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Liberalisierung wird zurückgedreht Das geheime Gemauschel der Telekom mit der Politik

Die Politik dreht die Liberalisierung zurück. Denn weniger Wettbewerb und mehr Macht - insbesondere für die Telekom - sollen die Preise im Web steigen lassen, damit sich Milliardeninvestitionen in Glasfasernetze lohnen.

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Fakten zur Drosselung
Für wen gelten die Obergrenzen?Zunächst einmal geht es nur um Neukunden, die einen Vertrag vom 2. Mai 2013 an abschließen. "Bestehende Verträge sind von den Änderungen nicht betroffen“, versprach die Telekom in ihrer Mitteilung am Montag. Greifen soll die Tempo-Bremse zudem "nicht vor 2016“. Quelle: dpa
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein gewöhnlicher Haushalt die Obergrenze in seinem Tarif überschreitet?Das lässt sich heute mit Blick auf das Jahr 2016 schwer sagen. Der Telekom zufolge kommt ein Kunde heute im Schnitt auf 15 bis 20 Gigabyte im Monat. Das passt zwar mehrfach in die niedrigste angekündigte Daten-Obergrenze von 75 Gigabyte für Anschlüsse mit einer Geschwindigkeit von bis zu 16 MBit pro Sekunde. Allerdings nimmt der Videokonsum aus dem Netz rasant zu. Neue TV-Geräte sind internettauglich, Sender bauen ihre Mediatheken aus, immer mehr Dienste bieten Streaming von Filmen und Serien an. Bis 2016 kann der Datenhunger der deutschen Haushalte also noch stark wachsen. Quelle: AP
Wie weit kommt man denn so mit 75 Gigabyte?Laut Telekom reicht das neben dem Surfen im Netz und dem Bearbeiten von Mails zum Beispiel für zehn Filme in herkömmlicher Auflösung sowie drei HD-Filme, 60 Stunden Internetradio, 400 Fotos und 16 Stunden Online-Gaming. Wenn solche Online-Dienste insbesondere in einem Haushalt mit mehreren Personen fest zum Alltag gehören, häuft sich locker eine höhere Nutzung an. Allerdings: Der hauseigene Telekom-Videodienst Entertain zehrt nicht an dem Daten-Kontingent. Quelle: REUTERS
Und was ist mit den anderen Anbietern?Nach aktuellem Stand würden die Nutzung von Entertain-Konkurrenten wie Apples iTunes-Plattform, Amazons Streaming-Dienst Lovefilm oder des ähnlichen Angebots Watchever sowie von YouTube das Inklusiv-Volumen verbrauchen. Bis 2016 könnten die Anbieter aber noch Partnerschaften mit der Telekom abschließen, die ihnen für gesonderte Bezahlung einen "Managed Service“ garantiert. Dienste solcher Partner tasten das Daten-Kontingent ebenfalls nicht an. Oder die Anbieter könnten sich zum Kampf gegen die Regelung entschließen. Quelle: dpa
Was passiert, wenn man das Inklusiv-Datenvolumen überschritten hat?Entweder man begnügt sich mit der Vor-DSL-Geschwindigkeit von 387 Kilobit pro Sekunde, mit der man vielleicht E-Mails checken und mit viel Geduld auch im Internet surfen kann. Oder man bucht mehr Datenvolumen hinzu. Die Tarife dafür wurden von der Telekom noch nicht genannt. UPDATE: Die neue Grenze liegt bei 2 MG/s (Stand: 12. Juni 2013). Quelle: dpa
Machen andere Internet-Provider bei der Drosselung mit?Vodafone will nicht mitziehen: „Wir haben keine Pläne, die DSL-Geschwindigkeit unserer Kunden zu drosseln.“ Auch Unitymedia Kabel Baden-Württemberg erteilte einer Drosselung eine Absage: Bereits heute könnten Datenübertragungsraten von 150 Megabit pro Sekunde angeboten werden, die mit wenigen technischen Anpassungen auf 400 MBit pro Sekunde erhöht werden könnten. Bei Kabel Deutschland dagegen gibt es bereits Datengrenzen - sie funktionieren aber anders als bei der Telekom. So ist ein Tages-Volumen von 10 Gigabyte vorgesehen, nach dem das Tempo gedrosselt werden kann. Derzeit passiert das aber erst ab 60 GB am Tag. Bei 1&1 gehört das Prinzip fest zum günstigsten Tarif dazu: Bis 100 GB im Monat surft man mit bis zu 16 MBit pro Sekunde, danach nur noch mit der langsamsten DSL-Geschwindigkeit von 1 MBit pro Sekunde. Quelle: dpa

Ernst Ferdinand Wilmsmann gehörte noch bis vor Kurzem zu den unzweifelhaften Spitzenbeamten der Bundesnetzagentur. Seit Jahren obliegt es ihm als Vorsitzendender einer Kammer in der Bonner Behörde, zentrale Beschlüsse für den Telekommunikationsmarkt zu fassen: über Preise oder den Zugang zum Netz. Streng der Neutralität verpflichtet, entschied Wilmsmann mal im Sinne der Deutschen Telekom, mal folgte er den Argumenten der Konkurrenten wie Vodafone oder O2. Ein Verdacht, der Beamte könnte dabei politischen Vorgaben aus Berlin oder Brüssel folgen, ist nie aufgekommen.

Seit dem 24. April ist das jedoch anders. 40 Vertreter der Deutschen Telekom und ihrer Konkurrenten hatten sich im Konferenzraum 0.10 in der Bonner Zentrale der Bundesnetzagentur versammelt, um noch offene Details des neuen Glasfaser-Ausbauprogramms auszuhandeln. Sechs Milliarden Euro will die Deutsche Telekom in den kommenden zwei Jahren in Deutschland investieren, um die DSL-Anschlüsse für Internet und Fernsehen von 24 Millionen Haushalten von maximal 16 oder 50 Megabit auf 100 Megabit pro Sekunde zu beschleunigen. Als marktbeherrschendes Unternehmen, so viel war klar, ist die Telekom verpflichtet, Konkurrenten Zugang zu den Anschlussleitungen zu gewähren. Wie, darüber muss Wilmsmanns Beschlusskammer entscheiden.

Es war 1989 als die Bundespost noch das Sagen hatte

Doch zum konstruktiven Gespräch darüber kam es am 24. April gar nicht. Nach fünf Stunden und zum Teil hitzig geführten Debatten verließen alle bis auf die Vertreter der Deutschen Telekom verärgert den Saal. Wilsmann hatte alle Grundsatzdiskussionen abgewürgt und die Behandlung von Detailfragen vertagt. „Was war das denn?“, fragten sich unisono die Chefs der sonst so zerstrittenen Interessenverbände und kündigten an, ihre Haltung zu dem Milliardenprojekt zu überdenken. „Das Ziel der Telekom ist es, die Kontrolle über ihr Netz zurückzubekommen – und uns würde dann jegliche Planungssicherheit fehlen, wann und welche Dienste wir in Zukunft anbieten können“, schimpft Jürgen Grützner, Geschäftsführer beim Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM).

Dem Telekommunikationsmarkt droht der Rückfall in die alten Monopolzeiten vor 1989, als die Bundespost allein das Sagen hatte, was in ihrem Netz passiert. Das Verhalten der Bundesnetzagentur ist der Vorbote eines Politikwechsels, der derzeit auf höchster Ebene in der Brüsseler EU-Kommission vorbereitet wird. Weniger Wettbewerb und mehr Rücksicht auf Ex-Monopolisten wie die Telekom sollen dafür sorgen, dass die Preise für Internet und Telefonie wieder steigen und sich Milliardeninvestitionen in neue Glasfasernetze für die Konzerne rechnen. Bis 2020, so das Ziel der von der EU-Kommission vorgelegten Digitalen Agenda, soll jeder Haushalt einen breitbandigen Internet-Anschluss mit einer Geschwindigkeit von mindestens 30 Megabit pro Sekunde bekommen. Diesen Kraftakt sollen nach dem Willen von EU- Kommissarin Neelie Kroes Riesen wie die Telekom leisten. Die damit verbundenen Wachstumsimpulse, so Kroes’ Hoffnung, könnten die arg gebeutelte Euro-Zone aus der Krise führen.

Telekomliberalisierung: Die Meilensteine seit der Postreform

Wettbewerb zurückgedreht

Doch die Medaille hat eine zweite, dunkle Seite. Denn zum Dank für ihre Leistung wollen die Regulierungsbehörden für die Konzerne den Wettbewerb zurückdrehen, nicht nur im Netz, sondern sogar bei dem Endgerätemarkt, auf dem bereits in den späten Achtzigerjahren die Vielfalt eingezogen war. Die Gefahr ist so groß, dass 16 Gerätehersteller die Bundesnetzagentur und das Bundeswirtschaftsministerium schriftlich aufforderten, die Kernpunkte der Liberalisierung zu garantieren.

So konnten sich die Kunden bis jetzt darauf verlassen, dass sie jeden WLAN-Router oder jede Alarmanlage an ihren DSL-Anschluss stöpseln durften. Doch inzwischen beginnen erste Netzbetreiber wie die spanische Telefónica und Vodafone, die freie Gerätewahl einzuschränken und ihren Kunden speziell konfigurierte Geräte aufzuzwingen. Die Bundesnetzagentur schreitet nicht ein. „Wettbewerb scheint nicht mehr gefragt zu sein, und das beunruhigt mich“, schimpft Johannes Nill, Chef der Berliner Firma AVM, die den bekannten Router FritzBox herstellt.

Viele kleine Einzelschritte

Stärken und Schwächen der Telekom
Schwäche1: Bereinigte Kennzahlen verzerren das BildWie fast kein anderes Unternehmen ist die Deutsche Telekom dafür bekannt, in ihren Zahlen ständig irgendwelche Sondereinflüsse auszuweisen. Berichtete und bereinigte Kennzahlen weichen regelmäßig meilenweit voneinander ab. Der Konzern hat zwar immer zahlreiche Begründungen für die Bereinigungen parat. Gleichwohl ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese die Berichterstattung komplexer und schwerer verständlich machen. Allein im Geschäftsjahr 2011 liegen berichtetes und bereinigtes Konzernergebnis 2,3 Milliarden Euro auseinander. Aufwendungen, die der Konzern als Sondereffekte deklarierte und somit auch bereinigte, waren unter anderem Ausgaben für den Konzernumbau wie etwa Personalmaßnahmen sowie Firmenwertabschreibungen auf die Tochtergesellschaften T-Mobile in den USA und OTE in Griechenland. Quelle: AP
Als positiven Sondereffekt bereinigte die Telekom die Ausgleichszahlung, die der Konzern vom US-Konkurrenten AT&T für das Platzen des T-Mobile USA-Deals erhielt. Zunächst sind alle diese Bereinigungen verständlich. Experten kritisieren aber, dass manche Sondereffekte seit Jahren auftreten - wie etwa die Aufwendungen für den Stellenabbau. Aus Konzernkreisen heißt es dazu, dass die Sondereffekte, die den Konzernumbau betreffen, in der Zukunft abnehmen werden. Einmaleffekte aus Unternehmenstransaktionen (M&A) will die Telekom aber weiterhin bereinigen, um sich innerhalb der Branche vergleichbar zu machen. Quelle: dapd
Schwäche 2: Schuldenberg drückt auf die BilanzEin Trostpflaster gibt es für die Telekom-Aktionäre. Die US-Tochter T-Mobile ist der Bonner Konzern im vergangenen Jahr zwar nicht losgeworden. Die Ausgleichszahlung für das Platzen des Deals von AT&T in Höhe von umgerechnet 2,3 Milliarden Euro half dem Konzern aber an anderer Stelle: Die Telekom konnte ihre Nettofinanzschulden - also die Differenz aus Bruttofinanzschulden und Zahlungsmitteln - um 2,2 Milliarden Euro oder 5,1 Prozent senken. Gleichwohl bleiben die Nettofinanzschulden mit 40,1 Milliarden Euro weiterhin hoch. Im Verhältnis zum Eigenkapital machen die Nettofinanzschulden 100 Prozent aus. Zudem betragen sie das 2,1-Fache des Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Quelle: dapd
Damit bleibt die Telekom zwar innerhalb ihres eigenen Zielkorridors. Von den Ratingagenturen wird der Konzern aber - unter anderem wegen der hohen Verschuldung - nur mit BBB+ (S&P, Fitch) beziehungsweise Baa1 (Moody's) bewertet. Damit liegt die Telekom nur drei Stufen über Ramschniveau. Ratingagenturen ziehen bei ihrer Bonitätsbeurteilung auch die Pensionsverpflichtungen hinzu. In ihrer Bilanz weist die Telekom 6,1 Milliarden Euro an Rückstellungen für die Altersversorgung ihrer Mitarbeiter aus. Ihre Nettoschulden erhöhen sich aus Sicht der Ratingagenturen entsprechend. Der geplante Verkauf der Tochter T-Mobile USA an den US-Konkurrenten AT&T für 39 Milliarden Dollar hätte die Schulden auf einen Schlag reduziert. Nun, da der Deal geplatzt ist, muss der Bonner Konzern Alternativen finden. Quelle: dpa
Schwäche 3: Das Auslandsgeschäft bleibt mühevollUm das schrumpfende Geschäft im Heimatmarkt zu kompensieren, hat die Telekom in zahlreiche Auslandsmärkte investiert - mit gemischtem Erfolg. In den USA fällt es der Telekom-Tochter T-Mobile zunehmend schwer, mit starken nationalen Konkurrenten wie Verizon und AT&T zu konkurrieren. Der geplante Verkauf der Sparte an AT&T hatte daher Begeisterung bei den Investoren ausgelöst. Seit der Deal wegen kartellrechtlicher Bedenken der US-Behörden scheiterte, warten die Aktionäre auf eine Alternative von Konzernchef René Obermann. In Griechenland ist die Telekom mit 40 Prozent an OTE beteiligt. Neben der Schuldenkrise machen dem Konzern dort vor allem die immer strengere Regulierung und die höheren Steuern zu schaffen. Quelle: dpa
Die Telekom spielt daher auch schon die Konsequenzen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone durch. Es heißt, der Konzern sei dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass die griechische Tochter OTE danach auch ohne Hilfen der deutschen Mutter überlebensfähig sei. OTE muss auch im Falle eines Währungswechsels und einer spürbaren Abwertung der Drachme die finanziellen Verpflichtungen erfüllen können. Denn noch laufen Kredite und Anleihen in Euro, der Kapitaldienst würde sich drastisch verteuern. Weil OTE mit dem Mobilfunk momentan gutes Geld verdient und sich vor allem im ersten Quartal positive Trends zeigten, könne die OTE ihre Finanzierung allein stemmen, so die Hoffnungen der Telekom. Quelle: dpa
Stärke 1: Anleger werden bei Laune gehaltenAls Wachstumswert kann die Telekom ihre Aktie den Investoren nicht verkaufen, dafür aber als Dividendenpapier. Bis einschließlich nächstes Jahr garantiert der Konzern die Ausschüttung sogar. Wie im Vorjahr sollen die Aktionäre für das abgelaufene Geschäftsjahr daher 70 Cent je Aktie erhalten. Das entspricht einer Ausschüttungssumme von drei Milliarden Euro. Bei einem Konzernüberschuss von nur 557 Millionen Euro im Jahr 2011 erscheint der Betrag zunächst riesig. Doch da das Nettoergebnis durch zahlreiche Sondereinflüsse belastet ist, misst die Telekom ihre Ausschüttungsquote lieber am Free Cash-Flow. Das sind die freien Mittel, die nach Abzug der Investitionen in Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte von den Zuflüssen aus dem operativen Geschäft noch übrig bleiben. Diese Relation liegt 2011 mit 43 Prozent unter dem Vorjahreswert von 59 Prozent. Quelle: dpa

Der EU-Kommission schwebt ein anderes Marktmodell vor als bisher. Anstelle eines intensiven Wettbewerbs in einem zersplitterten Markt mit 1200 Festnetz- und 100 Mobilfunkbetreibern sowie 1500 Kabel-TV-Anbietern sollen ehemalige Monopolisten wie Deutsche Telekom, France Télécom und die spanische Telefónica ihre frühere Dominanz zurückerhalten, das Geschehen auf dem europäischen Markt bestimmen und so der Konkurrenz aus den USA und Asien Paroli bieten. „In der europäischen Telekommunikationspolitik bahnt sich ein Paradigmenwechsel an, an dessen Ende eine Hinwendung zum amerikanischen Regulierungsmodell steht“, befürchtet Karl-Heinz Neumann, Direktor des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (Wik) in Bad Honnef und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Bundesnetzagentur. In den USA gebe es in den meisten Regionen nur ein Duopol. Das heißt: Die Wahlmöglichkeit der Kunden ist zwischen einem Telekommunikationskonzern und einem Kabel-TV-Anbieter beschränkt.

Gesamtumsatz

Besonders ärgert Neumann, dass es im Gegensatz zu früher keine öffentliche Diskussion über diese Kehrtwende gibt. „Der Paradigmenwechsel vollzieht sich schleichend in vielen Einzelschritten“, kritisiert Neumann. „Es gibt keine explizite Ankündigung mit fundierter Begründung und nachfolgende Umsetzung in Gesetzgebung und Regulierungsentscheidungen.“

Investitionen

Zwiespältige Bilanz der Liberalisierung

Grund für den Politikwechsel ist eine zwiespältige Bilanz der bisherigen Liberalisierung. Zwar profitieren die Verbraucher von dem dramatischen Preisverfall zum Teil von mehr als 90 Prozent. Doch der intensive Wettbewerb führt auch dazu, dass Umsätze, Investitionen und Beschäftigung zum Teil schon seit sechs Jahren stetig fallen. Verantwortlich dafür sind nach Ansicht der Deutschen Telekom die viel zu harten Eingriffe der Regulierungsbehörden. Konzernchef René Obermann hatte deshalb die EU-Kommission immer wieder aufgefordert, ihre verbraucherfreundliche Linie aufzugeben: „Irgendwann ist die Zitrone ausgequetscht.“ Europas Telekomkonzernen werde systematisch Kapital entzogen, das für die Investition in Glasfasernetze fehle.

Das amerikanische Regulierungsmodell dagegen stärkt die Konzerne und mutet den Verbrauchern deutlich höhere Preise zu. Nur vier landesweite Netzbetreiber, darunter die Marktführer AT&T und Verizon, konkurrieren um die 330 Millionen Kunden und kontrollieren 86 Prozent des Marktes. Wettbewerb gibt es nur zwischen den großen Telefongesellschaften und Kabel-TV-Anbietern. Denn im Gegensatz zu Europa gibt es keinen streng regulierten Zugang für Unternehmen ohne eigene Infrastruktur wie United Internet, die das Netz von Giganten wie AT&T oder Verizon für eigene Angebote nutzen könnten.

Beschäftigung

Höhere Preise in den USA

Weil solche Anbieter in den USA fehlen, sind dort die Preise für superschnelle Internet-Anschlüsse deutlich höher. Während die Telekom für einen DSL-Anschluss mit bis zu 16 Megabit pro Sekunde 34,95 Euro pro Monat verlangt, zahlt der Kunde bei AT&T umgerechnet 43 Euro, bei Verizon 53 Euro. Die neuen VDSL-Glasfaseranschlüsse (bis 50 Megabit pro Sekunde) kosten bei der Telekom 39,95 Euro pro Monat, bei Verizon umgerechnet 61 Euro. AT&T und Verizon konnten ihren Börsenwert deshalb in den vergangenen Jahren kräftig steigern, während die Aktien der großen europäischen Pendants weiter nahe ihren Tiefstkursen dümpeln.

Eine Kopie des US-Modells hätte dramatische Folgen. Große Telekom-Konkurrenten ohne eigenes Ortsnetz in Deutschland wie United Internet, Vodafone oder Telefónica würden aus dem Markt gedrängt oder müssten sich ganz der Telekom unterordnen. Im Extremfall würden sie zu reinen Wiederverkäufern von Produkten degradiert, die schon die Telekom anbietet. Zum stärksten Konkurrenten würden die TV-Kabelnetzriesen Kabel Deutschland und Unitymedia aufsteigen, die bereits 2012 die höchsten Zuwachsraten erzielten und in diesem Jahr noch stärker zulegen wollen.

Untermieter auf der Glasfaser

René Schuster Quelle: REUTERS

Die Unsicherheit belastet das Geschäft. Vodafone und Telefónica stellten die Akquise von Neukunden für DSL-Anschlüsse 2012 weitgehend ein und meldeten den Verlust von mehr als 400.000 Kunden. Wie es mit dem DSL-Geschäft weitergeht, wird bei beiden intensiv diskutiert. Vodafone denkt über eine Übernahme von Kabel Deutschland nach, um sich aus der Abhängigkeit von der Telekom zu befreien. Die hoch verschuldete Telefónica begibt sich ganz in die Obhut der Telekom. Ende vergangener Woche entschied Deutschland-Chef René Schuster, auf weitere Festnetzinvestitionen zu verzichten und komplett als Untermieter auf das neue Glasfasernetz der Telekom umzusatteln. Wie die Telekom unterstützt Telefónica den neuen Regulierungskurs der EU-Kommission und will künftig enger mit den anderen Ex-Monopolisten kooperieren. Als harter Wettbewerber fallen die Spanier damit aus.

Das neue Glasfasernetz könnte auch anderen DSL-Anbietern einen engeren Schulterschluss mit der Telekom aufzwingen. Geschickt setzten die Bonner die Unvollkommenheiten einer neuen Übertragungstechnik ein, um die Kontrolle über ihr gesamtes Netz zurückzuerobern. Der neue Internet-Turbo – im Branchenjargon Vectoring genannt – zündet nur, wenn kein Wettbewerber diese Technik in den Verteilerschränken einsetzt. Die gegenseitigen Störungen wären so groß, dass die erhoffte Beschleunigung auf 100 Megabit pro Sekunde nicht zustande käme.

Schulte-Bockum Quelle: LAIF

Gegen Kabelgesellschaften

Mit der neuen Technik will die Telekom den Siegeszug der TV-Kabelnetzbetreiber stoppen. Denn Vectoring soll vor allem in den Städten zum Einsatz kommen, in denen Kabel Deutschland und Unitymedia längst Übertragungsgeschwindigkeiten von 100 Megabit pro Sekunde anbieten.

Ob die Aufholjagd gelingt, ist allerdings fraglich. Denn ohne allzu hohe Investitionen können die TV-Kabelnetze ihren technologischen Vorsprung ausbauen und schrittweise die Geschwindigkeit auf 200, 300 und 400 Megabit pro Sekunde hochfahren. Die erhofften Preissteigerungen, fürchten Experten, wird die Telekom deshalb kaum durchsetzen können.

Aktien-Info Telekom

Mehr Geld für Leistung

Völlig unklar ist zudem, was in Städten wie Köln und München passiert, wo Tochtergesellschaften von Stadtwerken längst mit dem Ausbau eigener Glasfasernetze begonnen haben und den auch fortsetzen wollen. Die in weiten Teilen Niedersachsens aktive Ewe will Glasfaser in 35 Städten verbuddeln, weiß aber nicht, ob ihr die Telekom nun zuvorkommt. „Die jetzt vorgeschlagenen Regelungen der Bundesnetzagentur reichen noch nicht aus, um Wettbewerbssymmetrie zwischen Wettbewerbern und Telekom beim Einsatz dieser Technologie zu schaffen“, fürchtet Wik-Direktor Neumann. Es entstehe ein Investitionsrisiko, das für die Telekom-Wettbewerber nicht mehr tragbar ist.

Im Gegenzug dürften die Netzbetreiber versuchen, Geschäfte zu machen, indem sie von den Kunden für bestimmte Leistungen einfach mehr verlangen. Dazu zählt der Plan der Telekom, DSL-Zugänge künftig nur noch mit Datenbegrenzung und Tempodrosselung zu verkaufen und für die Nutzung darüber hinaus zusätzlich Geld zu verlangen. Betroffen wären dadurch Dienste wie Internet-Telefonie, umfangreiche Nutzung von Videos aus dem Internet oder die Speicherung großer Datenmengen in der sogenannten Cloud, also bei einem Anbieter im Web.

Wahlfreiheit für den Kunden

Das sind die Highlights der Cebit 2013
Armin Schnürer von g.tec Guger Technologies injiziert mit einer Spritze Elektroden-Gel in eine EEG-Maske. Mittels dieser Maske können Nutzer allein durch Konzentration ein digitales Bild malen. Quelle: dpa
Ein Roboter für die Raumfahrt, das ist die 1,70 Meter große Roboterdame Aila. Entwickelt hat sie das Deutsche Institut für Künstliche Intelligenz. Der Roboter soll Astronauten gefährliche Arbeiten im All abnehmen. Quelle: REUTERS
Auf der Cebit erhielt Angela Merkel ihr neues abhörsichereres Handy, ein Blackberry Z10 und ein Gerät von Samsung. Dabei sollen auf den neuen Regierungshandys erstmals Gespräche und Datenverkehr wie E-Mails auf einem Gerät geschützt werden. Quelle: REUTERS
3-D-Druck ist eines der ganz großen Trend der Zukunft. Etliche Geräte wurden auf der Cebit vorgestellt. Der Trend gilt als Beginn der dritten industriellen Revolution. Quelle: dpa
Vodafone hat einen Führerschein mit integriertem Chip vorgestellt. Hält man diesen vor einen DriveNow-Transponder, können Autos über diese Funktion bedient werden. DriveNow ist eines der großen Car-Sharing-Unternehmen in Deutschland. BMW, MINI und SIXT sind an dem Unternehmen beteiligt. Das Motto der diesjährigen Cebit ist Shareconomy, also der neue Trend Dinge, Wissen und Informationen mit Hilfe von Technik zu teilen. Quelle: dpa
Digitales Shoppen: Eine Mitarbeiterin von Vodafone macht mit ihrem Smartphone einen virtuellen Online-Einkauf. Dabei scannt sie die Produkte in einem Regal ein und bestellt sie per Knopfdruck automatisch zu sich nach Hause. Quelle: dpa
Der technische Fortschritt im Bereich der erneuerbaren Energien schreitet ebenfalls rasant voran. Bei der Cebit wurden unter anderem neue flexible Solarmodule vorgestellt. Quelle: dpa

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Dass das mehr als Planspiele sind, haben Zigtausende deutscher DSL-Kunden schon zu spüren bekommen. Einer von ihnen ist Max Afflerbach. Als der Student aus dem rheinischen Wesseling 2011 mit seinem DSL-Anschluss von 1&1 zur Telefónica-Tochter Alice wechselte, funktionierte der vorhandene Router – eine FritzBox von AVM – nicht mehr wie gewohnt. Insbesondere die Internet-Telefonie klappte nicht. „Die Konfigurationsdaten, mit denen ich die Internet-Telefonie in der FritzBox hätte einrichten können, rückte Alice nicht raus.“

Das sei widerrechtlich, ärgert sich der 23-Jährige. Schließlich sichere das Gesetz über Funkanlagen und Telekommunikationsendeinrichtungen (FTEG) dem Kunden Wahlfreiheit zu, über welche Technik er ins Netz geht. Auch Nutzer von Online-Anschlüssen der Vodafone-Tochter Arcor berichten von einem Routerzwang. Mittlerweile hat eine Vielzahl Internet-Nutzer dagegen Beschwerde eingelegt bei der Bundesnetzagentur – bisher ohne Erfolg. Im Februar teilten die Bonner Beamten mit, dass sie keine Handhabe sähen, die Netzbetreiber zur Herausgabe der Zugangsdaten zu zwingen. Die Formulierungen im Gesetz seien nicht klar genug.

Gewinner und Verlierer im deutschen Festnetzmarkt

Zwang zum Router

Setzt sich der Zwang zu einem bestimmten Router auf breiter Front durch, wäre das womöglich der Anfang vom Ende des liberalisierten Telefonmarkts. Schließlich waren es die Endgeräte, die in den Achtzigerjahren als Erstes der Monopolhoheit der Deutschen Bundespost entzogen wurden.

Entsprechend viel Brisanz birgt der Versuch einzelner DSL-Anbieter, das Gesetz umzudefinieren: Nicht mehr die Telefonbuchse im Wohnzimmer – wie in der Vergangenheit branchenweit gehandhabt – sei der Abschlusspunkt, der noch ins Hoheitsgebiet des Netzbetreibers fällt, sondern der daran angeschlossene Router. Erst dahinter, also an den Steckerbuchsen des Routers, beginne die Anschlusshoheit der Kunden, argumentieren etwa Telefónica oder Vodafone. Auch dagegen, teilte die Netzagentur genervten Kunden bereits mit, gebe es keine rechtliche Handhabe.

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Fast alle Endgerätehersteller betroffen

Betroffen sind von dieser neuen Sichtweise fast alle Endgerätehersteller. „Den Kunden ist nicht mehr möglich, ihr Anschlussrecht für im Handel käufliche Geräte wahrzunehmen“, warnt die neu formierte Interessengemeinschaft, der Hersteller von Routern, Internet-Telefonen, Nebenstellenanlagen, Webcams und Alarmsystemen angehören. „Dabei ist es mehr denn je im Interesse der privaten und professionellen Nutzer, durch fairen Wettbewerb eine große Auswahl von möglichen Geräten zu haben.“

Die Manager der Branche hoffen auf ein Einsehen der Bundesnetzagentur. „Es gibt kein technisches oder ökonomisches Argument für eine Änderung der Regulierung“, sagt Mike Lange, Deutschland-Chef beim taiwanischen Hardwarehersteller D-Link. Der offenkundige Kurswechsel lasse sich „nur auf hervorragende Lobbyarbeit der Netzbetreiber zurückführen“.

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