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Blick hinter die Zahlen #37  –  Inlandstourismus Urlaub in der Heimat? Das hat nur in einem Bundesland funktioniert

Heimaturlauber sollten dem deutschen Tourismus nach krassen Einbußen in den ersten Corona-Monaten wieder auf die Beine helfen. Geklappt hat das nicht. Nur ein Bundesland konnte in einem Monat mehr Übernachtungen inländischer Gäste verzeichnen als im Jahr zuvor. Wie das funktionierte.

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Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juni nach ihren Urlaubszielen für das Corona-Jahr gefragt wurde, antwortete sie in einem Interview lapidar: „Deutschland“. Mehr nicht. Warum auch? Die Botschaft war klar. Die Politik geht mit gutem Beispiel voran – denn Urlaub in der Heimat kann auch schön sein. Warum nicht mal an die Nordsee, in die Pfalz oder den Harz, statt hunderte Kilometer in fremde Länder zu jetten? Und sich womöglich einer größeren Infektionsgefahr aussetzen als im Heimatland, wo die Corona-Fallzahlen zu der Zeit auf längere Sicht beherrschbar schienen.

Das hat sich mittlerweile geändert. Angesichts stark steigender Infektionszahlen und Beherbergungsverboten von Gästen aus hiesigen Risikogebieten in einigen Bundesländern steht der Tourismus vor schweren Monaten, die manche Betriebe nicht überleben dürften. Mal wieder. Denn Hotels, Pensionen, Gasthöfe oder auch Campingplätze haben bereits eine dunkle Zeit hinter sich, sind krisengebeutelt. Wie düster das Geschäft bislang lief, offenbaren Zahlen des Statistischen Bundesamtes. In den ersten acht Monaten des Jahres konnten die deutschen Beherbergungsbetriebe gerade mal 187,2 Millionen Übernachtungen inländischer Gäste verbuchen. Etwa ein Drittel weniger als im Vorjahreszeitraum. Mit Januar und Februar sind darunter auch noch weitgehend „coronafreie“ Monate. Der Inlandstourismus konnte die Umsatzeinbußen durch fehlende ausländische Gäste – ein Minus von knapp 60 Prozent – nicht annähernd auffangen. Da halfen auch politische Bekundungen nichts.

Und trotzdem: Bei einem genaueren Blick in die Zahlen zum deutschen Tourismusgewerbe offenbart sich ein Lichtblick im tiefen Südwesten der Republik: Rheinland-Pfalz verzeichnete im Juli als erstes und einziges Bundesland seit der Einstufung der Covid-19-Erkrankungen als Pandemie Anfang März wieder mehr Übernachtungen inländischer Gäste als im Vorjahr. Alle anderen Bundesländer verloren. Im bisherigen Jahresschnitt bleibt der eine gute Monat in Rheinland-Pfalz ein Hoffnungsschimmer. Alle Bundesländer büßten seit Beginn des Jahres bei den Übernachtungen inländischer Gäste ein, mindestens um ein gutes Viertel. Am besten kommen noch Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern weg mit 26,4 und 29,4 Prozent weniger Übernachtungen inländischer Touristen. Der Lage am Meer sei Dank. Bayern musste trotz Bergen und Seen ein Minus von 17,6 Millionen Übernachtungen hinnehmen – der höchste absolute Verlust. Noch schlimmer erwischte es die beiden Stadtstaaten Berlin und Hamburg. Der Hauptstadt brachen knapp 52 Prozent der Übernachtungen von Inlandstouristen weg. In Hamburg fehlte Ende Juli etwa die Hälfte.

Übernachtungen von Gästen mit ständigem Wohnsitz in Deutschland

Die Pandemie werfe den Tourismus auf das Gästeaufkommen von 2005 zurück, sagt Michael Otremba, Geschäftsführer der Hamburg Tourismus GmbH. Übernachtungen von Geschäftsreisenden seien nahezu vollständig ausgeblieben. „Auch die Nachfrage von Freizeitreisenden fehlt uns“, sagt Otremba. Dabei biete das Freizeit- und Kulturangebot schon wieder reichhaltige Angebote samt ausgereiften Hygienekonzepten.

Die ausbleibenden Gäste drücken so manchen Unternehmer in Existenznot. Erkennen lässt sich das an der Anzahl der geöffneten Unterkünfte: Im Juli 2020 zählte das Statistische Bundesamt in Deutschland 48.979 geöffnete Beherbergungsbetriebe. 4,4 Prozent weniger als die Statistiker noch im Vorjahresmonat ausfindig machen konnten. Die Unterkünfte waren in den ersten sieben Monaten des Jahres im Schnitt nur zu 27,3 Prozent ausgelastet. Im Vorjahreszeitraum waren es immerhin 38,4 Prozent. „Trotz der intensiven Bemühungen und staatlicher Hilfen ist die Situation für die allermeisten Betriebe existenzbedrohend“, heißt es aus Hamburg von Michael Otremba.

Anzahl der geöffneten Unterkünfte in Deutschlandsowie deren durchschnittliche Auslastung

Obwohl die guten Zahlen aus Rheinland-Pfalz im Juli also zuerst eine Ausnahme sind und unterm Strich trotzdem ein Minus von 34,1 Prozent bei den Übernachtungen der Inlandstouristen seit Beginn des Jahres steht, so halten sie wichtige Lektionen für die andere Länder parat: Man habe nämlich „unentschlossene Urlauber“ überzeugen können, die nicht über die Grenzen der Republik hinaus reisen wollten, heißt es vom rheinland-pfälzischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau.

Die „Vorzüge“ des Bundeslandes im Südwesten seien: vielfältige Natur, kleine Orte, Burgen und Schlösser sowie der Wein. Und „viel Platz“ – während der Pandemie ein entscheidendes Argument für die Wahl eines Reiseziels. Genau mit diesen Argumenten wirbt Rheinland-Pfalz seit Anfang Juni um Touristen im Rahmen der Kampagne „Deine goldene Zeit in Rheinland-Pfalz“: „Du brauchst jetzt mal dringend ganz viel Platz?“, heißt es auf einem der Werbemotive. „Du brauchst jetzt Wein und Sonne?“, steht auf einem anderen. Im Hintergrund prangt die bekannte Moselschleife. Davor prächtig blühende Weinreben.

Übernachtungen in rheinland-pfälzischen Beherbergungsbetrieben

Doch anders als es etwa der Wein-, Wander- oder Radtourismus vermuten lassen, sprang auf diese Werbung vor allem eine junge Zielgruppe an: Im Vergleich zu vorigen Kampagnen klickten bei den 18 bis 24-jährigen 75 Prozent mehr Urlaubssucher auf die neue Werbeaktion, die online 43 Millionen Mal ausgespielt wurde. Unter den 25 bis 34-jährigen Reisewilligen waren es 65 Prozent mehr als sonst, zeige das Tracking der Werbung.

So erklärt sich das Ministerium auch die gute Entwicklung im Juli. Das Marketing fruchtete – vor allem bei jungen Menschen, die womöglich nicht viel über Rheinland-Pfalz wussten. Immerhin sei der Weintourismus für junge Menschen „stark im Kommen“, heißt es aus dem Ministerium. Und junge Leute würden den Outdoorurlaub mit seinen Radausflügen, Wanderungen oder Kanutouren immer mehr für sich entdecken.



Besonders „boomte“ im Juli die Region Mosel-Saar. Über 788.904 Übernachtungen freuten sich die Unterkünfte in der Region. Ein Plus von etwas mehr als zehn Prozent im Vergleich zum letztjährigen Juli. Ausruhen darf sich das Ausnahme-Bundesland Rheinland-Pfalz auf diesem Erfolg nicht. Zwar waren die Infektionszahlen hier bislang überschaubar. In den letzten sieben Tagen kamen laut Robert-Koch-Institut landesweit 22,3 Corona-Fälle auf 100.000 Einwohner. Dass das so bleibt, ist angesichts der Entwicklungen in anderen Bundesländern keinesfalls ausgemacht. In Hamburg erkennt Michael Otremba aktuell sinkende Gästezahlen. Schon wieder: „Mit dem Ende der Ferien sowie durch die aktuell wieder ansteigenden Infektionszahlen und dem damit verbundenen Beherbergungsverbot sind die Gästezahlen wieder stark rückläufig“, sagt der Geschäftsführer der Hamburg Tourismus GmbH.

Trotzdem: Die Erfolgskampagne für den Urlaub in Rheinland-Pfalz will das Wirtschaftsministerium ausweiten. Auf die Herbst- und Wintersaison. Dann aber ohne Wein-Wanderung in T-Shirt bei prallem Sonnenschein.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

Logo des Statistischen Bundesamtes (Destatis)

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