Chiphersteller Nvidia: Nvidia zwischen China-Risiko und neuen Chancen im Golfraum
Es ist eine Frage, die Nvidia-Chef Jensen Huang seit acht Quartalen von Analysten gestellt wird: Wie lange kann es mit dem Wachstum so weitergehen? Die Antwort klingt immer ähnlich. „Wir stehen immer noch ganz am Anfang“, versicherte Huang am Mittwochnachmittag kalifornischer Zeit. Da hatte er gerade die neuesten Quartalsergebnisse seines Konzerns vorgestellt: Mit 44 Milliarden US-Dollar verbuchte Nvidia einen neuen Umsatzrekord, 69 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Gewinn legte um 26 Prozent auf 18,7 Milliarden Dollar zu. Die Margen fallen allerdings.
Wie seit acht Quartalen in Folge übertraf der Umsatz die Erwartungen der Analysten. Diese sind trotzdem alarmiert. Bislang hatte Nvidia immer mehr als eine Milliarde Dollar mehr vorgelegt als prognostiziert, diesmal war es erstmals unter einer Milliarde Dollar: 728 Millionen Dollar.
Mehr noch: Im laufenden Quartal schlägt Nvidia trotz Boom Gegenwind ins Gesicht. Schon unter dem vorherigen Präsidenten Joe Biden hatten die USA Hürden für den Verkauf moderner Hochleistungschips nach China geschaffen. Donald Trump verschärfte die Exportregeln. Darum entgehen dem Konzern laut Finanzchefin Colette Kress im aktuellen Quartal rund acht Milliarden Dollar an Umsatz. Der Hauptgrund: Nvidia darf seine extra für China entwickelten H20-Chips – eine exportkonforme Alternative zum leistungsstärkeren H100 – seit April nur mit besonderen Lizenzen ins Reich der Mitte liefern. Diese werden jedoch nur selten erteilt, was ihre Ausfuhr quasi verhindert. Dabei entsprechen diese nicht einmal dem neuesten Stand der Technik, sie wurden vor zwei Jahren eingeführt.
Nvidias Wachstumsfelder
Huang gab sich trotzdem optimistisch. Denn das Geschäft mit den sogenannten Hyperscalern, also Cloud-Anbietern wie Amazon, Microsoft und Google, wächst weiter kräftig – und sogar stärker als erwartet, weil KI-Modelle nicht mehr nur plausibel klingende Texte generieren, sondern mehr und mehr ihre Antworten „durchdenken“ und dazu eine Vielzahl von Berechnungen durchführen. Das braucht mehr Rechenleistung – laut Huang „das Hundertfache oder gar Tausendfache“.
Zudem ist der Nvidia-Chef überzeugt, dass Unternehmen wegen der schieren Menge an Daten und Prozessen nicht alles an Hyperscaler auslagern können, sondern zusätzlich eigene KI-Rechenzentren aufbauen und unterhalten müssen. Hinzu kommen Staaten wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate, die sich als KI-Dienstleister der Welt aufstellen und kräftig KI-Beschleuniger bei Nvidia kaufen.
Das ist nun leichter, weil US-Präsident Donald Trump die sogenannten AI-Diffusion-Regeln seines Vorgängers kürzlich aufhob. Diese sollten verhindern, dass KI-Technologie aus dem Westen an Länder geliefert wird, die nicht als Verbündete oder sogar als Gegner gelten. Die Biden-Regierung hatte Vorbehalte gegenüber den Golf-Staaten, Trump hingegen setzt auf ihre Kooperation.
Der Optimismus des Nvidia-Chefs verfing an den Märkten: Im nachbörslichen Handel legte die Nvidia-Aktie um bis zu fünf Prozent zu. Nvidia ist mit einer Marktkapitalisierung von 3,3 Billionen Dollar derzeit das zweitwertvollste Unternehmen der Welt – hinter Microsoft (3,4 Billionen Dollar) und vor Apple (2,99 Billionen Dollar).
Nvidias China-Risiko
Was bleibt, ist die Sorge um das China-Geschäft. Die Exportkontrollen gegen China treffen Nvidia, aber auch AMD mit seinen MI300-Prozessoren.
Mit der Verschärfung der Exportregeln ist der Marktanteil für Grafikprozessoren von Nvidia in China laut Huang seit 2022 von 95 Prozent auf 50 Prozent gefallen. Er hält die Verbote für kontraproduktiv. Nun ist der Silicon-Valley-Multimilliardär alles andere als unparteiisch. Aber seine Argumentation ist nachvollziehbar. „Mehr als die Hälfte der KI-Forscher der Welt sind in China und die Plattform, die dort gewinnt, ist prädestiniert, sich auch weltweit durchzusetzen“, warnt Huang eindringlich. Chinesische Chiphersteller würden so vom Wettbewerb mit US-Konkurrenten abgeschirmt. Denn ihre Regierung setzt stärker als früher auf heimische Hochtechnologie-Produktion unter dem Banner ihres „Made in China 2025“-Plans, um sich von ausländischer Abhängigkeit zu lösen.
Die Staatsführung weist chinesische Unternehmer an, heimische Technologie bevorzugt zu nutzen. Tatsächlich hat es Huawei in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Chiphersteller SMIC geschafft, nicht nur hochwertige Prozessoren für Smartphones auf den Markt zu bringen, sondern auch Ascend-KI-Beschleuniger.
Wenn chinesische KI‑Anbieter trotzdem Nvidia‑Beschleuniger brauchen, dann besorgen sie sich diese über Drittländer, vor allem über Singapur und den Mittleren Osten. Branchenkenner befürchten, dass das Aufheben der Beschränkungen für Golfstaaten, die regen Handel mit China treiben, die Graumarkt-Exporte von Nvidia und AMD bei KI-Beschleunigern ankurbeln werden. Laut Gerüchten arbeitet Nvidia derzeit an abgespeckten und günstigeren Versionen auf Basis seiner aktuellen Blackwell-Generation. Huang sagte am Mittwoch, dass es keine konkreten Pläne gäbe, man aber „nachdenke“. Aus seinem Umfeld ist bekannt, dass er skeptisch ist, ob solche gedrosselten Beschleuniger Chancen auf dem chinesischen Markt haben oder sogar bewusst boykottiert werden. Oder sie, wie nun der H20, von der US-Regierung trotzdem blockiert werden.
„Die Herausforderung ist, die Limitationen besser zu verstehen und dann Produkte zu entwickeln, mit denen wir weiterhin den chinesischen Markt bedienen können“, sagte Huang. Und er schob schnell nach, dass er US-Präsident Trump vertraue, mit den Exportkontrollen einen Plan zu verfolgen.