Handelskonflikt: „Das Ergebnis wird sein, dass die Globalisierung ohne die USA weitergeht“
WirtschaftsWoche: Herr Matthes, weltweit brechen die Aktienmärkte ein. Donald Trumps vermeintlicher „Tag der Befreiung“ hat sich als Anschlag auf den freien Welthandel entpuppt. Wird bald alles wieder gut – oder wird es das nie wieder?
Jürgen Matthes: Wir stehen am Beginn eines weiteren Epochenbruchs, diesmal einem ökonomischen. Das ist jedenfalls meine Befürchtung. Und daraus folgt, dass wir uns wohl oder übel auf bleibende Zölle einstellen müssen. Trumps Durchhalteparolen dämpfen die Hoffnung, im Weißen Haus könnte sich angesichts der Börsencrashs doch noch die wirtschaftliche Vernunft durchsetzen.
Sie haben in einer Analyse berechnet, was ein globaler Zollkonflikt für Deutschland bedeuten könnte. Was kommt dabei heraus?
Wir gehen nach jüngsten Kalkulationen davon aus, dass uns allein die am Liberation Day beschlossenen Zölle Trumps mindestens 200 Milliarden Euro Wohlstand kosten werden – summiert über einen Zeitraum von vier Jahren, der vollen Amtszeit Trumps. Dabei ist mit eingerechnet, dass es kurzfristig zu einem Einbruch der Börsen und einem Rückgang beim Vertrauen der Verbraucher und Unternehmen kommt.
Die Übersetzung: Wir müssen also 2025 fest mit einem dritten Rezessionsjahr planen?
Sagen wir so: Die zarten Konjunkturaufhellungen, die zuletzt in einigen Indikatoren auftauchten und durch das 500-Milliarden-Sondervermögen und die steigenden Verteidigungsausgaben bald noch verstärkt worden wären, könnten schnell wieder runter gedimmt werden. Schneller als uns lieb sein kann.
Wie sollte die EU denn nun auf die Zollbreitseite reagieren? Mit aggressiver Gegenwehr – oder dezidierter Gelassenheit?
Donald Trump versteht offenbar nur eine Sprache der Stärke. Insofern muss die EU mit Gegenzöllen antworten. Mein Rat wäre aber, dies in einer fein kalibrierten Weise zu tun, die Amerika wehtut, aber uns möglichst wenig. Außerdem sollte sie noch Maßnahmen in Reserve behalten, wenn sie nachlegen müsste – mit Steuern oder Regulierung auf Big Tech beispielsweise.
Ist Europa stark genug, um in dieser Lage zu bestehen?
Ökonomisch sicherlich. Wenn es den EU-Binnenmarkt nicht schon gäbe, müsste man ihn jetzt aus der Taufe heben. Die entscheidende Frage ist: Sind wir auch politisch stark genug? Deshalb ist es nun so wichtig, dass die EU und alle Staats- und Regierungschefs mit einer Stimme sprechen, von Handel über Verteidigung bis zur Wettbewerbsfähigkeit. Schon das wird schwierig genug.
Elon Musk hat sich nun am Wochenende gegen Trump gestellt – und von einer transatlantischen Freihandelszone ganz ohne Zölle geträumt. Ist eine Art „Good cop, bad cop“-Spiel?
Es ist jedenfalls ziemlich unrealistisch, dass es so kommt. Die USA waren schon unter früheren Präsidenten sehr zurückhaltend, wenn es um mehr Freihandel ging. Wir müssen verstehen, dass die Zölle für Trump nicht nur ein handels-, sondern auch ein innenpolitisches Instrument sind. Nach dem Motto: Seht her, ich kämpfe für Euch und Eure Industriejobs! Die Globalisierung ist in weiten Teilen der USA ein Schimpfwort und wird mit Deindustrialisierung und Raub gleichgesetzt.
Wir müssen uns also darauf einstellen, dass der Zollkonflikt, wie er seit ein paar Tagen tobt, das neue Normal ist?
Trump und seine Einflüsterer wie Peter Navarro halten nichts von Globalisierung und internationaler Arbeitsteilung, sie glauben nicht an komparative Kostenvorteile. Sie sehen Handel als Nullsummenspiel, Win-Win-Situationen kommen in diesem Denken kaum vor. Punkt. Trump will den Rest der Welt per Zoll auch deshalb zur Kasse bitten, um den US-Staatshaushalt mitzufinanzieren und die Einkommensteuern senken zu können. Wir erleben den Versuch, die Globalisierung nach rohen amerikanischen Nationalinteressen neu zu formen. Das wird Trump aber auf die Füße fallen. Denn das Ergebnis wird sein, dass die Globalisierung ohne die USA weitergeht.