Wirtschaftsstandort: Deutschland braucht diese Wachstumsagenda

Der wissenschaftliche Beraterkreis Wirtschaftspolitik beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) hat am 6. Oktober 2025 sein erstes Gutachten vorgelegt. Darin skizzieren wir eine Wachstumsagenda mit Reformvorschlägen, damit der angekündigte „Herbst der Reformen“ ein Erfolg wird.
Seit 2018 stagniert unsere Volkswirtschaft. Die deutsche Wirtschaft steckt in einer erheblichen Strukturkrise. Zwar können neue Verschuldungsspielräume kurzfristig für eine gewisse konjunkturelle Belebung sorgen, doch eine echte Trendwende ist ohne tiefgreifende Reformen nicht zu erwarten.
Statt grundlegender Strukturreformen setzt die Politik bislang vor allem auf konsumtive Ausgaben und kurzfristige Entlastungen. Zuletzt hat der Koalitionsausschuss eine umfangreiche Ausweitung der Leistungsansprüche in der gesetzlichen Rentenversicherung beschlossen. Bisher werden die zentralen Herausforderungen – vom technologischen Rückstand über die demografische Belastung bis hin zu ineffizienten Strukturen am Arbeits- und Wohnungsmarkt – nicht gelöst, sondern weiter verschärft.
Deutschland fällt daher im Vergleich zu fast allen entwickelten Volkswirtschaften – darunter auch direkte Nachbarn wie Dänemark, die Niederlande oder die Schweiz – seit längerem zurück. Weil dies offenbar noch nicht überall verstanden wird, enthält unser Gutachten einen sehr umfangreichen Diagnoseteil.
Fest steht: Die derzeitigen Pläne der Bundesregierung reichen nicht aus, um das Wachstumspotenzial (aktuell nur rund 0,3 Prozent) deutlich zu erhöhen und Deutschland wieder auf einen nachhaltig höheren Wachstumspfad zu bringen. Langfristig hohes Wachstum entsteht in fortgeschrittenen Volkswirtschaften vor allem durch Innovation und strukturellen Wandel: Kapital und Arbeitskräfte verlagern sich hin zu hochproduktiven, schnell wachsenden Unternehmen.
Eine auf Resilienz ausgerichtete Wirtschaftspolitik muss diese Reallokation von Arbeit und Kapital zulassen. Derzeit gelingt dies nicht in ausreichendem Maße. Erfolgreiche Unternehmen entstehen zurzeit häufiger in anderen Staaten, während hohe Vermögen in Deutschland überwiegend geerbt statt erarbeitet werden. So hatten von den im Juli 2025 weltweit vorhandenen Einhörnern – also Start-ups mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar – nur 2,5 Prozent ihren Sitz in Deutschland. Das ist pro Kopf nicht nur deutlich weniger als in den USA, sondern auch als in Großbritannien, Frankreich oder Israel.
Um dynamisches Wachstum zu erreichen, reicht Bürokratieabbau – also eine bloß effizientere Verwaltung – nicht aus. Es gilt, wachstumshemmende Regulierungen systematisch abzubauen – in Deutschland wie auch auf EU-Ebene. Das betrifft viele Bereiche, insbesondere jedoch solche, wo eine Technologieführerschaft im Bereich moderner Schlüsseltechnologien möglich wäre.
Die Politik sollte hingegen nicht der Versuchung erliegen, etwa die Fusionskontrolle aufzuweichen. Im Gegenteil: Der Wettbewerb ist zu stärken, denn er motiviert Unternehmen, mit neuen Technologien produktiver und profitabler zu werden. Staatliche Förderung sollte sich auf Grundlagenforschung und wissenschaftliche Exzellenz konzentrieren – nicht auf den Erhalt bestehender Strukturen.
Neben wachstumsfördernden Reformen gilt es, den Anstieg der Staatsausgaben strukturell zu begrenzen. Vor allem muss der Anstieg der Sozialausgaben wieder in ein angemessenes Verhältnis zum Wachstum der Wirtschaftsleistung gebracht werden. Dazu sind wirksame Reformen insbesondere der Rentenversicherung, aber auch der übrigen Sozialversicherungen unumgänglich. Denn hohe Abgaben schwächen die Wettbewerbsfähigkeit.
Die neuen Verschuldungsspielräume sollten nur vorübergehend und gezielt für zusätzliche Investitionen genutzt werden. Andernfalls drohen auf kurzfristig stimulierende Impulse langfristige fiskalische Belastungen zu folgen, die das Wachstum bremsen. Die Mittel sollten konsequent in Infrastrukturinvestitionen, die Stärkung ökonomischer Resilienz und die Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit fließen.
Eine ordnungspolitische Agenda für neues Wachstum muss vier Schwerpunkte setzen:
- Innovation und Reallokation müssen ermöglicht werden, indem Strukturwandel zugelassen, Wettbewerb gestärkt und Unternehmertum gesellschaftlich aufgewertet wird.
- Staatliche Verschuldungsspielräume sollten maßvoll und gezielt für zusätzliche Investitionen eingesetzt werden – etwa um Rückstände bei Infrastruktur und Verteidigung aufzuholen und den Technologietransfer als Hebel zu nutzen.
- Es braucht eine systematische Deregulierung, nicht nur effizientere Bürokratie. Wachstumshemmende Vorschriften müssen abgebaut und der Datenschutz innovationsfreundlicher gestaltet werden, damit Unternehmen ihr Potenzial in Schlüsseltechnologien wie KI, Biotechnologie, Nukleartechnik oder Raumfahrt ausschöpfen können.
- Die Sozialsysteme müssen zukunftsfest gemacht werden – unter anderem mit einem an die Lebenserwartung gekoppelten Renteneintrittsalter, einer Dämpfung des Anstiegs der Bestandsrenten sowie der Abschaffung der Rente ab 63.
Ohne einen klaren Kurswechsel wird Deutschland weiter zurückfallen – mit gravierenden Folgen für Wohlstand, Stabilität und die Rolle Europas in einer machtorientierten Welt. Nur wenn eine Wachstumsagenda im „Herbst der Reformen“ konsequent auf die politische Tagesordnung gesetzt wird, lässt sich anhaltend hohes Wachstum erreichen, die internationale Wettbewerbsfähigkeit sichern und das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Handlungsfähigkeit der Wirtschaftspolitik zurückgewinnen.
Deutschland muss wieder zu einem Land werden, in dem Mut zum Risiko belohnt statt durch Vorschriften blockiert wird.