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Ernährung Tiere müssen Industriemüll fressen

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Ausgerechnet der grüne Kraftstoff verstärkt diese Entwicklung noch. Denn weltweit wechseln Abertausende Bauern zur oft lukrativeren Produktion von Biospritrohstoffen wie Mais, Soja und Raps. Ihre Anbauflächen stehen damit nicht mehr für die Lebensmittel- und die Futterherstellung zur Verfügung.

Dieser Tank-Teller-Trog-Wettbewerb treibt die Preise zusätzlich – und noch mehr Futteranteile müssen durch Abfälle ersetzt werden, um die Preise zu halten.

Abfall der Spritproduktion

Das Paradoxe an der Situation ist, dass Tiere von der Biospritproduktion in der Nahrungskette eine Stufe zurückgedrängt werden: Der Mais, der früher in den Trog kam, landet heute zunächst im Bioreaktor. Erst die Abfälle aus der grünen Treibstoffproduktion kommen in den Trog.

Und da fangen die Probleme an.

Am eindrucksvollsten lässt sich das an der Chemikalie Glycerin studieren, von der laut dem Verband Deutsche Tiernahrung jedes Jahr einige Hunderttausend Tonnen verfüttert werden – mal als klare Flüssigkeit, mal als dunkelbraune, ranzige Masse, wie Insider bestätigen.

Glycerin entsteht, wenn Abfallfette der Industrie oder Rapsöl zu Biodiesel raffiniert werden. Schon vor Jahren klagten Grünsprit-Hersteller über immense Glycerin-Mengen, die sie nicht mehr loswürden. Zwar wirkt die Chemikalie in der Haut wie ein Feuchtigkeitsspeicher und ist daher auch bei Kosmetikherstellern gefragt. Doch deren Bedarf ist längst gedeckt.

So gerät die Futtermittelindustrie in den Fokus der Sprithersteller. Seit 2004 verkauft etwa der Futterzusatzerzeuger Dr. Pieper aus dem brandenburgischen Neuruppin jährlich 1500 Tonnen Glycerin-Abfälle aus der Biodieselproduktion direkt an Milchviehbetriebe.

Die Bauern nehmen es gerne. Weil Glycerin süßlich schmeckt und viel Energie enthält, „fressen die Kühe mehr und geben mehr Milch“, sagt Unternehmenschef Bernd Pieper. Mehrere Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet sein Unternehmen nach eigenen Angaben pro Jahr mit dem Verkauf von Futterkomponenten. Dabei erscheint es fast zynisch, dass Pieper zugleich ausgerechnet einen Biohof betreibt, auf dem Glycerin & Co. tabu sind.

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