bekommen, der an manchen Tagen sein Parteibuch mit, sagen wir, Peter Altmaier hätte tauschen können. Nun bekommt sie mit Walter-Borjans einen, der programmatisch von jemandem wie den Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch praktisch nicht zu unterscheiden ist.

Dass es für keines der Teams ein triumphaler Sieg werden würde, war abzusehen. Zu gespalten ist die Partei. Und gespalten wird sie jetzt wohl auch bleiben. Erschüttert sowieso.

Die pragmatischen Sozialingenieure auf der einen Seite beäugten stets misstrauisch die idealistischen Weltverbesserer auf der anderen. Und die GroKo-Kritiker fragten sich zuletzt mit immer mehr Wut, wie lange sich die Scholzianer da drüben noch zu Tode regieren wollen.

Was aus dieser Wut nun wird? Wohl ein schnelles Ende der Koalition, eine Minderheitsregierung, eine SPD im inneren Exil. Wer weiß. Sicher ist nur eines: zum Wohle des Landes und der Stabilität des politischen Systems will sich die SPD einfach nicht mehr opfern.

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