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Die Zahlenfrau
Futuristischer Zug Quelle: Imago

Mitarbeiter-Mangel: Verpasst Deutschland den Zug Richtung Zukunft?

Wir brauchen mehr Fachkräfte – idealerweise mit digitalen Kompetenzen. Fünf Forderungen, damit Deutschland eine Top-Wirtschaftskraft bleibt.

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Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass gute Softwareentwickler schwerer zu finden sind als eine Nadel im Heuhaufen. Oft kann man als Start-up noch punkten, da die Aufgaben und neuen Technologien Entwicklerinnen einen größeren Anreiz bieten als das Umfeld eines tradierten Unternehmens mit technischen Schulden.

Laut dem kürzlich erschienenen Deutschem Start-up Monitor 2021 suchen Start-ups im Schnitt acht neue Mitarbeiter und finden kein Personal: 27 Prozent der Start-up-Gründer bezeichnen die Personalfindung als größte Hürde, was laut Studie 10 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr sind.

Wenn man jetzt in die Breite schaut, wird das Bild noch bedrohlicher.

Im April sahen sich laut KfW-ifo-Fachkräftebarometer 23,7 Prozent aller Firmen hierzulande durch Fachkräftemangel beeinträchtigt. Dieser betrifft dabei alle Wirtschaftsbereiche, am stärksten betroffen sei laut KfW die Baubranchen, aber auch Handel oder Dienstleistungen sind beeinträchtigt, wenn es darum geht, das richtige Personal zu finden.

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    Wir wünschen uns doch alle, dass Deutschland wirtschaftlich Weltspitze bleibt. Dafür ist es wichtig die richtigen Mitarbeiterinnen zu finden. Das betrifft alle: Großkonzerne, Mittelstand und Start-ups.

    Für mich als Gründerin ist dies besorgniserregend, denn vor allem aus der Start-up-Szene heraus entstehen innovative Produkte, die unser Land zukunftsfit machen sollen. Was aber, wenn wir keine Leute finden, die diese Innovationen aus der Theorie in die Praxis umsetzen können?

    Was, wenn Gründer abwandern in Länder, in denen sie sowohl die finanziellen Mittel – denn auch das ist laut Start-up Monitor eine Herausforderung deutscher Start-ups – als auch die Mitarbeiterinnen finden? Und dazu stellen sich mir weitere Fragen: Wie lange können wir es uns wirtschaftlich (noch) leisten, dass wir unseren Kindern wenig bis keine Future Skills in der Schule lehren, dass wir innovative Startups nicht massiv fördern und dem Fachkräftemangel mit dem richtigen Umfeld entgegensteuern?

    Wir müssen das Fachkräfte-Problem lösen

    Was viele dabei nicht berücksichtigen: Wir stehen erst am Anfang dieses Fachkräftemangels. Wenn wir uns ansehen, was die Fähigkeiten sind, die zukünftig mehr und mehr benötigt werden, dann klafft da eine große Lücke zwischen dem, was Betriebe an Fähigkeiten suchen und was Beschäftigte an Fähigkeiten bieten. Ein Kernaspekt: Digitale Kompetenzen fehlen an allen Ecken und Enden.

    Deutschland stehe zwar laut einer Auswertung des Europäischen Rechnungshofes im Vergleich mit den anderen EU-Staaten verhältnismäßig gut da. Allerdings besagt diese Auswertung auch, dass rund 24 Prozent der Erwerbsbevölkerung nicht mal elementare digitale Fähigkeiten aufweisen oder gar das Internet in den drei Monaten vor der Erhebung der Daten genutzt haben. Gleichzeitig betont der Rechnungshof, dass mehr als 90 Prozent der Arbeitsstellen mittlerweile mindestens grundlegende digitale Fähigkeiten voraussetzten.
    Was heißt das im Klartext? Wir brauchen mehr Fachkräfte. Und idealerweise mit digitalen Kompetenzen. Aus meiner Sicht gibt es verschiedene Lösungen, um das Fachkräfteproblem zu lösen und ich möchte gerne fünf Forderungen formulieren, die meiner Meinung nach unumgänglich sind, wenn wir zukünftig Top-Wirtschaftskraft bleiben wollen.

    1. Wir müssen die Digitalisierung in Schulen stärken

    In meiner letzten Kolumne habe ich dieses Thema mit Dorothee Bär besprochen. Mein Fazit aus diesem Gespräch: Es passiert viel. Und mit etwas über einer Milliarde Euro an beantragten Mitteln ist in jedem Fall ein erster Ruck durch die deutschen Bildungsstätten gegangen. Aber wenn wir von Digitalisierung an Schulen sprechen, müssen wir hier über zweierlei Themen sprechen.

    1. Die Ausstattung der Schulen mit digitalen Tools und die Schaffung eines digitalen Ökosystems, in dem Schüler digitale Tools nutzen können und so nicht mehr auf den weiterhin weit verbreiteten Frontalunterricht angewiesen sind, sondern auch interaktiv sowie orts- und gruppenunabhängig lernen können.

    2. Das Lernen von digitalen Fähigkeiten und Skills. Unsere Kinder lernen nach wie vor wenig bis gar nichts rund um die Nutzung digitaler Plattformen und Kanäle, oder wie sie digitale Tools sinnvoll nutzen können. An manchen Schulen gibt es eine Stunde Coding pro Woche, an anderen wird es gerade mal als AG angeboten. Das reicht nicht mehr. Digitalunterricht muss fester Bestandteil des Curriculums werden, damit unsere Kinder zukünftig mit digitalen Experten aus dem Ausland mithalten können. Digitale Skills sind für die Berufswelt längst essentiell.

    2. Wir brauchen eine Kultur des lebenslangen Lernens

    Aus irgendeinem Grund ist in unserer Kultur verankert, dass Bildung nach unserer Ausbildung – sei es nach der Schule, nach der Ausbildung im klassischen Sinne oder nach dem Studium – aufhört. Diese Denke müssen wir ändern: Bildung darf nicht aufhören, sobald wir die Schule verlassen, wir müssen stattdessen eine Kultur des lebenslangen Lernens etablieren.



    Laut Stifterverband besteht allein in Deutschland heute ein Weiterbildungsbedarf bei über 2 Millionen Menschen. Hiermit wird klar, vor welcher enormen Herausforderung wir stehen. Der Staat und auch Unternehmen müssen das in ihrer Priorität ganz oben ansiedeln und schnellstmöglich notwendige Maßnahmen bereitstellen. Und Mitarbeitende müssen Weiterbildung einfordern – und das regelmäßig. Idealerweise wird in jedem Arbeitsvertrag automatisch ein Budget für Weiterbildungsmaßnahmen fest verankert – so können wir sicherstellen, dass diese Maßnahmen auch wirklich stattfinden.

    3. Wir müssen Mitarbeitende motivieren und in Deutschland halten

    Lösungen bieten hier gute Beschäftigten-Beteiligungsprogramme, die Mitarbeiterinnen nicht nur dazu bewegen, einem Unternehmen beizutreten, sondern vor allem auch zu bleiben und sich bestmöglich einzubringen. Wenn das Unternehmen erfolgreich ist, profitieren sie. Diese Beteiligungsprogramme müssen allerdings einfacher gestaltet werden – mit weniger bürokratischem Aufwand und steuerlichen Erleichterungen. Denn die Idee der Beteiligungsprogramme ist zwar gut – nur wenn sie keiner versteht und sie zu komplex sind, dann nutzt diese auch niemand. Hier sehe ich noch viel Potential zur Optimierung.

    4. Wir müssen mehr Fachkräfte und Talente aus dem Ausland gewinnen

    Unser Ziel muss es sein, ausländische Top-Talente sowohl in Unternehmen als auch an deutsche Universitäten zu bringen. Dazu müssen aber mehr englischsprachige Studiengänge angeboten werden und Bürokratie muss abgebaut werden. Dafür müssen wir unsere Visaprozesse neu aufsetzen – das dauert heutzutage viel zu lange – und wir brauchen schnellere Integrationsprozesse, um die Talente nicht nur zu gewinnen, sondern sie dann auch zu halten.

    5. Wir müssen flexible Arbeitsmodelle etablieren und mehr Eltern (Frauen und Männer) motivieren

    Ein Kernproblem, das meines Erachtens viel zu wenig diskutiert wird, das allerdings im Fachkräftemangel eine wichtige Rolle spielt, sind flexible Arbeitsmodelle. Die klassische 40 Stunden Woche stellt vor allem für Frauen mit Kindern eine große Herausforderung dar, denn machen wir uns nichts vor: So modern wir auch glauben, dass wir sind – den Großteil der Care-Arbeit, sei es mit den Kindern oder Pflegebedürftigen, tragen Frauen. Somit arbeiten viele Frauen in Teilzeit und ihnen bleiben damit bestimmte Bereiche in vielen Unternehmen automatisch verwehrt. Das bedeutet auch, dass wir viele hochqualifizierte Frauen lieber nicht arbeiten lassen, weil wir ihnen keine passenden Arbeitsmodelle zur Verfügung stellen – ist das wirtschaftlich überhaupt tragbar? Ich sage klar nein!

    Gleichzeitig habe ich gerade kürzlich wieder selbst in verschiedenen Gesprächen gelernt, dass Männer oft vor der Herausforderung stehen, dass sie sich nicht als Familienväter „outen“ wollen – das müssen wir dringend ändern. In diesem Kontext wäre es doch wünschenswert, wenn ein Job als Tandem an Männer wie Frauen vergeben würde. Nur so wird es als gesellschaftliche Norm akzeptiert werden.

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    Schlussendlich geht es darum, Familien zu unterstützen und zu schauen, wie wir familienfreundliche Arbeits- und Betreuungsmodelle etablieren können. Und Familie besteht in meinen Augen in der Regel aus Elternteilen sowie Kindern.

    Diese fünf Aspekte stellen in meinen Augen eine Lösung für die größten Herausforderungen beim Thema Fachkräftemangel dar. Wir müssen diese angehen, jetzt, wenn wir den Zug nicht verpassen wollen.

    Mehr zum Thema: Eine qualifizierte Stammbelegschaft ist für Mittelständler und Konzerne die Basis des Erfolgs. Wenn es aber um kreative Produktentwicklung oder komplexe IT-Projekte geht, setzen immer mehr auf eine Liquid Workforce aus freischaffenden Experten. Doch die sind nicht einfach zu finden – und könnten bald noch wichtiger werden.

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