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Neue Wachstumsprognose Das BIP wird schneller und „weicher“

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht das BIP heute zum ersten Mal 15 Tage früher als bisher. Quelle: dpa

Inmitten der Coronapandemie publizieren die Statistiker das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP, erstmals 15 Tage früher als bisher. Doch kaum einer weiß, was sich hinter dem Konjunkturindikator verbirgt. Michael Kuhn, Herr der Wachstumsdaten beim Statistischen Bundesamt, erklärt, wie das BIP gemessen wird – und warum „weiche“ Daten immer wichtiger werden.

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Michael Kuhn ist Diplom Volkswirt und leitet seit Februar 2020 die Gruppe „Inlandsprodukt, Input-Output-Rechnung“ des Statistischen Bundesamtes. Er arbeitet seit 1990 im Statistischen Bundesamt. Zunächst in verschiedenen Bereichen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, danach in der Verdienststatistik, den Umweltökonomischen Gesamtrechnungen und zuletzt in der Preisstatistik.

Herr Kuhn, am Donnerstag veröffentlicht das Statistische Bundesamt die deutschen Wachstumsdaten erstmals bereits 30 Tage nach Ablauf des Quartals – und damit 15 Tage früher als bisher. Kann man Ihren Ergebnissen trotzdem trauen?
Wir haben viele Jahre getestet, wie genau unsere Berechnungen das BIP bereits 30 Tage nach Quartalsende treffen und wie gut unsere Schätzungen sind. Im Vergleich zur Berechnung nach 45 Tagen mussten wir unsere Ergebnisse bei diesen früheren Berechnungen mit höheren Schätzanteilen nachträglich im Schnitt um 0,1 Prozentpunkte nach oben oder unten korrigieren. Natürlich sind die Ergebnisse in Krisenzeiten einer größeren Unsicherheit unterworfen: Während der Finanzkrise lagen die Abweichungen zwischen durchschnittlich 0,3 und 0,4 Prozentpunkte, in einem Quartal auch darüber.

Aus der Ökonomenzunft kam bisweilen Kritik an der langen Berechnungsdauer Ihres Amtes. Preschen Sie auch deshalb inmitten der Coronakrise mit einer früheren Veröffentlichung der Quartalszahlen vor?
Wir empfinden das nicht als Vorpreschen. Für das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) berechnen wir bereits seit 2016 das BIP nach 30 Tagen. Gemeinsam mit den Daten der anderen Mitgliedstaaten der Eurozone kalkuliert Eurostat daraus dann das europäische Ergebnis. Für unsere interne Qualitätssicherung und Eurostat produzieren wir die Quartalszahlen also schon seit Jahren früher. Wir haben sie bisher nur nicht als Ergebnis für Deutschland veröffentlicht.

Warum denn nicht?
Weil wir bislang mit der Belastbarkeit unserer BIP-Schnellschätzung nicht zufrieden waren. Selbst bei einer Veröffentlichung 45 Tage nach Quartalsende fehlen uns für eine allumfassende Berechnung des BIPs noch wichtige Zahlen wie die Umsatzindizes des Kfz-Handels und des Großhandels. Diese sind erst nach 60 Tagen verfügbar. Das heißt, dass wir diesen Teil des BIPs für den dritten Monat im Quartal schätzen müssen. Wenn wir das BIP nun schon nach 30 Tagen veröffentlichen, fehlen uns hier zusätzlich auch Daten für den zweiten Monat. Der Produktionsindex zum Beispiel, der bei einer Veröffentlichung nach 45 Tagen komplett vorliegt, muss für den dritten Monat geschätzt werden. Je früher wir das BIP also publizieren, desto größer ist der Schätzanteil. Damit steigt das Risiko, mit unseren Berechnungen daneben zu liegen. Deswegen haben wir relativ lange getestet, mit welchen alternativen Indikatoren wir die fehlenden Daten nachbilden können. Anfang dieses Jahres waren wir dann mit unserer BIP-Schnellschätzung soweit zufrieden, dass wir heute guten Gewissens robuste Quartalszahlen berichten können…

…mit dem Risiko einer nachträglichen Revision.
Für die Wirtschaftspolitik, die Wirtschaftsforschungsinstitute und Banken ist es wichtig, dass wir in der aktuellen Krise schnell eine Zahl veröffentlichen. Im Moment liegen die Prognosen für das BIP zwischen minus neun und minus 13 Prozent. Bei so einer Spannweite ist es für alle Wirtschaftsakteure und auch die Politik schwer, Entscheidungen zu treffen. So gesehen ist selbst eine Berechnung mit etwas höheren Schätzanteilen und damit einem etwas höheren Risiko für Revisionen eine bessere Orientierung als die unterschiedlichen Prognosen, die bisher im Raum stehen.

Die Statistikämter der meisten großen Euro-Länder scheinen schneller getestet zu haben. Frankreich, Italien und Österreich publizieren das BIP bereits seit vielen Jahren nach 30 Tagen. Warum ist man in Deutschland langsamer?
Natürlich kann man sagen, dass wir lange gebraucht haben. Aber wir brauchten die Zeit, um die optimale Balance zwischen Aktualität und Genauigkeit der veröffentlichten Zahlen zu finden. Uns war es vor allem wichtig, dass unser Modell auch bei konjunkturellen Wendepunkten richtig schätzt. Dass es also einen Wirtschaftseinbruch- oder -aufschwung auch dann erkennt und in die Berechnung einbezieht, wenn dieser erst spät im Quartal stattgefunden hat, wir harte Zahlen also noch nicht vorliegen haben. Die Tatsache, dass wir trotz der Coronakrise bei unserem Plan geblieben sind, das BIP im zweiten Quartal 2020 erstmals früher zu veröffentlichen, zeigt, dass wir sorgfältig gearbeitet haben und unseren Methoden vertrauen.

Hat das Coronavirus Ihre Ambitionen, Ende Juli erstmals früher zu veröffentlichen, zu keiner Zeit gefährdet?
Oh doch, natürlich kamen kurzzeitig Zweifel auf. Zumal wir im Februar und März nicht einmal mehr wussten, ob unsere Basisstatistiken überhaupt noch gute Ergebnisse liefern. Für deren Erstellung sind wir größtenteils auf Daten angewiesen, die uns die Unternehmen melden. Als die Pandemie ausbrach und plötzlich zahlreiche Unternehmen ihren Betrieb einstellen mussten oder gar vor der Insolvenz standen, war es fraglich, inwieweit sie fristgerecht ihre Geschäftszahlen weiterleiten. In einer Krise gibt es für ein Unternehmen schließlich vorerst Wichtigeres, als uns Statistiker mit Daten zu versorgen.

Warum „weiche“ Daten so wichtig sind

Sie haben wegen Corona also weniger Daten zur Verfügung?
Erstaunlicherweise haben die Unternehmen besser berichtet, als wir befürchtet haben. Der Großteil hat auch in den Krisenmonaten geliefert. Vermutlich deswegen, weil auch die Unternehmen selbst die Zahlen gebraucht haben und an verlässlichen Konjunkturdaten interessiert sind. Gerade in wirtschaftlich instabilen Zeiten ist der Bedarf an belastbaren Wirtschaftsdaten hoch. Das von uns veröffentlichte BIP bildet nicht nur eine wichtig Grundlage für die Bundesregierung bei ihren wirtschaftspolitischen Entscheidungen, sondern auch für Investitionspläne der Unternehmen. Die Unternehmen wollen wissen, wie sich die Konjunktur entwickelt und wie sie ihre Geschäftsmodelle eventuell anpassen müssen.

Viele harten Daten können Sie in der neuen BIP-Schnellschätzung nicht mehr verwenden, da die Aufbereitung meist länger als 30 Tage dauert. Wie gleichen Sie den Datenverlust aus?
Es ist richtig, dass wir wichtige Informationen verlieren. Vor allem den letzten Monat des Quartals, im aktuellen Fall also den Juni, müssen wir fast vollständig schätzen. Der Auftragseingang- und der Umsatzindex etwa sind erst 36 Tage nach Monatsende verfügbar, die Produktionsindizes nach 37 Tagen und der Außenhandel nach spätestens 40 Tagen. Die harten Zahlen konnten wir früher mit einberechnen, beim „BIP t+30“ müssen wir diese Statistiken durch vorläufige, interne Auswertungen mit unvollständigem Datenbestand oder durch „weiche“ Indikatoren ersetzen. Das sind vorwiegend experimentelle Daten und Kennzahlen, die außerhalb des Statistischen Bundesamtes beispielsweise von Forschungsinstituten ermittelt werden. Mit diesen Indikatoren versuchen wir die Lücken des dritten Quartalsmonats bestmöglich zu füllen.

Wie funktioniert das?
Dafür benutzen wir ökonometrische Modelle und speisen sie mit vielen Daten aus der Vergangenheit. Vereinfacht gesagt gleichen die Modelle die weichen Indikatoren immer wieder mit amtlich erfassten Zahlen ab und beurteilen so, welche Kennzahlen besonders geeignet sind, um unsere Lücken zu füllen. Indikatoren, die fehlende Daten am besten „nachahmen“, behalten wir, andere verwerfen wir. Manchmal passen wir einzelne Kennzahlen auch nur an, indem wir sie anders gewichten, damit sie in Zukunft die Entwicklung der harten Zahlen noch besser imitieren. Zudem gleichen wir diese ökonometrischen Schätzungen mit den Einschätzungen unserer Experten ab.

Welche weichen Indikatoren nutzt das Schnellschätz-Modell?
Als nicht amtliche Stimmungsindikatoren berücksichtigen wir zum Beispiel den GfK-Konsumklimaindex und den ifo-Geschäftsklimaindex. Darüber hinaus nutzen wir sehr früh verfügbare Indikatoren wie zum Beispiel die beim Kraftfahrt-Bundesamt gemeldeten Pkw-Neuzulassungen, Stromproduktions und -verbrauchsdaten sowie den Lkw-Maut-Fahrleistungsindex, den wir zusammen mit dem Bundesamt für Güterverkehr und der Bundesbank berechnen. Außerdem arbeiten wir daran, bald auch Daten zum Flug-, Eisenbahn- und Schiffsverkehr sowie Zahlen zu EC- oder Kreditkartenumsätze in unsere Schätzung miteinzubeziehen.

Zentrale Monatsdaten wie Auftragseingang, Export oder Produktion liefert das Statistische Bundesamt nach wie vor mit rund sechswöchiger Verzögerung. Sollen auch diese Zahlen in Zukunft schneller veröffentlicht werden?
Was die Aktualität bei diesen Zahlen angeht, befinden wir uns am Ende der Fahnenstange und dürften das optimale Verhältnis zwischen Aktualität und Genauigkeit erreicht haben. Bei diesen Statistiken sind wir ja auf die Zulieferung der Unternehmen angewiesen. Selbst wenn wir das Material sehr schnell auswerten, müssen wir den Betrieben für die Meldung der Geschäftszahlen ausreichend Zeit einräumen, um belastbare Daten zu erhalten. Aber auch diesen Prozess konnten wir beschleunigen, indem wir es den Unternehmen schrittweise leichter gemacht haben, ihre Daten so automatisiert und unkompliziert wie möglich an uns weiterzuleiten.

Wie zum Beispiel?
Wir bieten seit vielen Jahren elektronische Meldeverfahren an, mit denen die Unternehmen ihre Daten Online hochladen können. Weiterhin gibt es Programme, mit denen die Daten direkt aus den Buchhaltungssystemen zusammengestellt und automatisiert an uns übermittelt werden können.

Das Statistische Bundesamt testet bereits Schätzmodelle, mit denen es gelingen soll, das BIP bereits zehn Tage nach Quartalsende zu veröffentlichen. Wann wird es soweit sein?
Einen genauen Termin kann ich nicht nennen. Wir suchen laufend nach passenden Indikatoren, mit denen wir einen noch größeren Schätzanteil meistern können. Hier könnten die vorhin genannten Daten aus EC- oder Kreditkartenumsätze sehr hilfreich sein. Vielversprechend sind auch Scanner-Daten von Supermarktkassen. Die Umsatzdaten ließen sich über die Kassensysteme wöchentlich abgreifen, daraus lassen sich vielleicht schnelle Trends im Einzelhandel ableiten. Damit die BIP-Berechnungen noch schneller werden und dennoch nicht zu viel an Genauigkeit verlieren, brauchen wir jedenfalls auch mehr „weiche“ Indikatoren, bis zum jeweils aktuellsten Monat. Sollten wir nicht ausreichend „weiche“ Kennzahlen finden, kann es sein, dass wir unseren Plan verwerfen müssen. Bevor wir nachträglich stärkere Revisionen riskieren, bleiben wir lieber bei der etwas langsameren Schätzung 30 Tage nach Quartalsende.

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