Statt Rentenniveau bis 2040 Wie die Rente wirklich gerettet werden könnte

Rente: Wie man sie wirklich retten könnte Quelle: Getty Images

Die SPD erntet viel Kritik für ihren Vorschlag, das Rentenniveau bis 2040 zu stabilisieren. Zu Recht. Viel interessanter ist jedoch, was stattdessen geschehen müsste.

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Der PR-Coup der SPD ist geglückt: Mit seinem Ruf nach einem stabilen Rentenniveau bis 2040 hat Finanzminister Olaf Scholz die Partei wieder ins Zentrum der Debatte gerückt. Doch viel mehr als Aufmerksamkeit kann Scholz nicht vorweisen. Die Idee ist ein Leuchtfeuer, das selbst bei arbeitnehmerfreundlichen Ökonomen keine Unterstützung findet.

Der Grund ist einfach: Die Stabilisierung des Rentenniveaus ist nicht finanzierbar – zumindest nicht unter den aktuellen Parametern.
Statt nun voller Häme in Richtung SPD zu schießen, sollten sich die Deutschen einer ganz anderen Frage stellen: Wie könnte ein zukunftsfähiges Rentensystem in Deutschland aussehen?

Finanzminister Olaf Scholz will das Rentenniveau bis 2040 garantieren – und damit 15 Jahre länger als im Koalitionsvertrag vereinbart. Rentenexperte Bernd Raffelhüschen zeigt sich wenig begeistert.
von Marius Wolf

Durch den demografischen Wandel kommen immer mehr Rentner auf immer weniger Beitragszahler. Dieser Trend wird um das Jahr 2030 kulminieren, wenn die große Menge der Babyboomer in Rente geht. Um das System zu stabilisieren, gibt es drei große Stellschrauben: das Rentenniveau, die Beitragshöhe und die Lebensarbeitszeit.
Will man, wie jetzt im SPD-Vorschlag, eine der Schrauben festsetzen, müssen die anderen sich bewegen. Konkret hieße das, die Beiträge müssten steigen oder die Menschen länger arbeiten – oder beides. Hinzu kommt die Option, das Rentenniveau über höhere Bundesmittel finanzieren. Auch das würde letztlich über den Umweg der Steuern alle belasten. Was aber wären jeweils die Konsequenzen?

1. Renteneintrittsalter

Status Quo: Kaum ein Experte zweifelt an der Notwendigkeit eines höheren Renteneintrittsalters. Die offene Frage ist nur, wo genau es liegen soll. Während Angela Merkel und Martin Schulz es im Kanzlerduell noch zu einer Frage der Ehre erklärten, dass mit ihnen keine Rente mit 70 zu machen sei, halten viele Ökonomen 70 eher für den unteren Rand des Spektrums. Viele befürworten zudem einen flexiblen Renteneintritt, eine Phase also, zu deren Beginn man mit Abschlägen in Rente gehen kann, in der man aber zu attraktiven Konditionen lange weiterarbeiten kann, wenn man das will.

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In Zahlen: Das IW Köln hat 2016 errechnet, welches Renteneintrittsalter nötig wäre, wenn man nur durch es sowohl Rentenniveau als auch Beitragssätze konstant halten wollte. Der Renteneintritt müsste demnach im Jahr 2030 bei 69 Jahren liegen, 2035 bei 71 Jahren und ab 2041 bei 73 Jahren.
Bewertung: Ein höheres Renteneintrittsalter würde erst sukzessive eingeführt und träfe somit vor allem Menschen, die heute noch jung sind – also die heutigen Beitragszahler. Ein weiteres Problem: Schon heute geht jeder Vierte vorzeitig in den Ruhestand. Das Renteneintrittsalter ist damit ein eher theoretischer Wert.

2. Beitragshöhe

Status Quo: Aktuell liegen die Beiträge zur Rentenversicherung bei 18,6 Prozent, wobei Arbeitnehmer und Arbeitgeber jeweils für die Hälfte aufkommen. Die Große Koalition hat sich nicht nur darauf geeinigt, dass das Rentenniveau bis 2025 nicht unter 48 Prozent sinken darf. Die sogenannte zweite Haltelinie besagt, dass auch der Beitragssatz im selben Zeitraum nicht über 20 Prozent steigen soll. Sieht man über diesen politischen Willen hinweg, wäre jedoch eine deutliche Erhöhung der Beiträge nötig, um ein stabiles Rentenniveau zu erreichen.

In Zahlen: In einer Prognose von vorigem Dezember rechnet die Deutsche Rentenversicherung vor, dass der Beitragssatz bis 2030 auf 21,6 Prozent steigen müsste, bis 2045 sogar bis auf 23,2 Prozent. Und bei dieser Berechnung gingen die Experten noch nicht einmal von einem stabilen Rentenniveau aus, sondern von einem, das auf 42,2 Prozent im Jahr 2045 sinkt. Andere Experten, die das von Scholz geforderte stabile Rentenniveau von 48 Prozent als Grundlage nahmen, kamen sogar auf einen erforderlichen Rentenbeitrag von 25,6 Prozent.

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Bewertung: Ein stabiles Rentensystem alleine über die Beiträge zu finanzieren, würde vor allem die Arbeitnehmer belasten, also die Beitragszahler. Das empfinden viele als ungerecht, weil auf ihnen ohnehin eine größere Last liegt als auf den Generationen vor ihnen. Und das ganz ohne eigenes Zutun, wie Jochen Pimpertz, Rentenexperte beim arbeitgebernahen Wirtschaftsinstitut IW Köln sagt: „Wir als Babyboomer sind mitverantwortlich für die jetzige Situation, weil wir so wenige Kinder bekommen haben.“

3. Rentenniveau

Status Quo: Am einfachsten wäre freilich, das Rentenniveau zu senken, das aktuell bei gut 48 Prozent liegt. Wird an den anderen beiden Stellschrauben, Alter und Beitrag, nicht gedreht, so geschieht das ganz automatisch.

In Zahlen: Würde die Stabilisierung des Rentenniveaus allein über die Beiträge finanziert, so hat die Deutsche Rentenversicherung eine Faustformel parat. Demnach würde eine Veränderung des Niveaus um einen Prozentpunkt einem halben Beitragssatzpunkt entsprechen. Geht man nun von den Berechnungen der Rentenversicherung aus, denen zufolge das Rentenniveau im Jahr 2045 nur mit einem Rentenbeitrag von 23,2 Prozent bei 42,2 Prozent liegen kann, so bedeutet das im Umkehrschluss: Mit dem jetzigen Beitrag von 18,6 Prozent wäre, grob überschlagen, nur ein Rentenniveau von 33 Prozent möglich.

Bewertung: Würde das Rentenniveau drastisch sinken, würden bereits die Babyboomer darunter leiden, noch stärker aber erneut die jüngeren Beitragszahler. Zudem würde die gesetzliche Rente als solche ein Legitimitätsproblem bekommen: Wieso sollten Arbeitnehmer einen großen Teil ihres Gehalts aufgeben, um am Ende in der Regel weniger wieder herauszubekommen?

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