Unternehmerinitiative in Sachsen: „‚Made by Germans‘ gefährdet den Wohlstand“
Sylvia Pfefferkorn engagiert sich im Verein „Wirtschaft für ein Weltoffenes Sachsen“.
Foto: Lars NeumannVor acht Jahren waren es zuerst neun Unternehmen, nun sind es bereits 140 Vereinsmitglieder. Das Wachstum des Vereins „Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen“ ist höher als der Zuwachs der rechtsextremen AfD bei Wahlen. Beides hat aber miteinander zu tun.
Die Dresdener Unternehmerin Sylvia Pfefferkorn versucht nicht erst seit der jüngsten Landtagswahl, gegen rechtsextreme Parolen und demokratiefeindliche Parteien vorzugehen. Die 58-jährige Inhaberin einer Werbeagentur ist zugleich Geschäftsführerin des Vereins. Hier haben sich Unternehmen und Forschungsinstitute bis hin zu großen Namen wie Bosch, VW, Infineon, Wacker Chemie oder Amazon zusammengeschlossen. Alle brauchen Fachkräfte von außen und leben vom Export nach draußen. Allein der Export nach Europa macht 32 Prozent der Produktion aus.
Damit es gelingt, unterstützt der Verein zum Beispiel interessierte High Potentials aus dem Ausland, erstmal zu Besuch in den Freistaat zu kommen, und geht in Unternehmen, um das Zusammenleben zwischen Beschäftigten unterschiedlicher Herkunft zu fördern. Das Angebot ist breit. Es gibt verschiedenste Trainings, für Neulinge im Freistaat etwa den „New to Dresden Workshop“.
Damit sich möglichst viele an einem friedlichen Zusammenleben beteiligen, können Unternehmen und Institutionen zum Beispiel den Workshop buchen: „Fake News, Verschwörungstheorien und Demokratie“.
Für den Umgang mit Konflikten im Unternehmen mit Menschen vielfältiger Herkunft gibt es maßgeschneiderte Angebote: Dabei werden unterschiedliche Situationen erprobt und Argumente untersucht. Denn, so heißt es auf der Netzseite des Vereins: „Es geht meist nicht nur um „die Sache“, sondern auch um die Klärung von Beziehungen, Macht, Bedürfnissen und (kulturellen) Unterschieden.“ Ziel ist immer wieder, Position zu beziehen und Emotionen zu entschärfen.
Ohne Ausländer geht es nicht
Pfefferkorn spricht von großer Verunsicherung und Frust, die hinter dem hohen Wahlergebnis für die populistische und extreme Partei am 1. September steckten. Gut 30 Prozent stimmten für die AfD, knapp zwölf Prozent für das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). „Viele Menschen haben den Eindruck, dass sie an der Demokratie nur am Wahltag beteiligt sind. Wir müssen erklären, welche vielfältigen Einflussmöglichkeiten es gibt.“ Demokratiebildung gehöre in die Schulen und in die Betriebe.
Ohne Menschen aus dem Ausland gehe es nicht, sind die Wirtschaftsleute sicher. „Sachsen hat mit die älteste Bevölkerung der Bundesländer“, weiß Pfefferkorn. Und: „‚Made in Germany‘ ist ein Erfolgsmodell, ‚Made by Germans‘ gefährdet den Wohlstand. Dann bleiben die Supermarktregale irgendwann leer und soziale Einrichtungen könnten schließen.“
„Die einzige Dynamik auf unserem Arbeitsmarkt kommt von außen“, sagt Pfefferkorn und verweist auf die niedrige Arbeitslosenquote von etwa sechs Prozent. „Deshalb ist eine Willkommenskultur enorm wichtig.“ Es gebe Mittelständler, auch auf dem Land, die erfolgreich Arbeitskräfte aus Südamerika, Vietnam oder Indien anwerben. „Wenn die Kultur im Unternehmen die Neuen einbezieht, bleiben viele. Wenn man kein Konzept hat, reisen die High Potentials, die schon 10.000 Kilometer zurückgelegt haben, nochmal 500 oder 1000 Kilometer weiter.“
Sachsen sei ein erfolgreiches, wunderschönes Land, schwärmt sie. „Wir haben uns den Erfolg über Jahrzehnte erarbeitet und sollten auch damit werben.“ Unangenehme Themen dürften nicht verschwiegen werden. „Anfeindungen im Alltag kann es leider geben.“ Auch wenn die Ergebnisse der Wahl erst einmal etwas anderes verheißen, sind die Vereinsleute optimistisch, langfristig Erfolg zu haben, bei den Sachsen und den Neuen: „Wer einmal hier war und Sachsen erlebt hat, lässt sich schon überzeugen, dass hier ein guter Standort ist.“
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