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Volle fahrt voraus für die Rüstungsindustrie?

Foto: dpa

Verteidigung„Dieser Deal trägt die Handschrift von Boris Pistorius“

Die deutsche Schuldenbremse für die Verteidigung soll fallen – auch für die europäische Rüstungsindustrie könnte eine neue Zeitrechnung beginnen.Max Biederbeck, Laura Thalmeyer 05.03.2025 - 15:53 Uhr

Ein kleiner Vorführraum am Berliner Hauptbahnhof. Das Drohnen-Unternehmen Quantum Systems hat zum Auftakt einer neuen politischen Kampagne geladen. Vor Camouflage-Rucksäcken stehen einige Modelle der Aufklärungsdrohnen Vector und Twister. Auf einem Bildschirm leuchten in dicker Schrift Forderungen an die Bundesregierung: „Schließung der Fähigkeitslücke Drohne“ und „Einsatz moderner Drohnentechnologie für die gesamtstaatliche Sicherheit“.

Für Quantum laufen die Geschäfte. Das Unternehmen baut seine Drohnen für die USA, Deutschland und die Ukraine. Unter dem Namen „Stark“ haben die Gründer gerade sogar ein weiteres Unternehmen gegründet – diesmal für bewaffnete Drohnen. 

Mit aggressiver Attitüde und viel Werbung will sich Quantum als bedeutender Akteur der Rüstungsindustrie etablieren. Als „Champion für die europäische Drohnenproduktion“, wie CEO Florian Seibel sagt. Deutsche Drohnen als Modell für die Zukunft der zersplitterten europäischen Rüstungsindustrie. „Wir könnten unsere Produktion um das Vierfache steigern“, behauptet Seibel. 

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Wenn nur die Aufträge kämen. Und seit Dienstagabend, nur wenige Stunden nach dem Quantum-Event, scheint klar: Die Aufträge werden kommen. 

Mit einem spektakulären Kurswechsel will Friedrich Merz gemeinsam der SPD die Verteidigungsausgaben ab einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts von der Schuldenbremse ausnehmen. Auch das massive 800-Milliarden-Euro-Paket, das EU-Kommissarin Ursula von der Leyen diese Woche präsentiert hat, versetzt die Branche in Euphorie. Nicht nur Quantum zeigt Selbstbewusstsein.

Gespräche der WirtschaftsWoche zeigen: Die deutsche Rüstungsindustrie hat auf diesen Moment regelrecht gewartet. Selbstzweifel bleiben die Ausnahme – große Hersteller planen bereits mit Kapazitätserweiterungen, neuen Standorten und zusätzlichen Fabriken, besonders angesichts des drohenden amerikanischen Rückzugs will man schnell Fakten schaffen.

„Befreiungsschlag“ für die Rüstungs-Branche

Mit diesem „Befreiungsschlag“, sagt Hans Christoph Atzpodien vom Bundesverband der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, könne die Industrie „sofort liefern“. Werde Planungssicherheit ab sofort garantiert, erklärt der CEO des Taufkirchener Rüstungskonzerns Hensoldt, Oliver Dörre, „dann ergibt sich der Rest fast von selbst.“

Was jetzt gebraucht werde? „Rahmenaufträge – dann investieren wir weiter in Anlagen, Lieferketten und Entwicklung“, sagt Dörre. Atzpodien fordert: „Autos zu Rüstung!“ Anstatt den Niedergang der Auto-Konjunktur zu beklagen, „sollten wir versuchen, Produktionseinrichtungen und vor allem Fachkräfte aus dem Automobilsektor möglichst verträglich in den Defence-Bereich zu überführen.“ Klingt fast nach industrieller Wachablösung.

Aber auch wer nicht offen sprechen will, findet deutliche Worte: „Die Kapazitäten-Frage kann jetzt gelöst werden, ebenso wie der Ausbau der Investitionen in Forschung und Entwicklung“, lobt ein führender deutscher Rüstungsmanager. Die Zeiten, in denen Firmen mit hohem Risiko und auf Handschlag in Vorlage treten mussten, seien vorbei. „Das System stabilisiert sich jetzt.“

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Während die Branche kaum energischer klingen könnte, mahnt man im Verteidigungsministerium weiter zur Demut. Noch immer sei Deutschlands und Europas Rüstung auf Friedenszeiten ausgelegt und erwache nur langsam. „Die Rüstungsbranche ist nicht agil genug, um unter dem aktuellen Druck zu liefern, was wir brauchen“, heißt es im Bendlerblock. Bis genügend Fertigungsstraßen stehen, werde es dauern – auch trotz des frischen Geldsegens. Eine „bittere Delle“, sagt ein Beteiligter, „die wir aushalten müssen, damit es besser wird.“ Doch der Anfang sei gemacht.

„Der Minister hat seinem Haus vorgegeben, das Material zu besorgen, während er sich ums Geld kümmert“, sagt ein Ministerialer der WirtschaftsWoche. Und dieses Spiel sei aufgegangen: Allein der Betrieb der wachsenden Bundeswehr werde nun dazu führen, „dass wir bis zum Ende der Legislatur bei 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung liegen“. Auch in der Industrie sieht man einen Urheber des neuen Schubs: „Dieser GroKo-Deal trägt eindeutig die Handschrift von Boris Pistorius.“

„Strömungsabriss verhindert“

Nun soll erst einmal bestellt werden, was die Nato vorgibt. Im Juni wird das Bündnis Deutschland eine Fülle neuer Aufträge als Hausaufgabe mitgeben. Eine Liste mit wohl notwendigen Anschaffungen liegt im Verteidigungsministerium bereits vor, unterliegt aber der Geheimhaltung. Drohnen werden darauf stehen, Luftverteidigung und Artillerie. Die Anforderungen könnten allerdings noch ändern – etwa, wenn die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenwaffen in Deutschland wegen Donald Trumps erratischem Verhalten plötzlich abgesagt würde.

Egal aber, was letztlich bestellt wird: Deutschland und die EU stehen vor Herausforderungen, aus dem Geld auch Produkte zu machen. 

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„Wir haben jetzt erst einmal geschafft, den drohenden Strömungsabriss bei der Rüstung nach dem Ende des Sondervermögens zu verhindern“, sagt Christian Mölling von der Bertelsmann Stiftung. Ob daraus tatsächlich der erhoffte Boom entstehe, sei alles andere als garantiert. „Da steckt viel Risiko drin“, so der Rüstungsexperte. Skandalmöglichkeiten wegen ausufernder Preise, Streits zwischen Haushältern und Ministerium, Verzögerungen, Intransparenz und mangelnde Effektivität. All diese Probleme, die bereits nach dem 100-Milliarden-Sondervermögen offen zu Tage traten, könnten jetzt noch einmal schlimmer werden. „Die Reformen des Sektors dürfen deshalb jetzt nicht stehenbleiben“, sagt Mölling.

Verteidigung als nachhaltig einstufen?

Fragt man Susanne Wiegand, ehemalige Renk-Chefin und frisch ernannte Aufsichtsrätin bei Quantum Systems, hat sie ein ganzes Bündel an Maßnahmen parat, um das zu verwirklichen. „Der Industrie sollte gesetzlich erlaubt sein, in Vorleistung zu produzieren“, sagt sie. Die Zivilklausel an Universitäten und Forschungseinrichtungen müsse fallen, die Verteidigungsindustrie auf europäischer Ebene als nachhaltig eingestuft werden. „Zudem würde die Harmonisierung von Exportregularien auf EU-Ebene Gemeinschaftsprojekte fördern“, so Wiegand. Mehr Anreize für private Kapitalgeber könnten technologische Entwicklungen beschleunigen.

Die frühere Panzer-Unternehmerin ist in ihrem Aufbruchswillen längst im Pitch-Modus von Quantum angekommen. Zumindest im Bereich Drohnen, sagt sie, müsse sich Europa nicht an den USA orientieren. „Es wäre das politisch falsche Signal – und wirtschaftlich dumm.“ Auch andere in der Branche teilen diese Sicht: Kooperation mit den USA? Am liebsten gar nicht mehr.

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