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Über zehn Millionen Kurzarbeiter Horror und Hoffnung auf dem Arbeitsmarkt

Die Bundesagentur für Arbeit muss mit dem Kurzarbeitergeld für 10 Millionen Deutsche einen nie dagewesenen Kraftakt bewältigen. Kann das die Wirtschaft retten? Quelle: dpa

Zehn Millionen Anzeigen für Kurzarbeit sind eine erschreckende Zahl – einerseits. Andererseits: Deutschlands Wirtschaft kann die Coronarezession immer noch halbwegs glimpflich überstehen – unter drei Bedingungen.

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Die schwerste Rezession der Nachkriegszeit. Die Anzeigen für Kurzarbeit mit über zehn Millionen auf noch nie dagewesenem Niveau. Der erste Anstieg der Arbeitslosigkeit jemals in einem April. Und dann auch noch ein heftiger. Was Detlev Scheele, der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), in Nürnberg zu verkünden hatte, dokumentiert einen Schock von historischem Ausmaß.

Eine Arbeitslosenquote, die binnen eines Monats von 5,1 auf 5,8 Prozent springt. Mehr als 300.000 Menschen, die ihren Job allein in den vergangenen vier Wochen verloren haben: All das wäre noch vor wenigen Monaten unvorstellbar gewesen. Selbst die noch vor kurzem 26 Milliarden Euro umfassende Rücklage der BA, explizit für Konjunkturkrisen aufgebaut, schmilzt nun „wie Schnee in der Sahara“. So formuliert es der Arbeitgeberverband BDA.

Man muss der Tatsache ins Auge sehen: Auf einen Abschwung war das System ziemlich gut vorbereitet, selbst noch auf eine Krise wie 2008/2009 – auf einen solchen Einbruch nicht. Kein Zweifel, Corona wird „Narben“ hinterlassen, sagt auch der SPD-Chef Norbert Walter-Borjans im WirtschaftsWoche-Interview.

Und doch: Der deutsche Arbeitsmarkt kann diesen Stillstand überstehen, durchaus auch noch vergleichsweise glimpflich. Wenn nun weder die Politik noch die Betriebe die Nerven verlieren. Und keine Seite untätig bleibt.

Denn die extrem hohe Zahl an Kurzarbeitsanzeigen ist bei näherer Betrachtung Stärke und Schwäche zugleich. Jeder Arbeitnehmer in Kurzarbeit ist schließlich auch ein Arbeitnehmer, der (noch) nicht entlassen wird. In den vergangenen Wochen hat die Bundesregierung und insbesondere Arbeitsminister Hubertus Heil immer wieder darauf hingewiesen, dass der Bund mit weiterem Geld helfen würde, sollte die Kasse der BA leer sein. Dieser Moment wird kommen – dann muss dieses Versprechen eingelöst werden. Mehr und längere Kurzarbeit wird sehr teuer, doch die Arbeitslosigkeit würde noch viel teurer.

Die Pflicht der Politik durchzuhalten, ist also das eine. Das andere Gebot betrifft die Arbeitgeber: Betriebe sollten diese Zeit nutzen für die Fortbildung und Qualifizierung ihrer Mitarbeiter, damit am Ende dieser Krise nicht einfach alles wieder wird wie es war, sondern möglichst besser, produktiver, digitaler.

Zur Wahrheit gehört schließlich auch: Viele Jobs werden zu retten sein. Auch wenn Politiker das nicht aussprechen können oder wollen, muss das für die Volkswirtschaft insgesamt kein Drama sein. Sie lebt von Veränderung und Dynamik. Die Kurzarbeit soll dabei funktionierende Unternehmen und ihre Geschäftsmodell durch die schweren Stunden tragen, aber sie ist eben nicht dazu da, jede Struktur zu konservieren. Koste es, was es wolle.

Das ist die Rückseite des arbeitsmarktpolitischen Wundermittels Kurzarbeit: dass sie die Gefahr in sich trägt, das Bestehende zu zementieren. Deshalb ist die Bundesregierung, dritte Bedingung, nicht nur mit Geld gefragt. Schon bald sollte sie sich die Frage stellen, wie sie jenen, die nun ihre Arbeit verlieren, den Wiedereinstieg erleichtern kann. Gerade Sozialdemokraten werden das nicht gerne hören, aber: der Arbeitsmarkt muss flexibler werden, die Hürden für Neueinstellungen sollten sinken.


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In der Coronakrise setzen über 750.000 Betriebe auf Kurzarbeit, ein Vielfaches im Vergleich zur Finanzkrise. Vor allem in drei Bundesländern gibt es besonders viele Anträge. Das liegt auch an den betroffenen Branchen.

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