Städteranking 2024: „Fehlt es an bezahlbarem Wohnraum, wirkt das wie eine Mobilitätsbremse“
Berliner Baustelle: Fehlt bezahlbarer Wohnraum, können Kommunen schwerlich Fachkräfte anlocken.
Foto: imago imagesWirtschaftsWoche: Herr Wrede, die Schere zwischen reichen und armen Städten geht in Deutschland immer stärker auseinander. Was wird künftig über den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg einer Kommune entscheiden?
Matthias Wrede: Im Mittelpunkt stehen die Menschen. Wo es keine Fachkräfte gibt, werden sich künftig auch keine Unternehmen mehr ansiedeln. Es für die Städte daher geradezu überlebenswichtig, eine vernünftige Bildungsinfrastruktur anzubieten, wozu auch ein gutes Kita-Angebot gehört. Studien zeigen zudem, dass eine gute Breitbandversorgung verhindern kann, dass Einwohner abwandern. Die Städte müssen aber nicht nur ein attraktives Umfeld zum Leben bieten, sondern auch ihr Gewerbeflächenmanagement verbessern.
Was meinen Sie damit?
Nicht selten scheitert die Ausweisung neuer Gewerbeflächen an Bürgerprotesten. Hier müssen die Kommunen versuchen, die Anwohner besser einzubinden und Widerstände frühzeitig auszuräumen – etwa durch eine Kompensation. Dies könnte etwa sein, bei Umsetzung des Projekts die soziale Infrastruktur, die Umweltsituation oder die verkehrliche Anbindung zu verbessern.
Welche Rolle spielt der Wohnungsmarkt für die Attraktivität einer Stadt?
Eine ganz zentrale! Die Wohnsituation wird als wirtschaftlicher Standortfaktor immer wichtiger, das war vor zehn Jahren noch anders. Die Krise am Wohnungsmarkt ist dabei nicht nur für die Menschen ein Problem, sondern immer stärker auch für die Unternehmen. Fehlt es vor Ort an bezahlbarem Wohnraum, wirkt dies ökonomisch wie eine Mobilitätsbremse: Fachkräfte bleiben lieber wo sie sind und nehmen selbst attraktive Jobs in andere Städten nicht an – weil sie dort schlicht keine adäquate Unterkunft finden.
Regionalökonom Matthias Wrede
Foto: PRDie Leute könnten ja ins Umland ziehen.
Prinzipiell ja, aber mittlerweile ist die Lage selbst im Umland von Ballungsräumen schwierig. Nicht wenige Kommunen haben zwar freie Bauflächen. Sie geben diese aber nicht frei, weil sie sich bereits zugebaut fühlen und weder einen weiteren Zuzug aus nahen Ballungsräumen noch weitere Wohnsiedlungen haben wollen.
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Es gibt also keine Renaissance der Provinz, wie manche Experten glauben?
Wie man es nimmt. Der empirische Befund lautet: Die Zuwanderung aus dem Ausland geht überwiegend in die Zentren, die Binnenwanderung junger Familien ins Umland und die nahe Provinz. Eine Renaissance erlebt eher der Stadtrand, wir sprechen hier von einem „Donut-Effekt“. Studien zeigen, dass die Standrandgebiete relativ zum Zentrum teurer werden, und sich auch der Konsum dorthin verlagert.
Kann prinzipiell auch das Niveau der Digitalisierung den Wettstreit der Städte um Einwohner und Betriebe beeinflussen?
Die Digitalisierung ist eine besondere Chance für die Vorstädte. Das Homeoffice hat viele Dinge im Arbeitsleben verändert, Wohn- und Arbeitsort lassen sich leichter als früher voneinander trennen. Studien zeigen jedoch, dass für die meisten Arbeitnehmer die Entfernung nicht zu groß sein darf. Städte im geografischen Niemandsland profitieren von der Digitalisierung daher weniger als Städte in der Nähe der großen Ballungsräume – etwa im Rhein-Main-Gebiet oder rund um München.
Haben auch die Steuern eine Bedeutung bei der Standortwahl?
Davon ist auszugehen. Ein Projekt an meinem Lehrstuhl untersucht, welche Rolle die von den Ländern erhobene Grunderwerbsteuer auf den Umzug von Menschen spielt. Mit Regionaldaten und Daten des Sozioökonomischen Panels haben wir den Wohnortwechsel untersucht und in Beziehung gesetzt zu den Steuersätzen in den jeweiligen Bundesländern. Die Arbeit ist noch nicht abgeschlossen, aber die bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Höhe der Grunderwerbsteuer tatsächlich Mobilitäts- und Wohnortentscheidungen vor allem von Eigentümern selbstgenutzten Wohnraums beeinflusst.
Was ist Ihr Ratschlag an Problemregionen wie das Ruhrgebiet?
Strukturwandel ist immer schmerzhaft, daher gibt es auch immer viele Beharrungskräfte. Viele wollen das, was noch da ist und funktioniert, nicht aufgeben, selbst wenn es dafür keine langfristige Perspektive gibt. Das gilt für die Politik, aber auch für Teile der Wirtschaft und der Gesellschaft. Auch das Ruhrgebiet hat viel Potenzial. Essenziell aber ist für die Region eine Kooperation der Städte untereinander. Da passiert schon einiges, aber noch nicht genug. Gerade bei Infrastrukturprojekten gibt es bisweilen lokale Interessengegensätze und es wird nicht ausreichend zusammengearbeitet.
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