Konjunktur Warum die Euro-Zone längst nicht über den Berg ist

Die Konjunktur in der Euro-Zone läuft überraschend gut. Doch Vorsicht ist geboten, denn am europäischen Konjunkturhorizont ziehen bereits wieder dunkle Wolken auf.

Quelle: dpa

Ist die Euro-Krise vorbei? Wer die positiven Konjunkturmeldungen der vergangenen Wochen registriert hat, könnte zu diesem optimistischen Schluss kommen. „Die Milliarden der EZB kommen zunehmend in der Realwirtschaft an, vor uns liegen mehrere Jahre mit einem ordentlichen Wachstum von 1,5 bis zwei Prozent. Das werden viele als Gesundung des Euroraums interpretieren“, heißt es in einer aktuellen Analyse der Commerzbank.

Und es ist ja auch richtig: Die Konjunktur in der Euro-Zone läuft überraschend gut, allein im zweiten Quartal dürfte die gesamtwirtschaftliche Produktion um 0,5 bis 0,7 Prozent zugelegt haben.

Doch Vorsicht. Die expansive Geldpolitik und der trotz jüngster Steigerungen noch immer niedrige Euro-Kurs übertünchen die strukturellen Probleme der Währungsunion. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer spricht denn auch von einer „Scheingesundung“ und konstatiert, die Rettungspolitik der Finanzminister und der Europäischen Zentralbank (EZB) werde „in der langen Sicht den Wachstumspfad drücken“.

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Zudem wird die EZB ihren expansiven Kurs und die Niedrigzinspolitik nicht ewig durchhalten können, spätestens 2018 rechnen Analysten mit einem Zurückfahren der  Anleihekäufe und mit ersten Trippelschritten auf der Zinsleiter nach oben. 

Hinzu kommen politische Risiken. Der französische Staatspräsident Macron muss sein überfälliges und ambitioniertes Reformprogramm erst noch gegen massive gesellschaftliche Widerstände durchsetzen. Griechenland bleibt ein Fass ohne Boden. „Auch Italien hat die Chance nicht genutzt. Das Land hat zig Milliarden an Zinsen gespart, ohne den Spielraum zu nutzen. Kurzum: Die Euro-Krise ist noch nicht vorbei“, sagte das langjährige EZB-Direktoriumsmitglied Otmar Issing der WirtschaftsWoche. 

Dass am europäischen Konjunkturhorizont bereits wieder dunkle Wolken aufziehen, zeigt auch der Frühindikator für die Euro-Zone, den die Ökonomen der Vermögensverwaltung Bantleon für die WirtschaftsWoche berechnen. Anders als die auf Umfragen beruhenden Stimmungsindikatoren greift dieser Indikator auf monetäre Größen wie Zinsdifferenzen, Geldmengen und das Kreditneugeschäft der Banken zurück. Dadurch hat er einen langen Vorlauf von zwölf Monaten vor der Realwirtschaft.

„Unser Indikator zeigt für die Jahresmitte 2017 einen Richtungswechsel der Konjunktur an – das Wachstumstempo sollte erkennbar nachlassen“, sagt Bantleon-Chefökonom Harald Preissler. Der Grund dafür ist, dass sich das Geldmengenwachstum abgeschwächt hat und das Zinstief fast ein Jahr zurückliegt. Erst ab Frühjahr 2018 dürfte die Konjunktur wieder Fuß fassen, so Preissler.

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