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Air-Up Wie ein deutsches Start-up vom schlechten Image des Zuckers profitiert

Exklusiv
100.000 Starter-Sets aus Flasche und Probier-Pods hat Air-Up nach eigenen Angaben seit vergangenem Sommer bereits verkauft. Quelle: PR

Das Start-up Air-Up aromatisiert schnödes Leitungswasser mit Aromapads. Das passt zum Trend, gesunde Alternativen zu Softdrinks zu suchen und begeistert Investoren. 2,3 Millionen Euro bekommt Air-Up von Kapitalgebern.

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Ein tiefer Schluck Wasser, ein tiefer Atemzug – schon soll sich der Geschmack von Gurke, Kirsche oder Zitrone-Hopfen im Mund einstellen. Saisonal sind sogar Punsch, Kardamom, Eierlikör und Spekulatius möglich. Und das, so das Versprechen des Münchener Start-ups Air-Up, ohne Zucker: Eine selbst konstruierte Trinkflasche erhält Leitungswasser, an den integrierten Saughalm wird ein „Duft-Pod“ angedockt. Dadurch gerät mit jedem Schluck etwas Aroma in den Rachenraum und gaukelt dem Trinkenden einen fruchtigen Drink vor – retronasale Aromawahrnehmung heißt der medizinische Fachbegriff dazu. Mit gesundem Nebeneffekt: „So können wir den Geschmack ohne jegliche Zusatzstoffe liefern“, sagt Mitgründerin Lena Jüngst.

Bei den Verbrauchern scheint die Kombination anzukommen. 100.000 Starter-Sets aus Flasche und Probier-Pods hat Air-Up nach eigenen Angaben seit vergangenem Sommer bereits verkauft. Damit dürfte dem Start-up jetzt schon ein Umsatz von etwa vier Millionen Euro sicher sein. Gleich zwei große Zielgruppen greifen besonders häufig zu, sagt Jüngst: Zum einen überzeugte Wassertrinker, die sich nach etwas mehr Geschmack als nur einer dazu geworfenen Zitronenscheibe sehnen. Zum anderen Menschen, die normalerweise zu gezuckerten Getränken und Säften greifen – aber sich gesünder ernähren wollen.

Kleines Start-up in großem Gesundheits-Trend

Damit ist das kleine Unternehmen mit aktuell 30 Mitarbeiten mitten drin in einem großen Trend. Kalorienarme Getränke als auch Wasser werden in Deutschland immer mehr getrunken, meldet die Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke (WAFG). Die Branchengrößen versuchen verzweifelt, den Trend nicht zu verpassen. Für Aufsehen sorgte im Sommer 2018 die Übernahme des Sprudler-Spezialisten Sodastream durch den Softdrink-Giganten Pepsico. Auch Coca-Cola versucht, den Absatz der zuckerärmeren Marken voranzutreiben. Die Produktvariante Life, gesüßt mit Stevia, passte mit ihrer grünen Dose jedoch nicht zum roten Riesen und wurde vor einiger Zeit eingestellt.

Fabian Schlang, Tim Jäger, Lena Jüngst, Jannis Koppitz und Simon Nüesch sind das Gründerteam von Air-up. Quelle: PR

In einigen Ländern greift die Politik bereits ein. New York bemüht sich seit einigen Jahren darum, übergroße Softdrink-Becher zu verbieten. Großbritannien führte vor knapp zwei Jahren eine Sondersteuer auf besonders süße Softdrinks ein. Vor wenigen Tagen wurde eine Studie veröffentlicht, laut der sogar 60 Prozent der Hersteller die Abgabe befürworteten.

Zeitgeist oder Zuckersteuer

In Deutschland, wo immer noch um eine Nährwert-Kennzeichnung von Lebensmitteln gestritten wird, preschte die Deutsche Diabetes Gesellschaft vor: „Wenn sogar Hersteller am Ende von einer Zuckerreduktion profitieren, gibt es keinen Grund mehr, dieses Ziel nicht auch für Deutschland festzuschreiben“, sagte Verbandspräsident Monika Kellerer. Unabhängig von gesetzlichen Regelungen: Im Wettkampf um Marktanteile und Regalmeter sieht Gründerin Jüngst Air-Up ohnehin in einer Sonderstellung: „Es gibt seit längerem viele Getränke mit weniger Zucker“, sagt Jüngst. „Aber das betrifft uns nicht – wir kommen ganz ohne aus.“

Den starken Start schreibt Air-Up dem Zeitgeist zu: „Viele wollen sich gesünder ernähren“, sagt Jüngst. Etwa 40 Prozent der Verkäufe laufen aktuell über den eigenen Online-Shop oder Amazon, 60 Prozent über den Handel. In etwa 5000 Filialen von Edeka, Real und Rewe sind die Produkte bereits zu finden.

2,3 Millionen Euro für die nächsten Schritte

Die bisherige Erfolgsstory will Air-Up weiterschreiben. Die lukrative Idee von Air-Up: Bleiben die Kunden treu, kaufen sie immer wieder die „Duft-Pods“ nach – umgerechnet kostet das Aroma etwa 33 Cent pro Liter Wasser. Um das starke Wachstum zu organisieren, kommt jetzt Christian Hauth als Co-Chef an Bord. Er war vorher unter anderem Marketingvorstand bei der Fitness-App Freeletics, die Mitte 2018 komplett von Investoren übernommen wurde. In den nächsten Monaten macht sich Air-Up zudem auf die Suche nach Handelspartner in Österreich und der Schweiz. Der Sprung in einige andere Länder könnte schwieriger werden: Nicht überall wird so bedenkenlos Leitungswasser in Trinkflaschen abgefüllt wie in Deutschland.

Für die nächsten Schritte erhält das Start-up jetzt erst einmal Unterstützung von Geldgebern. Im Zuge eines Wandeldarlehens stellen Investoren dem Start-up 2,3 Millionen Euro zur Verfügung, wie die WirtschaftsWoche vorab erfahren hat. Angeführt wird die Runde von dem auf Foodtech-Unternehmen spezialisierten Risikokapitalgeber Oyster Bay, hinter dem Christoph Miller steht – der Hamburger hat für mehrere Mineralwasser-Marken in Deutschland gearbeitet.

Frank Thelen und Ralf Dümmel helfen beim Start

Andere Geldgeber aus einer vorherigen Runde haben massiv beim Start geholfen. Die beiden „Höhle der Löwen“-Gesichter Ralf Dümmel und Frank Thelen stiegen unabhängig von der TV-Sendung bei Air-Up ein. Dümmel half mit Kontakten in den Handel, Thelen unter anderem auch mit Postings in den sozialen Netzwerken. „Die Möglichkeiten für neue Geschmacksrichtungen sind endlos“, lobt Thelen im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. „Da der gesellschaftliche Trend inzwischen zu einer gesünderen, nachhaltigen Ernährung geht, hat Air-Up in meinen Augen das Potenzial, zum neuen Standard für die Art und Weise zu werden, wie wir Wasser mit Geschmack konsumieren.“ Nicht bei allen von Thelens Beteiligungen steht Gesundheit ganz vorne im Businessplan: Die Trinkmahlzeit von YFood oder Portionen von Luicellas Eis kommen auf satte Zuckerwerte in den Nährwertangaben.

Beim aromatisierten Wasser fehlt Zucker dagegen. Selbst bei einem tiefen Atemzug parallel zum Trinken lande ein Anteil natürlicher Aromen im Körper, der vergleichbar sei mit einem Durchatmer in einer Bäckerei, heißt es auf der Homepage. Die Bewertungen in Online-Shops zum aromatisierten Wasserspender sind überwiegend positiv.

Für und Wider der Wegwerfpods

Kritik gibt es jedoch an der Nachhaltigkeit: Schließlich müssen die Duft-Pods, auch optisch vergleichbar mit Kaffeepads, nach dem Gebrauch ausgetauscht und weggeworfen werden. Air-Up verweist darauf, dass sie immerhin für mindestens fünf Liter Trinkwasser reichen. „Daher muss man einen Pod mit fünf bis zehn PET-Flaschen vergleichen“, argumentiert Mitgründerin Jüngst.

Zudem sorgten die kompakten Kapseln für deutlich weniger Aufwand in der Logistik, ergänzt auch Investor Thelen: Sie verbrauchten „dabei 50 mal weniger Plastik und dank des platzsparenden Transports 1000 mal weniger CO2“. Langfristig, so ist Thelen überzeugt, könnte die platzsparende Geschmacksverpackung sogar einen strategischen Vorteil bringen: „Die Politik wird Wege finden müssen, die Umweltverschmutzung drastisch zu begrenzen, was nachhaltigeren Unternehmen wie Air-Up langfristig einen Vorteil verschaffen könnte.

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