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Blick hinter die Zahlen #56 – Sparverhalten Die Pandemie-Sparer

Weil Geschäfte und Restaurants geschlossen sind, haben deutsche Haushalte im Coronajahr so viel gespart wie nie zuvor. Auch in Europa sind die Deutschen Sparmeister. Wo gespart wurde, wofür wir mehr ausgegeben haben.

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In Summe sind die Deutschen trotz Pandemie so reich wie noch nie. Laut Schätzungen der DZ Bank ist das Geldvermögen der Bundesbürger auf über sieben Billionen Euro angestiegen. Trotz Rezession, Kurzarbeit und drohenden Insolvenzen. Der schlichte Grund: Viele haben im Coronajahr 2020 deutlich mehr Geld gespart.

Die Sparquote in Deutschland ist laut Zahlen des Statistischen Bundesamts sprunghaft gestiegen, von 10,9 Prozent 2019 auf 16,3 Prozent im vergangenen Jahr. Den bisher höchsten Wert von fast 13 Prozent registrierten die Statistiker 1991, kurz nach der Wiedervereinigung. Über 100 Milliarden Euro haben Privathaushalte laut Berechnungen der DZ Bank zuletzt zusätzlich zurückgelegt. Zum einen, um im Fall von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit ein gewisses Polster zur Verfügung zu haben. Zum anderen aber natürlich auch, weil Restaurants und Geschäfte zu, Flieger am Boden und Grenzen geschlossen waren.

Insgesamt haben private Haushalte im vergangenen Jahr rund 100 Milliarden Euro weniger ausgegeben als vor der Pandemie 2019. Viel gespart haben die Deutschen unter anderem im Bereich Freizeit, Unterhaltung und Kultur.

Konsumausgaben der privaten Haushalte

Hierunter fasst das Statistische Bundesamt auch Ausgaben für Pauschalreisen. Diese sind im Zuge des Lockdowns 2020 gegenüber dem Vorjahr um knapp 68 Prozent eingebrochen. Dramatisch war der Einbruch auch im Bereich Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen, hier sind die Ausgaben der privaten Haushalte in Deutschland um rund ein Drittel zurückgegangen. Darunter fallen laut Statistischem Bundesamt auch die Ausgaben ausländischer Haushalte in Deutschland. Gleichzeitig enthalten die Konsumausgaben inländischer Haushalte auch die Ausgaben deutscher Haushalte im Ausland.

Gespart wurde auch im Bereich Verkehr. Das lag aber nicht daran, dass die deutschen Verbraucher keine Autos mehr gekauft haben. Die Ausgaben für den Kauf von Fahrzeugen sind nur leicht um gut drei Prozent gesunken. Viel gespart haben die Verbraucher dagegen bei den sogenannten Verkehrsdienstleistungen, unter denen die Wiesbadener Statistiker Ausgaben für das Bus- und Bahnfahren eingruppieren. Dafür gaben private Haushalte in Deutschland über 14 Milliarden Euro weniger aus als im Vorjahr.

Wofür private Haushalte das meiste Geld ausgeben

Andererseits hat die Pandemie auch zu einigen Mehrausgaben geführt. Allen voran im Bereich Nahrungsmittel. Wer ständig zu Hause ist, kocht mehr, und muss öfter den heimischen Kühlschrank füllen. Rund 11,6 Milliarden Euro haben die privaten Haushalte in der Bundesrepublik 2020 zusätzlich für Nahrungsmittel und Getränke ausgegeben. Dabei entfällt der Löwenanteil auf Lebensmittel. Für Alkohol gaben die Verbraucher gerade mal 800 Millionen Euro mehr aus, und das, obwohl der vorwiegend zu Hause statt in der Gastronomie getrunken wurde. Dahinter steckt also nicht zwingend ein gestiegener Alkoholkonsum, sondern lediglich eine Verschiebung der Ausgaben vom Restaurant in den Supermarkt oder Weinladen.

Auch das Wohnen ist für viele teurer geworden. Insbesondere die Ausgaben für Strom sind laut Statistischem Bundesamt um mehr als fünf Prozent gestiegen. Gleichzeitig nutzten viele die Zeit im Lockdown, um die eigenen vier Wände ein wenig aufzupolieren. Möbel, Teppiche, Heimtextilien, Werkzeuge für Haus und Garten, für all das gaben deutsche Haushalte im Pandemiejahr mehr Geld aus.

Insgesamt aber überwog der Spar-Effekt. Kein Wunder also, dass das Geldvermögen der Deutschen weiter gestiegen ist. 2019 lag das bei 6,7 Billionen Euro, 2020 dürften es wie gesagt schon mehr als sieben Billionen Euro sein.

Geldvermögen der privaten Haushalte

Nicht nur in Deutschland, auch in der Eurozone ist die Sparquote deutlich gestiegen. Laut einer Analyse des Hamburger Unternehmens Deposit Solutions wurde 2020 48 Prozent mehr gespart als im Vorjahr. Insgesamt 585 Milliarden Euro seien zusätzlich auf den Sparkonten gelandet. Die deutschen Sparer steuern davon laut Deposit Solutions bis zu ein Viertel bei.

Trotzdem liegt das Nettovermögen der deutschen Haushalte im Mittel deutlich unter dem anderer Euro-Länder. Das zeigt eine Auswertung, die die Europäische Zentralbank (EZB) regelmäßig durchführt. Demnach liegt das mittlere Nettovermögen etwa in Italien bei 132.000 Euro, während es in Deutschland 71.000 Euro sind. Am höchsten ist der Wert mit 498.000 Euro in Luxemburg.

Nettovermögen des Durchschnittshaushalts

Als Grund für das vergleichsweise geringe Nettovermögen in Deutschland zieht die EZB den Immobilienbesitz heran. Während viele Italiener im eigenen Haus leben, wohnen viele deutsche Haushalte zur Miete, haben also ein geringeres Immobilienvermögen. Auch Unterschiede bei der Altersvorsorge können das Bild etwas relativieren: So deckt die Vermögensstatistik keine Rentenansprüche ab, wenn diese nicht mit Geldguthaben verbunden sind.

Wird statt des mittleren Vermögens das Durchschnitts-Nettovermögen analysiert, steht Deutschland anders da. Das liegt in der Bundesrepublik bei 232.000 Euro. Zum Vergleich: in Italien sind es rund 214.000 Euro. Spitzenreiter ist erneut Luxemburg mit knapp 898.000 Euro. Die hohe Differenz zwischen mittlerem und Durchschnittsvermögen liegt schlicht daran, dass viele Haushalte über eher geringe Vermögen verfügen und wenige dafür über sehr hohe. Diese hohen Vermögen spiegeln sich im höheren Durchschnittswert wider.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

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Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

Mehr zum Thema: Die in Deutschland ohnehin hohe Sparquote hat im Lockdown Rekordwerte erreicht. Eine schnelle Änderung erwartet die Bundesregierung nicht. Nebeneffekt des Lockdowns: Wegen Corona sparen die Deutschen noch mehr

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