Wirtschaft im Weitwinkel
Die überraschend hohe US-Inflation bringt Nervosität in die Märkte. Sind die Inflationssorgen in den USA unbegründet? Quelle: dpa

Inflationssorgen in den USA sind aktuell unbegründet

Die USA erfreuen sich eines robusten Wirtschaftswachstums, niedriger Arbeitslosigkeit und kräftig steigender Häuserpreise. Ein Anziehen der Inflation wäre da absolut normal. Aber diesmal wird es anders kommen.

Nur auf den ersten Blick sieht aktuell alles nach einem deutlichen Anstieg der Inflation in den USA aus. Tatsächlich sind nach dem Arbeitsmarktbericht für Januar und der Bekanntgabe der Januar-Daten für die Inflation Sorgen über eine höhere Inflation aufgekommen. Den veröffentlichten Daten zufolge sind die Verbraucherpreise in den USA im Januar gegenüber dem Vorjahr um 2,1 Prozent gestiegen. Gegenüber dem Vormonat lag die Steigerung sogar bei 0,5 Prozent.

Der Hauptgrund für diesen Anstieg liegt jedoch in der extremen Kälte der vergangenen Wochen an der Ostküste der USA. Etwas anders sieht die Entwicklung bereits aus, wenn man die Preisentwicklung ohne die schwankenden Preise für Energie und Nahrungsmittel betrachtet. Die Veränderungsrate gegenüber dem Vormonat fiel hier mit 0,3 Prozent nur leicht höher aus als in den Vormonaten. Für den ersten Monat eines Kalenderjahres ist dies keine allzu große Überraschung.

Trotz Saisonbereinigung zeigt sich gerade im Januar besonders bei den Dienstleistungspreisen sehr oft eine leicht stärkere Dynamik. Vor allem bei den Gesundheitskosten war dies auch beim jüngsten Berichtsmonat der Fall. Hinzu kam noch ein witterungsbedingter kräftiger Preisanstieg im Segment Bekleidung, nachdem sich hier in den vorausgegangenen Monaten ein stetiger Preisrückgang vollzogen hatte. Dennoch zeigt diese Kernrate gegenüber dem Vorjahresmonat keine Beschleunigung der Inflation. Sie liegt wie im Dezember nur bei 1,8 Prozent über dem Vorjahreswert.

Doch wie geht es weiter? Im Jahresverlauf dürfte die Inflationsrate bei einem insgesamt weiter robusten konjunkturellen Umfeld nur in vergleichsweise moderatem Tempo ansteigen. Im Jahresdurchschnitt rechnen wir mit einer Rate von 2,3 Prozent, die dann nur leicht über dem Vorjahreswert von 2,1 Prozent liegen dürfte. Für den Inflationsausblick hat sich also aufgrund der jüngsten Zahlen kein Änderungsbedarf ergeben. Auch für eine schnellere Straffung der Geldpolitik zeigt sich kein Anlass. Im laufenden Monat hat sich der Aufwärtstrend auf den Rohölmärkten nicht mehr fortgesetzt, die Benzinpreise in den USA waren zuletzt leicht rückläufig.

Besonders wichtig für die weitere Entwicklung der Inflation ist die Entwicklung der Löhne. Die Lohndynamik wird sich trotz der guten Konjunktur im Laufe des Jahres nur leicht beschleunigen. Der Grund dafür liegt in einigen wichtigen Bremsfaktoren, wie der voranschreitenden Automatisierung, der höheren Bewertung von „Solidität und Sicherheit des Arbeitsplatzes“ durch die Arbeitnehmer, den leeren Kassen im öffentlichen Dienst und der abgekoppelten Entwicklung der Teilzeitlöhne. Außerdem gehen die Babyboomer in Rente, eine in der Regel gutverdienende Altersgruppe. Diese werden entweder durch Digitalisierung ersetzt oder oft durch Arbeitskräfte, die geringer entlohnt werden. Diese Entwicklungen führen strukturell zu einem geringen Lohnwachstum.

Dennoch sollte nicht ausgeblendet werde, dass mit dem Dahinschwinden der „stillen Reserve“ bei den Arbeitskräften die Gefahr von kräftigeren Lohnforderungen steigt. Gerade die Abschätzung dieses Puffers birgt eine große Unsicherheit. Dem entgegen steht aber auch die Unkenntnis darüber, wann in den einzelnen Branchen durch einen erneuten Digitalisierungs- und Automatisierungsschub zahlreiche Arbeitsplätze bedroht werden. Dies wiederum wirkt dämpfend bei den Lohnsteigerungen.

Sollten sich die Löhne in den kommenden Monaten überraschend deutlich erhöhen, könnte dies die Inflation in die Höhe treiben und die Notenbank in Zugzwang bringen. Im Januar lag der Lohnzuwachs gegenüber dem Vormonat bei den Stundenlöhnen nach Meldung des Arbeitsministeriums allerdings nur bei 0,3 Prozent und blieb damit weiterhin hinter der Dynamik der Vorkrisenjahre zurück. Auch hier gilt, ähnlich wie bei den Verbraucherpreisen: für einen Januar-Wert durchaus keine außergewöhnliche Entwicklung.

Eine nicht unerhebliche Rolle für die US-Inflation spielt auch die Entwicklung der Kaufpreise und Mieten für Wohnimmobilien. Diese Ausgaben machen immerhin ein Drittel des Warenkorbes eines Durchschnittshaushaltes aus. Bereits seit längerem steigen die Kosten fürs Wohnen überproportional stark und wirken damit inflationstreibend. Sollte es in dieser Ausgabenkategorie zu einem Emporschnellen der Preisdynamik kommen, würde sich dies recht unmittelbar auch in der Inflationsrate niederschlagen. Nicht ohne Grund hat die Fed ein aufmerksames Auge auf den Häusermarkt.

Bei einer unverändert restriktiven Kreditvergabe sollte sich das Tempo am Häusermarkt aber weiter in geordneten Bahnen bewegen. Einer robusten, wegen den steigenden Zinsen allerdings allmählich nachlassenden Häusernachfrage sollte eine leicht gesteigerte Bautätigkeit gegenüberstehen. Der moderate Straffungskurs der Notenbank dürfte Turbulenzen bei den Immobilienpreisen verhindern.

Gänzlich von der Tagesordnung werden die Inflationssorgen wohl nicht wieder verschwinden, da es doch einige Unsicherheiten und Risikofaktoren gibt, die den Druck bei den Verbraucherpreisen in die Höhe treiben könnten. Mit einem abrupt erhöhten Inflationsdruck ist allerdings nur im Falle einer ernsthaften geopolitischen Krise zu rechnen, die einen kräftigen Ölpreisanstieg zur Folge hätte.

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