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5 GrafikenTürkische Wirtschaft auf der Kippe: Wohin steuert das Land am Bosporus?

Mehrere weltpolitische Krisen vor und hinter der Haustür, eine ungebrochen hohe Inflation und fehlende Investitionen: Die Türkei steht vor den Kommunalwahlen im März vor großen Herausforderungen. Fünf Grafiken zeigen sie.Sebastian Schug 13.01.2024 - 14:02 Uhr

Türkei, Istanbul: Ein Mann trägt einen Sack auf dem Rücken. Viele türkische Verbraucher sind in den letzten Jahren mit erhöhten Preisen für Lebensmittel und anderen Waren konfrontiert da diese stark gestiegen sind. Die türkische Landeswährung Lira ist in den vergangenen Monaten zum US-Dollar und zum Euro erheblich unter Druck geraten und jeweils auf Rekordtiefstände gefallen.

Foto: dpa

Die erhoffte Erholung in der Türkei lässt auf sich warten. Nach den Wahlen Mitte 2023 hatten viele Beobachter auf eine Kehrtwende in der Wirtschafts-, Finanz- und Geldpolitik spekuliert. Tatsächlich gab es einige Änderungen, doch die Wirkung lässt auf sich warten. So etwa beim Zinssatz, wie Thilo Pahl erklärt, der als geschäftsführendes Vorstandsmitglied für die deutsche Auslandshandelskammer in der Türkei (AHK) tätig ist: „Klar, die Zinsen wurden kräftig angehoben. Aber selbst bei einem Zinssatz von 42,5 Prozent liegt man immer noch unterhalb der Inflation von 65 Prozent.“ Die Realzinsen bei der Geldanlage bleiben also trotz allem negativ. Die wirtschaftlichen Basisdaten deuten demnach nicht darauf hin, dass der Wert der türkischen Währung stabilisiert wurde.

Obwohl steigende Zinssätze die Inflation abmildern sollen, zog diese nach den Wahlen sogar wieder um mehr als die Hälfte an. Von ihrem zwischenzeitlichen Hoch im Oktober 2022 ist sie zwar noch ein Stück entfernt. Damals lag sie bei über 85 Prozent. Der langjährige Zielwert von fünf Prozent bleibt jedoch in weiter Ferne.

Die neue oberste Währungshüterin Hafize Gaye Erkan hatte den Leitzins der türkischen Lira nach den Wahlen im Mai Schritt für Schritt von 8,5 auf zuletzt 42,5 Prozent angehoben. Damit kehrte die Zentralbank ihrem langen Sonderweg den Rücken. Statt wie andere Zentralbanken mit Zinserhöhungen die Inflation einzudämmen, hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan politischen Druck auf die Zentralbank ausgeübt, um die Zinssätze niedrig zu halten. Das sollte den Konsum und damit die Wirtschaft des Landes am Laufen halten.

Die Konsumlaune der Türkinnen und Türken kommt jedoch weiter nicht aus ihrem Tief heraus. Laut der Statistikbehörde Turkstat lag der Konsum-Index im Dezember bei nur 77,4 Zählern und damit deutlich unter der magischen Marke von 100 Zählern, die einen positiven Ausblick markiert. Aus Sicht von Yasar Aydin und Jens Bastian vom Centrum für angewandte Türkeistudien der Stiftung Wissenschaft und Politik (CATS) in Berlin ist das nicht verwunderlich: „Auf der Verbraucherseite können die wiederholten Erhöhungen des Mindestlohns die Preissteigerungen nicht kompensieren. Reallohnverluste sind Alltagserfahrungen, welche für sozialen Unmut sorgen.“ Erst zum Jahreswechsel war der Mindestlohn um 49 Prozent auf 17.002 türkische Lira pro Monat (rund 522 Euro) erhöht worden.

Entscheidend könnten die nächsten Wahlen sein, die im März auf der Kommunalebene anstehen. Aydin und Bastian appellieren an die türkische Regierung, den jetzt eingeschlagenen Weg in jedem Fall beizubehalten. Erkan und Finanzminister Mehmet Simsek hätten in den vergangenen Monaten versucht, Reputationskapital aufzubauen, insbesondere auf internationalem Parkett. Die bisherigen Erfolge seien jedoch nicht unumkehrbar: „Die Rückgewinnung von institutioneller Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit des Handelns der Zentralbank würde nachhaltig beschädigt, wenn Präsident Erdogan abermals versucht, in die Finanzpolitik einzugreifen.“ Auch Pahl spricht sich dafür aus, die aktuelle Politik konsequent weiterzuverfolgen.

Von einer grundsätzlich schlechten Stimmungslage kann in der Türkei aber nicht gesprochen werden, das Stimmungsbarometer für die Industrie liegt stabil im grünen Bereich. Auch insgesamt ist die Wirtschaft gut ausgelastet: Nach dem Corona-Knick im Jahr 2020 bewegte sich der Kennwert im Dezember wieder im langjährigen Mittel zwischen 75 und 80 Prozent. Laut den Experten des CATS ist für die Unternehmen jedoch entscheidend, wo ihre Kunden sitzen. „Exportorientierte Unternehmen haben durch ihre Fremdwährungseinnahmen andere Mittel, um die Inflationsentwicklung abzufedern. Dagegen sind importorientierte Unternehmen von den anhaltenden zweistelligen Inflationswerten besonders hart getroffen.“ Da Exportunternehmen in Auslandswährungen wie Euro und US-Dollar bezahlt werden, trifft sie eine Abwertung der heimischen Währung weniger stark.

Das bestätigte auch die nach dem Politikwechsel durchgeführte Herbstumfrage der AHK unter in der Türkei tätigen deutschen Unternehmen. Dort wurde die aktuelle Lage weitaus positiver eingeschätzt, als dies angesichts der hohen Inflation zu vermuten wäre. Zwei Drittel waren hier positiv eingestellt. Und auch der Blick nach vorn ist laut Pahl durchaus optimistisch: Die Zahl der befragten Unternehmen, die ihre Geschäftserwartung für die nächsten zwölf Monate als gut bewerteten, zog um 14 Prozentpunkte auf 46 Prozent an. 

Für Dienstleister, Einzelhandel und auch die Baubranche im Land ist die deutliche Abwertung der Lira jedoch schmerzhaft. Musste man im Mai für einen Euro nur 21 Lira auf den Tisch legen, waren es zuletzt 32 Lira. Wer Waren aus dem Ausland anbietet oder Grundstoffe einführen muss, dem verhagelte die zurückgefahrene staatliche Stützung der Landeswährung die Bilanz.

Ein weiterer großer Faktor ist laut Pahl das hohe Handels- und Leistungsbilanzdefizit der Türkei. Das Land importiert also deutlich mehr, als es exportiert. Pahl beziffert die Lücke bei der Leistungsbilanz auf etwa 50 Milliarden US-Dollar für das Jahr 2023. Dies setze die Währung weiter unter Druck. Entscheidend für die zukünftige Entwicklung sei demnach auch, die Exporte stärker als die Importe steigen zu lassen. Die Türkei müsse im Inland Industrien aufbauen, um den Import von Vorleistungsgütern zu reduzieren. Auch der Ausbau von erneuerbaren Energien und die Steigerung der Energieeffizienz seien wichtig, um die Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren.

Hier sehen auch die Wissenschaftler in Berlin eine Achillesferse der Türkei, über deren Wohl und Wehe die Regierung nicht allein entscheiden kann. Geopolitische Turbulenzen wie der Ukraine- und Gaza-Krieg sowie die Beeinträchtigung des Seetransportes im Roten Meer könnten demnach auch die türkischen Exporte in Mitleidenschaft ziehe. Aus Sicht der AHK in Istanbul hat die Türkei in den vergangenen Jahren trotz allem immer wieder ein positives Wirtschaftswachstum geschafft: „Die Türkei ist eines der resilientesten Länder weltweit“. Entscheidend sei, ob die Türkei es schaffe, den hohen Kapitalbedarf im Land durch vermehrte ausländische Direktinvestitionen zu decken.

Alle Beobachter sind sich einig, dass die Wahlen im März für die Zukunft der Türkei entscheidend sind. Erdogan will vor allem in Istanbul einen Wahlerfolg einfahren und die Stadt – an deren Spitze er selbst einst stand – wieder von der Opposition zurückerobern. „Sollte ihm dies nicht gelingen, die Wirtschaftsentwicklung stagnieren und die Preisinflation nicht zurückgehen, dann ist eine finanzpolitische Kehrtwende nicht mehr auszuschließen“, sagen Aydin und Bastian. Auch Pahl mahnt: Sollte es zu politischer Instabilität kommen, könnte sich auch das Investitionsklima verschlechtern.

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