"City Tree": Künstliche Bäume sammeln CO2 ein
Auf dem Platz vor der Dresdner Frauenkirche sorgen acht "City Trees" für saubere Luft. (Foto: Green City Solutions)
Foto: WirtschaftsWocheRund sieben Millionen Menschen weltweit – und damit jeder achte Tote – sind im Jahr 2012 an den Folgen verdreckter Luft gestorben. Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Luftverschmutzung damit das "größte ökologische Gesundheitsrisiko"; sie zu verringern könnte Millionen von Leben retten.
Ein Start-up aus Dresden hat sich vor zweieinhalb Jahren aufgemacht, genau das zu tun. Mit dem "City Tree" haben vier Jungunternehmer ein Begrünungssystem erfunden, das für saubere Luft sorgen soll. Die vier Meter hohe Pflanzenwand bindet genauso viel Kohlendioxid wie 275 Bäume und eignet sich deswegen insbesondere für städtische Gebiete. Eine innovative Idee, die im Dezember 2014 für WiWo Green Anlass war, darüber zu berichten.
Die Erfinder des "City Trees", v.l.n.r.: Peter Sänger, Victor Splittgerber, Liang Wu, Dénes Honus. (Foto: Green City Solutions)
Foto: WirtschaftsWocheIn unserer Serie "Nachgehakt" greifen wir vergangene Beiträge erneut auf und fragen uns, was aus Ideen, Trends und Personen geworden ist. Im Fall von Green City Solutions, dem Erfinder der "City Trees", ist das eine ganze Menge. "Mittlerweile haben wir uns erfolgreich am Markt etabliert", sagt einer der Gründer, Peter Sänger. Neben zwei Bäumen in Oslo hat das Start-up im Juni drei in Paris, acht in Dresden und einen in Hongkong aufgestellt. Zudem hat das Unternehmen ein neues Büro in Berlin eröffnet – "von hier aus wollen wir uns noch internationaler ausrichten", sagt Sänger.
Städtische Entscheidungsprozesse als Problem
Der "City Tree" ist ein freistehendes Begrünungssystem, das Platz für rund 1.600 Pflanzen bietet. Damit bindet es 30 Kilogramm Kohlendioxid pro Jahr. Möglich macht das der Einsatz von Moosen, die dank ihrer großen Oberfläche normalen Bäumen als Feinstaub-Killer deutlich überlegen sind. Der Clou dabei: Ein einzelner "City Tree" benötigt dafür weniger als ein Prozent der Fläche – denn das Grün wächst an den vier Meter hohen Wänden nach oben.
Damit insbesondere die Moose in Städten nicht austrocknen, versorgt eine Internet-der-Dinge-Technologie sie mit Wasser. In jedem "City Tree" befinden sich ein Internetanschluss und Sensoren, die die Umgebung analysieren. Sie rechnen aus, wie viel Wasser die Pflanzen brauchen. Auch das funktioniert grün – denn durch solare Energiegewinnung und der Nutzung von Regenwasser sind die "City Trees" unabhängig von Wasser- und Stromanschlüssen.
Seit Sommer 2016 stehen auch auf dem Pariser Place de la Nation "City Trees" (Foto: Green City Solutions)
Foto: WirtschaftsWocheDas Komplettpaket für saubere Luft hat allerdings seinen Preis: Rund 22.000 Euro verlangt Green City Solutions für ein Wandelement inklusive Service. Für den Einzelnen ist der Baum also eher nichts – und auch die Verbreitung in Städten und Kommunen ist schwieriger als geplant. "Dass unsere Kunden vor allem Städte sind, ist ein Problem", so Sänger, "denn die Entscheidungsprozesse in einer Stadt dauern länger als wir dachten." Mit 75 Großstädten in Deutschland sei das Unternehmen trotzdem im Gespräch, dieses Jahr sollen 25 "City Trees" verkauft werden. Auch Unternehmen, die ein besonderes Augenmerk auf Nachhaltigkeit und CSR legen, seien unter den Kunden.
Neuer "City Tree" in Planung
Mit dem "City Tree" hat das Start-up seit seiner Gründung mehrere Auszeichnungen gewonnen. Unter anderem ist es 2015 innerhalb der "Innovation Grand Challenge", einem Wettbewerb für revolutionäre digitale Ideen, als eines der drei besten Internet-der-Dinge-Unternehmen der Welt ausgezeichnet worden. Für Sänger und seine Mitstreiter jedoch kein Grund, sich auszuruhen: "Es ist uns sehr wichtig, dass sich die Idee weiterentwickelt." Deswegen seien aktuell zwei große Vorhaben in Planung: eine neue Produktvariante und ein groß angelegtes Forschungsprojekt. "Der neue City Tree wird keine Bank mehr haben", sagt Sänger. Weil beides gemeinsam mit einem Kooperationspartner realisiert wird, bleiben weitere Details jedoch vorerst unter Verschluss.
Gleichzeitig steht mit "Aircare" ein weiteres Projekt kurz vor der Veröffentlichung: Die Open Data-Plattform ist in Zusammenarbeit mit der Europäischen Union entstanden und soll die Luftverschmutzung, die durch den Straßenverkehr entsteht, visualisieren. Ende August soll das Tool auf der Homepage des Start-ups veröffentlicht werden. "Dann kann man viel genauer feststellen, wie hoch die Feinstaubbelastung in einer einzelnen Straße ist, nicht nur bezogen auf eine Stadt", sagt Peter Sänger.
In über drei Jahren WiWo Green haben wir einige Themen behandelt - manches Projekt wurde groß, andere Start-ups verschwanden wieder vom Markt. Einen Vorwurf haben wir in dieser Zeit immer wieder gehört: "Warum berichtet ihr darüber? Diese Idee wird sich niemals durchsetzen!" Spinnerei, Fördergelderjagd oder Naivität wurde vielen Erfindern und Unternehmern nachgesagt - wir schauen, ob sich die Projekte dennoch durchgesetzt haben oder was die Visionäre aus ihrem Scheitern gelernt haben.
Haben Sie selbst noch ein Projekt im Hinterkopf, dessen weiterer Verlauf Sie interessiert hat? Oder haben Sie damals schon gewusst, dass ein Erfinder scheitern würde? Schreiben Sie es uns an green@wiwo.de! (Foto: "clockwork" von Kiran Foster via flickr / CC BY 2.0)
2014 wollte das Start-up "City Tree" ein Begrünungssystem aufbauen, dass die Luft reinigen und Kohlendioxid binden sollte. Ideal vor allem für Städte. Mittlerweile stehen die ersten City Trees - und die Dresdener Gründer wollen sich nun international ausrichten. (Foto: Green City Solutions)
Foto: WirtschaftsWoche2012 haben wir über den "Slash Cup" geschrieben - den wiederverwertbaren Becher der deutschen Gründerin Natalie Richter. Eine gute Idee, die sie 2015 trotzdem beerdigte: "Wir mussten lernen: Die mechanische Belastbarkeit des Materials reicht nicht aus, um auf gängigen Papieranlagen mit höchster Qualität verarbeitet zu werden", sagte sie. Ein Jahr später testet Starbucks ähnliche Recycling-Becher, die allerdings ein britischer Tüftler entwickelt hat.
Foto: dpa2013 haben wir über die 15-jährige Ann Makosinski berichtet - sie hatte eine pfiffige akkulose Taschenlampe entwickelt. Heute hält die mittlerweile 18-jährige Kanadierin Vorträge auf Tech-Konferenzen - und tüftelt noch immer. (Foto: Privat)
Foto: WirtschaftsWoche