Handel: IW: Deutsche Abhängigkeit von China geht „mit enormem Tempo in die falsche Richtung“
Die deutsche Wirtschaft ist einer IW-Studie zufolge viel abhängiger von China als umgekehrt.
Foto: dpaDeutschland hat sich im ersten Halbjahr 2022 wirtschaftlich noch abhängiger von China gemacht als zuvor. „Die deutschen Direktinvestitionsflüsse nach China waren noch nie so hoch“, heißt es in einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag vorlag.
Auch die Importe aus China und das deutsche Defizit im Handel mit der Volksrepublik erreichten demnach Rekordwerte. Dagegen schwächte sich das Wachstum deutscher Exporteure im China-Geschäft stark ab. Der chinesische Markt soll den IW-Ökonomen zufolge offenbar immer mehr durch Produktion vor Ort statt durch Ausfuhren bedient werden. „Weniger Exporte bedeuten aber weniger direkte Arbeitsplätze in Deutschland“, sagte Studienautor Jürgen Matthes zu Reuters.
Die deutsche Wirtschaft sei sehr viel abhängiger von China als umgekehrt, warnt das IW. Angesichts des chinesischen Verhaltens im Ukrainekrieg und der massiven Drohungen Pekings gegenüber Taiwan werde dies zu einem politischen Problem.
Sollte es nach einem Einmarsch der Volksrepublik in Taiwan zu umfangreichen Sanktionen des Westens gegenüber China kommen, drohen aufgrund der hohen Importabhängigkeit nicht nur massive Engpässe bei vielen Zulieferungen aus China. „Bei in China besonders exponierten deutschen Unternehmen könnte das dann absehbar kollabierende China-Geschäfts durch Einbußen auf der Absatzseite möglicherweise sogar in die Pleite führen.“ Die Firmen müssten nun dringend ihr China-Geschäft so aufstellen, dass auch dessen Einbruch nicht das gesamte Unternehmen in Existenznot bringe.
Trotz dieser Gefahren und Probleme hätten sich die wirtschaftlichen Verflechtungen mit China im ersten Halbjahr 2022 „mit einem enormen Tempo in die falsche Richtung entwickelt.“ Nach Daten der Zahlungsbilanz habe die deutsche Wirtschaft allein zwischen Januar und Juni rund zehn Milliarden Euro in China investiert.
Deutsche Firmen setzten auf chinesischen Markt
Seit der Jahrtausendwende betrug der Höchstwert in einem ersten Halbjahr nur 6,2 Milliarden Euro. Trotz geopolitischer Risiken hätten deutsche Firmen eher mehr auf China gesetzt als weniger. „Der chinesische Absatzmarkt und die dort kurzfristig winkenden Gewinne erscheinen schlichtweg zu attraktiv zu sein.“
Zudem werde China als Importeur für Deutschland immer wichtiger. So kletterte der Anteile der Einfuhren aus China an allen Importen im ersten Halbjahr 2022 auf 12,4 Prozent, nach nur 3,4 Prozent im Jahr 2000. Die deutschen Warenimporte aus China stiegen binnen Jahresfrist wertmäßig kräftig um 45,7 Prozent. Dahinter steckt allerdings auch ein deutlicher Preisanstieg von Produkten, vor allem bei chemischen Erzeugnissen.
Da die Importe aus China zulegten, die deutschen Exporte dorthin aber schwächelten, kletterte das Handelsbilanzdefizit bis Mitte 2022 auf fast 41 Milliarden Euro. „Das Ungleichgewicht im Handel mit China nimmt also immer mehr zu“, warnte das IW.
Das arbeitgebernahe Institut fordert deshalb ein Umsteuern der Politik, die bestehende Anreize für ein Engagement in China rasch abbauen sollte. Es müsse auch mehr Diversifizierung geben und den Aufbau von Handels- und Investitionsbeziehungen mit anderen Schwellenländern, vor allem in Asien. Darüber hinaus sollte die Politik Unternehmen mit „starken Risikoexposures in China“ zu einem angemessenen Risikomanagement bewegen. „Wir drohen sonst in ein 'too big too fail' reinzulaufen wie bei den Banken“, betonte Studienautor Matthes.
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