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Blick hinter die Zahlen #36  –  Deutsche Ernte Deutsche Bauern bleiben auf ihren Rüben und Kartoffeln sitzen

Keine Kantinen, keine Pommes Frites: Warum sich die Bauern dieses Jahr paradoxerweise nicht über eine gute Knollenernte freuen – und auch die Rübenpflanzer ein mieses Jahr haben.

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Wer auf dem Dorf in Niedersachsen lebt, hat mit der Coronapandemie relativ wenig Berührung – die Infektionszahlen sind recht gering; Diskos oder Kinos, die schließen mussten, gibt es weit und breit kaum. Viele Bauern bekommen Covid-19 nun, zum Ausklang der Erntezeit, aber indirekt zu spüren, und zwar auf unschöne Weise. Und das hat mit Knollen zu tun.

45 Prozent der Kartoffeln, die in Deutschland geerntet werden, wachsen in niedersächsischen Äckern heran. Dieses Jahr ist die Ernte, wie neue Statistiken belegen, besonders üppig ausgefallen: Knapp 11,6 Millionen Tonnen Knollen haben die Landwirte dieses Jahr aus dem Boden geholt, rund neun Prozent mehr als im Vorjahr. Eigentlich ein Grund zur Freude.

Aber dem steigenden Angebot steht eine Nachfrage gegenüber, die massiv eingebrochen ist. Schuld daran sind Corona und das Homeoffice. Kantinen, Restaurants, Imbissbuden – sie alle haben in weiten Teilen dicht gemacht, viele sind bis heute nicht geöffnet. Der Außer-Haus-Verzehr, wie Lebensmittelexperten es nennen, ist also massiv eingebrochen.

Ausgewählte Erntemengen in Deutschland

Ob Kantinenchef oder Kneipen-Koch – sie alle setzen in normalen Zeiten stark auf die Kartoffel. Am dramatischsten ist in diesem Jahr der Absatz von Pommes Frites eingebrochen. Zwar kauften Privathaushalte in der ersten Jahreshälfte 15 Prozent mehr Kartoffeln als im Vorjahr, doch das konnte den Einbruch nicht abdämpfen.

Darum sind die Kartoffelpreise in den Keller gefallen: An der Terminbörse Eurex kosteten 100 Kilogramm Kartoffeln für die industrielle Verarbeitung zum Jahresanfang noch mehr als 18 Euro – im Juni dann nur noch zwei Euro. Viele Landwirte bekommen ihre Ernte gar nicht mehr an die Lebensmittelhersteller verkauft. Stattdessen landen die Knollen in Biogas-Anlagen.

Die Kartoffel-Krise kommt unerwartet – und ironischerweise in einem Jahr, in dem die Bauern in Deutschland die Anbauflächen für die Knollen ausgeweitet hatten. Ganz anders die Marktsituation bei Weizen und Mais: Die sind weltweit aktuell stark gefragt – die Weizenpreise etwa sind an vielen Handelsplätzen seit vergangenem Herbst stark gestiegen.

Grund ist unter anderem eine starke Nachfrage aus China. Dort haben schwere Überflutungen Teile der Ernten vernichtet und die Getreideimporte haben stark zugenommen. Zudem sind die Anbauflächen und Ernten von Weizen in vielen Ländern geringer ausgefallen als Marktbeobachter vorausgesehen hatten.

Rückgang der Anbaufläche für Zuckerrüben in Deutschland

Die deutsche Weizenernte dagegen fiel dieses Jahr schlechter aus als im Vorjahr. Ein Grund: Erst hat starke Nässe im vergangenen Herbst die Aussaat in vielen Regionen vereitelt. Dann hat Trockenheit im Frühjahr in vielen Regionen das Wachstum der Pflanzen erschwert. Zunehmend macht sich damit der Klimawandel auch in der hiesigen Landwirtschaft bemerkbar.

Noch deutlicher ist die Anbaufläche bei Zuckerrüben dieses Jahr zurückgegangen: Mehr und mehr Bauern verabschiedeten sich in den vergangenen drei Jahren vom Rübenanbau. Der Grund: Gab es bisher feste Zuckerquoten in der EU, gelten seit Oktober 2017 keine Mengenbegrenzungen mehr. Seitdem sind die Preise für Zucker in der EU massiv gesunken – für viele Bauern lohnt der Anbau nicht mehr.

Anbaufläche von Sonnenblumen

Ein starkes Plus macht der Anbau in Deutschland auf einem ganz anderen Feld: bei Sonnenblumen. Die Fläche der Sonnenblumenfelder ist dieses Jahr gegenüber 2019 um üppige 25 Prozent gestiegen. „Die Nachfrage nach Vogelfutter hat zugenommen“, sagt Klaus Dorsch vom Fachmagazin Topagrar. Zudem zögen Sonnenblumen Stickstoff aus dem Boden, und helfen somit Landwirten, die Nitratbelastung des Grundwassers zu begrenzen.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

Logo des Statistischen Bundesamtes (Destatis)

Mehr zum Thema: Thomas Böck ist Chef des Erntemaschinenherstellers Claas. Im Podcast „Chefgespräch“ spricht er über die Stärken des Standorts Deutschland und die Zukunft der Landwirtschaft.

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