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Ein Ortsbesuch Hanfmesse Mary Jane: Unter Goldgräbern

Auf Deutschlands größter Hanfmesse Mary Jane präsentieren zahlreiche Unternehmen ihre Produkte. Quelle: imago images

Die Cannabis-Branche kann sich unter einer Ampel-Koalition gute Hoffnungen auf eine weitgehende Legalisierung machen. Auf der Branchenmesse Mary Jane zeigt sich, welche Geschäftsmodelle davon besonders profitieren dürften – und wer auch weiterhin Probleme mit den Gesetzeshütern zu erwarten hat.

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Der Ansturm ist groß in der Arena Berlin, einer mittelgroßen Halle direkt am Ufer der Spree in Berlin Kreuzberg. Es ist der zweite von insgesamt drei Tagen auf der Mary Jane – Deutschlands größter Hanfmesse. Die Sonne scheint. Am Eingang werden Goodiebags an die Besuchenden verteilt. Sie enthalten kleine Tütchen mit CBD-Gras-Proben, sowie das Zubehör, um sich daraus einen THC-freien Joint zu drehen: Extra dünne Aktivkohlefilter und lange Papers aus naturbraunem Ökopapier des Blättchen-Marktführers OCB. Auf dem Open-Air-Gelände neben der Halle werden die CBD-Joints zu fetten Beats aus den Lautsprechern entfacht.

2016 gab es die Mary Jane hier in Berlin zum ersten Mal. 2020 musste sie coronabedingt ausfallen. 2021 nun ist sie zurück, während zeitgleich die Parteien einer möglichen Ampelkoalition Verhandlungen führen. FDP und Grüne hatten sich die Cannabislegalisierung ja bereits ins Programm geschrieben. Und auch die SPD scheint sich langsam zu öffnen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach preschte erst kürzlich mit der Aussage vor, Cannabis sei immer häufiger mit Heroin gestreckt. Das habe ihn von der Notwendigkeit der Legalisierung überzeugt, weil nur so Qualitätskontrollen möglich seien.

Dass mit Heroin gestrecktes Cannabis Fakenews ist – geschenkt. Experten vermuten, Lauterbach habe Heroin möglicherweise mit synthetischen Cannabinoiden verwechselt. Damit wird Grass auf dem Schwarzmarkt nämlich tatsächlich gestreckt. Dennoch sieht es so aus, als könnte es in der anstehenden Legislaturperiode zu einer Legalisierung kommen. Entsprechend ausgelassen ist die Stimmung auf der Messe.

Insgesamt 220 Unternehmen stellen in diesem Jahr auf der Mary Jane aus, sagt Mitgründerin und Veranstalterin Nhung Nguyen. 25.000 Besucherinnen und Besucher erwartet sie für die gesamten drei Tage. „Die deutsche Hanfbranche hat während Corona vom Lockdown profitiert“, sagt sie. Viele Deutsche hätten während der Pandemie Heimgärtnern als neues Hobby entdeckt.

Neben dem Onlinehandel und CBD-Produkten konnten deshalb besonders sogenannte Growshops seit Anfang 2020 Umsatzzuwächse verzeichnen, sagt Nguyen. Dazu gehören auch die Hersteller und Anbieter von Erde, Dünger, Lampen, Lüftung und Bewässerung. Rund 35 Prozent der Ausstellenden auf der Messe fallen in dieses Segment und bilden damit den größten Bereich.

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    Ein Start-up, das sei 2018 in den Hobbyanbau investiert, ist Flowa Powa. Gründer Tim Kochler, ein schlaksiger, junger Mann im Hoodie präsentiert sein Produkt: „Das ist die Flowa One“, sagt der 25-jährige Raumfahrtingenieur und zeigt in eine sogenannte Growbox, eine Duschkabinenartige Zeltkonstruktion aus Stoff mit nach innen reflektierenden Wänden, in der eine Lampe mit vier Strahlern über ein paar Chilipflanzen hängt. Die Besonderheit: Luftfilter und Belüftung seien im Gegensatz zu anderen Systemen hier bereits in die Lampe integriert. „Wir haben ein System entwickelt, dass es den Leuten einfach machen soll, zuhause ihr eigenes Grün anzubauen, ohne sich dafür ausgiebig mit der Technik zu beschäftigen“, sagt Kochler. „Handmade in Germany“ steht auf der Lampe. Die Firma sitzt im Süden von Berlin. Soweit möglich, sagt Kochler, verwende man einzelne Komponenten, produziert von Firmen aus dem deutschen Mittelstand.

    Dass das Unternehmen seine Erfindung über Chilipflanzen präsentiert, hat einen einfachen Grund: Der Anbau von stark THC-haltigen Cannabispflanzen ist in Deutschland verboten. Nur der Anbau von EU-zertifizierten Nutzhanfsorten ist unter Auflagen für zugelassene landwirtschaftliche Betriebe erlaubt. Ob eine Legalisierung, von der bis dato noch niemand weiß, wie sie konkret aussehen soll, auch den Heimanbau erlauben wird, ist fraglich. Kochlers Zukunftsprognose fällt deshalb zurückhaltend aus.

    „Ob die Legalisierung am Ende bedeutet, dass der Homegrown-Markt sich insgesamt vergrößert, ist schwer abzusehen“, sagt er. Allerdings müsse sich erst zeigen, ob es von Anfang an gelingen werde, den Cannabis-Bedarf auf dem legalen Markt zu decken. „Legales Gras wird anfangs wahrscheinlich noch recht teuer sein“, sagt Kochler. Davon werde sein Unternehmen möglicherweise profitieren.

    Optimistisch ist auch Georg Wurth, Geschäftsführer des Hanfverbands, der ebenfalls mit einem Stand auf der Messe vertreten ist. Vor der Wahl hatte der Hanfverband mit einer E-Mail-Kampagne für die Cannabislegalisierung Druck auf die Bundestagskandidaten gemacht. „Wir haben ein Tool auf unsere Homepage angeboten, mit dem man sich über die Postleitzahl die E-Mail-Adressen und Social-Media-Kanäle der Wahlkreiskandidaten der großen Parteien auswerfen lassen konnte“, sagt Wurth. Man habe die Mitglieder aufgefordert, den Abgeordneten zu schreiben und ihnen ihre Erwartungen mitzuteilen. „Wir haben mittlerweile hunderttausende Follower in den Sozialen Medien“, sagt Wurth. „Das ist schon eine Macht, mit der man etwas bewirken kann.“

    Wurth plädiert für einen raschen Zeitplan, sobald die Regierungskoalition steht – und eine zweistufige Strategie nach dem Vorbild der USA. „Die Verhandlungen über die Details der Legalisierung – also sprich, wer bekommt die Lizenzen, wie werden sie vergeben und was kosten sie – das dauert meistens eine ganze Zeit“, führt er aus. Lizensierte Fachgeschäfte, wie sie auch die Wahlprogramme von FDP und Grünen vorsehen, hält auch Wurth für die beste Wahl. Die Entkriminalisierung der Konsumenten, fordert er, solle nach der Wahl aber möglichst schnell geschehen. „Das ist durch die Veränderung von wenigen Sätzen in Gesetzen und Verordnungen erledigt“, sagt Wurth. „Die Umsetzung erwarten wir in den ersten einhundert Tagen der Koalition.“ Eine schnelle Legalisierung habe auch wirtschaftliche Vorteile, sagt Wurth, auch für den Staat.

    In einer Studie des Hanfverbands wird ein Jahresumsatz von 2,5 Milliarden Euro für die deutsche Cannabisbranche prognostiziert, sollte es zu einer Legalisierung kommen. „Das ist eine grobe Schätzung, weil niemand ganz genau weiß, wie viel die Deutschen konsumieren.“ Man gehe von ungefähr 4 Millionen Konsumenten aus, die ungefähr 250 Tonnen Hasch und Cannabis jährlich konsumieren. „Das sind überwiegend Gelegenheitskonsumenten. Ob die jetzt im Schnitt drei oder sechs Gramm im Jahr verbrauchen, das weiß niemand so genau.“

    Mindestens 20.000 neuen Arbeitsplätzen könnten in der deutschen Cannabiswirtschaft nach einer Schätzung des Hanfverbands entstehen. Berechnungen des Verbandes zufolge käme es außerdem zu Steuereinnahmen von mindestens 2,7 Milliarden Euro im Jahr. Darin enthalten sind auch Steuereinsparungen, wenn die Strafverfolgung von Cannabisdelikten durch die Polizei wegfällt.



    In welche Richtung sich der Markt entwickeln könnte, ist auf der Hanfmesse bereits deutlich zu sehen. Der drittgrößte Bereich neben Anbauequipment und CBD-Produkten, entfällt auf Rauchzubehör. Das Brandenburger Unternehmen Purize etwa hat sich auf die Herstellung von Aktivkohlefiltern aus nachhaltigen Rohstoffen spezialisiert. „Wir haben vor fünf Jahren als kleines Start-up mit zwei, drei Leuten angefangen“, sagt Geschäftsführer Roberto Hunger am Purize-Stand. „Mittlerweile sind wir über 50 Leute und arbeiten in drei Schichten sieben Tage die Woche an unseren Produktionsmaschinen, um die Nachfrage bedienen zu können.“ Aktivkohlefilter seien schon seit über fünfzig aus der Tabakpfeifenindustrie bekannt, erklärt Hunger. Allerdings stürben die Pfeifenraucher langsam aus. Deshalb habe man Aktivkohlefilter für Pfeifenraucher für den Cannabiskonsum umfunktioniert.

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    Auch im Luxussegment machen sich bereits erste Anbieter bereit. Cannasseur Club heißt ein kleines Start-up mit Sitz im bayerischen Traunstein und Produktionsstätten in Berlin, das erst seit Juni 2021 besteht. CEO Christian Bödefeld und sein Compagnon produzieren und vertreiben handgefertigte Humedore in verschiedenen Größen zur fachgerechten Aufbewahrung von Cannabisblüten. Die Aufbewahrungsboxen aus schwarz-glänzendem Glas sehen edel aus und sind mit knapp 40 Euro in der kleinsten Größe nicht ganz billig. Mit solchen Produkten könnte es gelingen, Cannabis und alles was zum Konsum dazu gehört, aus der illegalen Schmuddelecke zu holen. Stattdessen könnte sich Cannabis, das lässt sich hier auf der Messe bereits erahnen, analog zu Wein oder Whiskey als edles Genussmittel für eine zahlungskräftige Kundschaft mit Sinn für Qualität etablieren.

    Mehr zum Thema: Das High von Cannabis-Aktien endete im Absturz. Doch beim kanadischen Konzern Tilray wird wieder eingeatmet, das Geschäft floriert. Lohnt sich ein Investment oder erliegen Anleger einer Kurs-Halluzination? Eine Analyse.

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