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Digitale Transformation Die Mär von der Blitzdigitalisierung durch Corona

Viele Industrieunternehmen in Deutschland haben ihre Investitionen in der Coronapandemie deutlich heruntergefahren - auf das Niveau der Finanzkrise ab dem Jahr 2007.  Quelle: dpa

Einige Unternehmen haben in der Pandemie die Digitalisierung beschleunigt. Das gilt aber keinesfalls für die ganze Industrie: Auf breiter Front sind die Investitionen gesunken – der digitale Rückstand wächst.

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Gibt es sie, oder gibt es sie nicht – die Blitzdigitalisierung durch Corona? Seit dem Ausbruch der Viruspandemie streiten Marktforscher und Industriebeobachter darüber, ob die Krise auf die deutschen Unternehmen, neben vielen negativen Auswirkungen durch wegbrechende Umsätze, auch positive Impulse gehabt hat – nämlich als Beschleuniger für die digitale Transformation.

Tatsächlich haben einige Mittelständler wie etwa der schwäbische Werkzeughersteller Schunk oder der Ventilatorproduzent EBM Papst die Coronakrise genutzt, um die lange aufgeschobene Digitalisierung endlich umzusetzen – und dabei teils überraschende und ermutigende Ergebnisse erzielt. Derartige Erfolge lassen sich aber nicht auf die gesamte deutsche Wirtschaft verallgemeinern, meint etwa Eric Schott: „Wir sollten uns die Lage nicht selbst schönreden. Zwar haben viele Unternehmen das Umschalten auf Fernarbeit und Home Office gut hinbekommen“, sagt der Chef des Beratungsunternehmens Campana & Schott aus Frankfurt. „Aber diese Digitalisierung bedeutet in Deutschland vor allem Digitalisierung der Kommunikation – und das ist zu wenig.“

Das Gros der Unternehmen verharre seit dem Frühjahr in einer Art Ad-hoc-Modus: „Das heißt: Sie fahren immer noch nur auf Sicht und machen sich zu wenig Gedanken über die Zeit nach Corona“, sagt Schott.
Aktuelle Erhebungen untermauern Schotts Beobachtung. Laut einer Mitte November veröffentlichten Studie des IT-Branchenverbandes Bitkom hat die verstärkte Beschäftigung mit der Digitalisierung im Zuge der Corona-Pandemie dazu geführt, dass deren Stand im eigenen Unternehmen deutlich kritischer eingeschätzt wird als noch vor wenigen Monaten. 

Neuer Realismus in vielen Unternehmen

So sieht sich heute nur noch rund jeder Vierte als Vorreiter bei der Digitalisierung (27 Prozent). Im April lag der Wert noch bei 36 Prozent, 2019 sogar bei 39 Prozent. Umgekehrt räumen aktuell 71 Prozent der Unternehmen ein, zu den Nachzüglern zu gehören – verglichen mit 60 Prozent im April und 55 Prozent vor einem Jahr. „Viele Unternehmen schätzen ihre eigenen digitalen Fähigkeiten inzwischen realistischer ein“, sagt Axel Oppermann, Marktbeobachter der Analysefirma Avispador aus Kassel. „Denn die Krise hat ihnen vor Augen geführt, welche digitalen Abläufe funktionieren – und welche nicht.“

Ein weiterer Grund für den neuen Realismus in vielen Unternehmen mag dem Blick auf die eigenen Investitionen geschuldet sein: Denn wegen der Coronakrise dürften die Investitionen deutscher Firmen einbrechen wie seit vielen Jahren nicht mehr. 



Laut einer Ende November veröffentlichten Studie der staatlichen Förderbank KfW fährt allein der hiesige Mittelstand seine Investitionen im laufenden Jahr um fast 40 Milliarden Euro zurück. Insgesamt könnten die Investitionen in diesem Jahr auf rund zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts fallen – und damit auf einen ähnlich niedrigen Stand wie zuletzt in der globalen Finanzkrise ab dem Jahr 2007.

Berater Schott schätzt die Lage der Industrie gar noch kritischer ein als in der Finanzkrise: „Damals hielten Unternehmen zwar ebenfalls viele Ausgaben zurück, aber Innovations- und Entwicklungsprojekte liefen weiter. Daher ging es danach auch so schnell wieder nach oben“, so Schott. „Das sehe ich in der Coronakrise viel zu wenig, leider.“

Einen Boom wie nach der Finanzkrise erwartet er in Deutschland daher nach dem Ende der Pandemie nicht. Schließlich zeige ein Blick nach Asien, dass die Unternehmen in Ländern wie China bereits wieder massiv in die Digitalisierung und andere neue Technologien wie etwa künstliche Intelligenz investierten, während hiesige Firmen ihre Investitionen eher reduzierten. Schott: „Deutsche Unternehmen fallen aktuell im globalen Wettbewerb weiter zurück.“

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