DIHK-Innovationsreport: Deutliche Warnzeichen für den Wirtschaftsstandort Deutschland
Weil staatliche Investitionsimpulse wegzufallen drohen, wird vor einem empfindlichen Konjunkturdämpfer gewarnt.
Foto: imago images, Illustration: Marcel ReyleMan könnte meinen, der Standort Deutschland hätte gerade schon genug zu schleppen. Energiekostenkrise, Inflation, dann die zähe Rezession in diesem Jahr – es reicht eigentlich an Gewichten. Nun aber sieht es so aus, als ginge es einfach so deprimierend weiter. Die jüngste Unsicherheit in Folge des Karlsruher Haushaltsurteils könnte gleich noch den erhofften bescheidenen Aufschwung des kommenden Jahres mitkassieren.
Seit dem Richterspruch – der der Ampel-Koalition mal eben mindestens 60 Milliarden Euro, vielleicht sogar mehr als hundert, gestrichen hat – wird im Umfeld von Robert Habeck jedenfalls vor einem empfindlichen Konjunkturdämpfer gewarnt, weil staatliche Investitionsimpulse wegzufallen drohen. Jüngst stimmte dann sogar der BDI in den Chor mit ein: ein Minus von 0,5 Prozent beim deutschen Bruttoinlandsprodukt sei 2024 leider denkbar, so der Industrieverband in einer Wachstumsprognose.
So wenig Innovationslust wie noch nie
Genug der schlechten Nachrichten? Leider nein. Womöglich ist die deutsche Strukturkrise noch tiefer und verfestigter als befürchtet. Das legen jedenfalls Daten des neuesten Innovationreports nahe, der von der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) erstellt wird und der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt: Die Innovationsbereitschaft der deutschen Wirtschaft ist 2023 auf dem niedrigsten Stand seit der ersten Erhebung im Jahr 2008 gesunken.
Das fehlte gerade noch: Nun stecken also selbst die klugen Köpfe dieses Landes in der Rezession.
Von den mehr als 2200 befragten Unternehmen will nur noch jedes dritte seine Innovationsaktivitäten ausweiten, während es bei der letzten Befragung vor drei Jahren noch fast jedes zweite war. Jedes sechste Unternehmen will sogar seine Innovationsaktivitäten in den kommenden zwölf Monaten verringern.
DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben spricht angesichts dieser Zahlen von einem deutlichen Warnzeichen für den Wirtschaftsstandort. „Deutschland braucht dringender denn je neue Ideen und Produkte“, sagte Wansleben der WirtschaftsWoche, „um wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen.“ Laut DIHK-Umfrage ist der Fachkräftemangel mittlerweile zum Innovationshemmnis Nummer eins geworden. Fast drei Viertel der Unternehmen sehen sich demnach durch ihre begrenzten personellen Kapazitäten ausgebremst.
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An zweiter Stelle stehen die hohen bürokratischen Anforderungen. Mehr als zwei Drittel der Betriebe beklagen, dass die Bürokratie sie in ihren Innovationen einschränkt. Dazu zählen komplexe Zulassungs- und Genehmigungsverfahren ebenso wie kleinteilige Dokumentationspflichten.
„Viele Unternehmen sind vollauf mit ihrem laufenden Kerngeschäft und mit dem Einhalten oder Umsetzen von Vorschriften beschäftigt und haben dann kaum noch Ressourcen für die Entwicklung neuer Produkte oder Dienstleistungen“, mahnt Wansleben.
Und das ist immer noch nicht alles. Denn zur sinkenden Attraktivität der Heimat gibt es ja Alternativen. Als Warnzeichen für den Standort Deutschland gilt dem DIHK deshalb das steigende Interesse der Unternehmen, im Ausland Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten aufzubauen. Wollte bei der letzten Umfrage vor drei Jahren nur ein Viertel der Unternehmen F&E-Kapazitäten im Ausland aufbauen, liegt der Anteil mittlerweile bereits bei einem Drittel.
„Jetzt entscheidet sich, wo Wertschöpfung stattfindet“
In seiner Regierungserklärung vor gut einer Woche versuchte der Kanzler, Zuversicht zu verbreiten. Es wäre ein „schwerer, ein unverzeihlicher Fehler, über die Bewältigung all dieser akuten Herausforderungen die Modernisierung unseres Landes zu vernachlässigen“, sagte Olaf Scholz im Bundestag. Diese Modernisierung sei nötig und richtig. Denn „nur wenn sich Deutschland modernisiert, werden wir in der Lage sein, auch künftig auf unvorhergesehene Krisen kraftvoll zu reagieren“. Und weiter: „Jetzt, schon in den allernächsten Jahren, entscheidet sich, wo künftig Wertschöpfung stattfindet, wo Innovation und Wohlstand zu Hause sind in einer klimaneutralen Welt.“
Damit tatsächlich auch die Bundesrepublik noch einer dieser Orte sein wird, fordert der DIHK-Hauptgeschäftsführer von der Politik nun ein „insgesamt innovationsfreundliches Umfeld, das den Unternehmen Freiräume lässt, neue Exportschlager zu entwickeln“. Dazu gehörten technologieoffene Förderprogramme, die schnell und bürokratiearm die Unternehmen erreichen, niederschwellige Möglichkeiten, mit der Wissenschaft zu kooperieren und Reallabore, um Innovationen zu erproben.
Diese Punkte sollte auch die geplante Deutsche Agentur für Transfer und Innovation (DATI) aufgreifen. Positiv bewertet Wansleben immerhin den vorgeschlagenen Pakt für Beschleunigung und das angekündigte neue Bürokratieentlastungsgesetz. „Das sind Anreize, die wir jetzt nutzen müssen.“ Aber: „Die Unternehmen gewinnen aber erst dann wieder Vertrauen, wenn angekündigte Entlastungen in der betrieblichen Praxis ankommen.“
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