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Das große Impfen beginnt Ist das die Rettung für Großbritannien und seinen Premier?

Die Zulassung des Impfstoffs war ein willkommener Schub für Boris Johnson. Denn der kämpft derzeit mit einem wachsenden Aufstand in den eigenen Reihen. Quelle: dpa

Großbritannien will schon in wenigen Tagen gegen Covid-19 impfen. Dafür erteilte das Königreich dem Impfstoff von Pfizer/Biontech eine Eilzulassung. Eile ist auch geboten, denn Premier Johnson steht unter Druck.

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Schon in wenigen Tagen werden in Großbritannien Impfungen mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech beginnen. Die britische Regulierungsbehörde MHRA gab am Mittwochmorgen bekannt, dass sie hierfür eine Eilzulassung erteilt hat. Großbritannien ist somit das erste westliche Land mit einer Zulassung für einen Impfstoff gegen das Coronavirus.

Möglich war dieser Schritt, weil die Regierung in London der MHRA die Befugnis erteilt hat, eine solche Eilzulassung zu erteilen. Ab dem 1. Januar, wenn die Brexit-Übergangsfrist endet, wird die Behörde alleine für die Zulassung von Medikamenten zuständig sein. Damit steigt der Druck auf die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA. Denn die möchte frühestens Ende Dezember über eine EU-weite Zulassung des Impfstoffs entscheiden.

In Großbritannien sollen die Impfungen schon in den kommenden Tagen beginnen. Die britische Regierung hat bereits 40 Millionen Dosen des Impfstoffs erworben, der in frühen Tests eine Wirksamkeit von 95 Prozent erzielt haben soll. Auf die Frage, ob alle Biontech/Pfizer-Impfdosen dann auf die Insel gehen sollen, sagte der für die Distribution zuständige Vorstand Sean Marrett: „Wir wollen so viele Dosen, wie wir können, ausliefern.“ Allerdings sollen nicht alle Dosen, die Biontech/Pfizer produzieren, nach UK gehen.



Die Zulassung folge „Monaten rigoroser klinischer Versuche und gründlicher Analysen der Daten durch die Experten der MHRA“, erklärte ein Sprecher des Gesundheitsministerium in London. Die Behörde sei „zu dem Schluss gekommen, dass der Impfstoff ihre strengen Standards für Sicherheit, Qualität und Effektivität“ erfülle.

Die Zulassung des Impfstoffs war auch bei der wöchentlichen Fragestunde im Parlament am Mittwoch ein Thema. Premier Boris Johnson sprach von einer „fantastischen Neuigkeit“, die es gestatten werde, „unsere Leben zurückzufordern und die Wirtschaft des Landes wie in Gang zu bringen“. Er warnte jedoch vor der übereilten Hoffnungen, dass schon bald ein Großteil der Bevölkerung geimpft werden könne. Labour-Chef Keir Starmer sprach von einem „Licht am Ende des Tunnels“.

Ein Grund für die beschleunigte Zulassung in Großbritannien dürfte die Härte sein, mit der die Coronapandemie zugeschlagen hat. Johnson hat die Gefahr, die von dem Virus ausgeht, zunächst heruntergespielt und sich im März wochenlang geweigert, einen Lockdown zu verhängen. Infolgedessen kamen in Großbritannien mehr Menschen im Zusammenhang mit dem Virus ums Leben als in jedem anderen europäischen Land. Johnson, der zunächst noch in bester Populisten-Manier damit geprahlt hat, dass er Coronapatienten die Hand geschüttelt habe, erkrankte selbst so stark an Covid19, dass er mehrere Tage in der Notaufnahme verbringen musste. Derzeit leidet das Land unter einer schweren zweiten Welle an Infektionen.

Die verpatzte Antwort der Regierung in London auf die Pandemie war auch der Grund dafür, dass das Land im Sommer nur sehr spät seine Einschränkungen wieder teilweise zurücknehmen konnte. Infolgedessen brach die britische Wirtschaft so stark ein wie in keiner vergleichbaren westlichen Industrienation.

Johnson hofft auf mehr Rückhalt

Die Zulassung des Impfstoffs war ein willkommener Schub für Boris Johnson. Denn der kämpft derzeit mit einem wachsenden Aufstand in den eigenen Reihen. Erst am Dienstag erlitt der Premier eine schwere Schlappe im Parlament, als 56 seiner eigenen Abgeordneten gegen verschärfte Corona-Maßnahmen stimmten. Zehn weitere Abgeordnete blieben der Abstimmung unentschuldigt fern. Hätte sich die Opposition bei der Abstimmung nicht enthalten, hätte Johnson das Votum verloren.

Gesundheitsminister Matt Hancock erklärte, dass bereits kommende Woche 800.000 Einheiten des Impfstoffs verfügbar sein würden. Die Impfungen sollten dann umgehend beginnen. Er räumte allerdings ein, dass es „eine Herausforderung“ sein werde, den Impfstoff landesweit verfügbar zu machen, da dieser bei -70 Grad Celsius gelagert werden muss.


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Wie Biontech auf einer Pressekonferenz mitteilte, muss der Impfstoff, wenn er einmal aufgetaut aus den britischen Impfzentren weiter über Land beispielsweise zu Altersheimen transportiert wird, innerhalb von sechs Stunden dort ankommen und verimpft sein. Der Impfstoff solle zunächst in 50 Krankenhäusern verabreicht werden, bis spezielle Impfzentren in Betrieb gehen könnten. Auch einzelne Hausarztpraxen und Apotheken, die über entsprechenden Kühlanlagen verfügen, sollten bei der Verbreitung des Impfstoffs helfen.

Alte Menschen und Bewohner von Altersheimen sowie Pflegekräfte sollten die ersten Dosen des Impfstoffs erhalten, fügte Hancock hinzu. Weitere besonders stark gefährdete Personen und medizinisches Personal stünden ebenfalls weit oben auf der Liste. Das Ziel sei es, so schnell zu impfen, wie der Impfstoff bereitgestellt werden könne, erklärte Hancock. Er hoffe, dass das Land so ab Ostern schrittweise zur Normalität zurückkehren könne. Ab dem kommenden Sommer erwarte er keine Einschränkungen mehr.

Mehr zum Thema: An Dutzenden Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden Impfstoffe gegen das Coronavirus entwickelt. Unsere Grafik zeigt, wer wo im Impfstoff-Rennen dabei ist.

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