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Konjunktur Im nächsten Jahr kommt der Aufschwung zurück

Weil die Corona-Einschränkungen für weite Teile der gewerblichen Wirtschaft nicht gelten, dürfte die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal 2020 nicht so stark einbrechen wie in der ersten Jahreshälfte. Quelle: dpa

Der erneute Lockdown hat den Aufschwung ausgebremst. Die Wirtschaftsleistung wird zum Jahresende schrumpfen. Der Start ins nächste Jahr aber könnte besser ausfallen. Das zeigt der BIP-Flash-Indikator, den das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle exklusiv für die WirtschaftsWoche berechnet.  

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Die Restaurants in Deutschland sind geschlossen, Kinos und Fitness-Studios ebenfalls. In den Fabrikhallen hingegen laufen die Bänder auf Hochtouren, schrauben Menschen und Roboter Autos und Maschinen zusammen. Deutschlands Wirtschaft ist gespalten wie selten zuvor.

Während viele Dienstleistungsbranchen durch den Teil-Lockdown am Boden liegen, laufen die Geschäfte in der Industrie wie am Schnürchen. Seit dem Tiefpunkt im April hat die Industrie ihre Produktion um mehr als 20 Prozent erhöht. Damit liegt der Output nur noch acht Prozent unter dem Vorkrisenniveau. 

Allerdings steht die Industrie nur für 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Rund 70 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Produktion entfallen auf die Dienstleistungen und den Handel, darunter die vom Teil-Lockdown direkt betroffenen Branchen wie das Gastgewerbe, die Unterhaltung und die Kultur. (Mehr dazu erfahren Sie hier: Lockdown light: Die fatalen Folgen für die Gastronomie) Diese machen zwar nur rund drei Prozent des BIP aus. Doch strahlt der Lockdown von dort auf andere Sektoren der Wirtschaft aus. Sind die Restaurants geschlossen, sinkt auch die Attraktivität der Innenstädte – und die Kunden bleiben aus. Die Talfahrt der Endnachfrage wird auch die Industrie zu spüren bekommen. 

Die erneute Verschärfung der Infektionsschutzmaßnamen bremse „den konjunkturellen Aufholprozess vorübergehend aus“, sagt Oliver Holtemöller, Konjunkturchef und Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Das IWH hat exklusiv für die WirtschaftsWoche den BIP-Flash-Indikator berechnet. Dieser beruht auf einer Vielzahl konjunktureller Einzelindikatoren und gibt Antwort auf die Frage, wie sich das Bruttoinlandsprodukt im laufenden und im folgenden Quartal entwickelt. 

Für das Jahresschlussquartal deutet der IWH-Indikator wegen des Teil-Lockdowns auf einen Rücksetzer beim BIP von 2,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal hin. Die Wirtschaft geht nach der kräftigen Erholung im dritten Quartal also wieder auf Tauchstation. Wie aber geht es im nächsten Jahr weiter? Bricht die Wirtschaftsleistung erneut ein oder stabilisiert sich die Konjunktur? 

Hier die Analyse des IWH: 

Weil weitreichende Eindämmungsmaßnahmen gelockert wurden, war die deutsche Wirtschaft im Sommer 2020 auf Erholungskurs. Dazu hat auch die Wirtschaftspolitik entscheidend beigetragen. Nach dem pandemiebedingten Einbruch um 9,8 Prozent im zweiten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal um 8,2 Prozent. Im Vergleich zum vierten Quartal 2019 – dem letzten Quartal ohne Einfluss der Pandemie – beträgt der Rückgang noch vier Prozent. 

Die Industrie konnte bis September die Produktion seit dem Tiefpunkt im April um mehr als 20 Prozent hochfahren. Besonders kräftig expandierte zuletzt die Konsumgüterbranche – und mit ihr der Einzelhandel. Dabei dürfte die Mehrwertsteuersenkung zum 1. Juli 2020 zusätzlich stimuliert haben, worauf auch die überdurchschnittlich hohen Kfz-Umsätze im Juli und im August hinweisen. Auch die Exporte erholten sich zuletzt deutlich, und es wurde weiterhin kräftig in Bauten investiert. Die Auftragseingänge legten bis September deutlich zu, jedoch gab es bei den Investitionsgüterbestellungen aus dem Euroraum zuletzt einen Dämpfer. 

Allerdings sind die Coronavirus-Neuinfektionen im Herbst wieder stark gestiegen, und für den November wurden insbesondere für den privaten Bereich erneut erhebliche Einschränkungen erlassen. „Mit dem Anstieg der Covid-19-Fallzahlen im Herbst 2020 und der folgenden erneuten Verschärfung der Infektionsschutzmaßnahmen wird der konjunkturelle Aufholprozess vorübergehend ausgebremst“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). 

Weil die Einschränkungen für weite Teile der gewerblichen Wirtschaft allerdings nicht gelten, dürfte die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal 2020 nicht so stark einbrechen wie in der ersten Jahreshälfte. Der IWH-Flash-Indikator für das Bruttoinlandsprodukt deutet auf einen Rückgang um 2,1 Prozent hin, gefolgt von einer Expansion um 5,0 Prozent im ersten Quartal 2021. 



Dabei sind von der neuen Verschärfung der Eindämmungsmaßnahmen im November vor allem die privaten Haushalte betroffen. Auch wenn diese Maßnahmen zunächst nur für einen Monat geplant sind, werden aktuell weitere Verschärfungen in den Wintermonaten diskutiert. Die mit der Pandemie verbundenen Ängste und Sorgen zeigten sich bereits in der GfK-Konsumklimastudie vom Oktober, in der von einer gesunkenen Konjunktur- und Einkommenserwartung sowie einer geringeren Anschaffungsneigung berichtet wird. Ebenso stiegen die konjunkturellen Sorgen bei den befragten Unternehmen der ifo-Geschäftsklima-Umfrage vom Oktober. 

Obwohl die Lage der Unternehmen noch mehrheitlich positiv bewertet wurde, sanken die Erwartungen in allen Bereichen. 

Unsicherheit dürfte wohl insbesondere darin bestehen, inwieweit steigende Infektionszahlen und Lockdown-Regeln die wirtschaftlichen Aktivitäten der Unternehmen künftig einschränken. Hingegen blieben die befragten Unternehmen des IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI) weiterhin optimistisch. Vor allem die außerordentlich hohen Zuwächse bei den Auslandsaufträgen ließen den EMI auf ein neues 31-Monatshoch steigen. 


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Recht kräftig ist die Konjunktur in China, und auch anderswo in Ostasien gewinnt die Konjunktur angesichts geringer Infektionszahlen an Schwung. In den USA hat sich die Erholung gleichfalls bis zuletzt fortgesetzt, obwohl die Pandemie unvermindert anhält. Von Seiten der Nachfrage aus den europäischen Nachbarländern wird die deutsche Konjunktur allerdings gegenwärtig gedämpft, denn dort sind die Infektionszahlen vielfach höher und die Shutdown-Maßnahmen schärfer als hierzulande.

Mehr zum Thema: Der Kampf gegen Corona hat die Wirtschaft gespalten

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