Editorial: Die Schicksalsfrage der deutschen Industrie
Container stehen auf einem Terminal im Hafen.
Foto: dpaMit dem Mythos des „Exportweltmeisters“ bin ich aufgewachsen, er klang fast so vertraut wie Loriot oder der „Tatort“. Der „Bild“ war er eine Jubelschlagzeile wert. Als junger Journalist lernte ich in den Nullerjahren – Deutschland war von 2003 bis 2008 ganz offiziell Exportweltmeister –, dass dieser Titel einen zweifelhaften Ruf hatte. So waren wir Deutsche etwas blind für den Konsum, der chronisch schwach war. Das Gleiche galt für Dienstleistungen. Da war Luft nach oben.
Mit der Finanzkrise und Euro-Krise lernten wir schmerzlich, wie verwundbar eine Volkswirtschaft ist, die auf Export setzt und riesige Handelsüberschüsse hat – und dass es nicht ungefährlich ist, wenn man andere Länder fortwährend anschreiben lässt. Die eigentliche Lektion, an der wir immer noch knabbern, kam vor sechs, sieben Jahren: Wir Deutsche profitierten von einer Welt, die zusammenwuchs, die kooperierte, von offenen Grenzen und Freihandelsverträgen.
Diese Welt ist seit sechs, sieben Jahren in Auflösung, sie fragmentiert, zerfällt in Blöcke. Und wir haben, so muss man 2024 feststellen, immer noch kein Rezept dagegen. Sicher, die global aufgestellten Unternehmen haben reagiert, haben Fabriken in USA und Asien hochgezogen, Lieferketten neu sortiert, produzieren „local for local“.
Im Ergebnis aber bleibt ein Exporträtsel: Er springt partout nicht so an wie früher, nach Einbrüchen und Krisen. Es mangelt schlicht an neuen Aufträgen, in allen Sektoren. Dahinter türmt sich eine bange Frage auf, eine Art nationale Buddenbrook-Frage: Kommt da noch was (zurück)? Werden die Maschinenbauer wieder Rekorde vermelden, die „Kraftwagen und Kraftwagenteile“ in den Statistiken kräftig wachsen?
Diese Schicksalsfrage der deutschen Industrie sezieren wir in unserer Titelgeschichte. Denn gerade die deutschen Schlüsselbranchen sind unter Druck, die Produkte nicht mehr wettbewerbsfähig. Oft gibt es neue Konkurrenten in Asien, die technologisch aufgeholt haben. Nicht jede Schwäche sollte man allerdings auf die Geopolitik schieben; Grund sind auch klassische Managementfehler, etwa bei Volkswagen.
Wichtig ist: Es geht nicht um den nächsten Titel (der ist eh futsch und war Folklore.) Und schon gar nicht um schnelle Subventionen. Sondern um gezielte Maßnahmen, die Unternehmen wettbewerbsfähiger machen. Wenn es in Berlin einen „Herbst der Entscheidungen“ gibt, sollte dieses Thema oben stehen. Diese Schwäche kann behoben werden – und die Lage wird sich drehen.
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