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Rad Dem Fahrrad gehört die Zukunft

Europas Metropolen entdecken das Zweirad: Sie erhoffen sich mehr Lebensqualität und weniger Staus. Der Beginn einer neuen Ära in der urbanen Mobilität.

Das undatierte Handout der Verkehrsgesellschaft London zeigt auf einem computergenerierten Foto (CGI) den Cycle Superhighway East-West. Quelle: dpa

Boris Johnson liebt Großprojekte: Erst hat Londons markiger Bürgermeister erfolgreich die Olympischen Spiele ausgerichtet, jetzt plant er ein Netz von Fahrradschnellstraßen durch die britische Metropole. Im März dieses Jahres startete er den Bau der Strecken, auf denen die Londoner künftig von Süd nach Nord und Ost nach West an den notorischen Innenstadt-Staus vorbeifahren sollen – eine kleine Verkehrsrevolution.

Eine Milliarde Pfund investiert Johnson, dem Ambitionen auf das Amt des Premierministers nachgesagt werden, bis 2025. „Ich kenne viele, die nie an den Erfolg des Projekts geglaubt haben“, sagte er bei Baubeginn. „Aber es ist passiert, und London wird dadurch besser.“

Das Signal von der Insel ist eindeutig: Dem Zweirad gehört die Zukunft der urbanen Mobilität. Zwar gilt die britische Finanzmetropole als Rad-Entwicklungsland, die nun aufholt, was sie jahrzehntelang versäumt hat. Doch London steht für einen europaweiten Trend: Kommunen entdecken Zweiräder als Vehikel, um ihre Stadt lebenswerter zu machen. Sie investieren in Schnellwege, testen grüne Wellen und verbannen Autos aus dem Zentrum. Auch deutsche Städte machen mit.

Wie die Deutschen ihre Wege zurück legen

Treiber dieser Entwicklung ist ein Wertewandel. Junge Leute verzichten zunehmend auf ein eigenes Auto, fahren stattdessen Bus und Bahn. Vor allem in Großstädten gilt das Rad inzwischen als modern. Die Menschen legen immer mehr Strecken mit dem Zweirad zurück (siehe Grafik). Dessen durchschnittlicher Anteil an den täglichen Wegen beträgt bereits 13 Prozent. In besonders fortschrittlichen Städten erreicht er 20 Prozent und mehr.

Das Tempo der Radfahrer

In Kopenhagen fährt fast jeder Zweite mit dem Rad zur Arbeit, zum Shoppen oder zur Schule. Dänemarks Hauptstadt gilt als Vorbild für kluge und nachhaltige Verkehrspolitik. Seit den Sechzigerjahren folgt die Verwaltung den Ratschlägen von Stadtplanern wie Jan Gehl. Das Credo des Architektur-Professors: Eine Stadt sei lebenswert, wenn sie „nicht im Tempo des Automobils, sondern in jenem der Fußgänger und Fahrradfahrer tickt“. Wenn sich Menschen auf Plätzen und Gassen begegnen könnten. „Darin besteht schließlich die Idee einer Stadt.“

Anfangs wurden seine Thesen belächelt, heute gelten seine Ansichten als wegweisend. 1000 Kilometer Radwege führen inzwischen durch die skandinavische Metropole mit knapp 600.000 Einwohnern. Zum Vergleich: Die ähnlich große Stadt Dortmund kommt auf 630 Kilometer. Sämtliche 18 Plätze der Kopenhagener Innenstadt sind autofrei.

Der Lohn: Seit drei Jahren erobert die dänische Metropole Platz eins der lebenswertesten Städte der Welt. München schafft es als einzige deutsche Stadt mit Platz acht in die Top Ten.

In diesen Städten ist die Lebensqualität am höchsten
Die 2007 gegründete Zeitschrift „Monocle“ von Tyler Brûlé - Schwerpunkt Zeitgeist, Business und Design - legt jeden Sommer ein Ranking der 25 Städte mit der höchsten Lebensqualität vor. Höchstplatzierte Stadt Nordamerikas ist die von 19 auf Rang 15 gestiegene kanadische Pazifikmetropole Vancouver. Quelle: AP
MünchenAuch Deutschland kommt im Ranking gut weg: München ist laut dieser Studie nach wie vor die beste deutsche Stadt und liegt wie im Vorjahr auf Platz acht. Weitere deutsche Städte in der Liste sind Berlin (das am stärksten von Rang 20 auf Nummer 14 stieg) sowie Hamburg (fiel von 16 auf 20). Düsseldorf (Vorjahr noch Platz 25) flog raus. Quelle: dpa
Wien und ZürichZürich ist ist zwar weltweit die Stadt mit den höchsten Lebenshaltungskosten - dafür ist hier die Lebensqualität auch sehr hoch. In diesem Jahr erreicht Zürich im Ranking Platz sieben, im vergangenen Jahr war es noch Platz sechs. Doch auch in Österreich lebt es sich sehr gut. Platz sechs geht an Wien (Platz fünf im Vorjahr). Quelle: dpa
HelsinkiHelsinki ist im Vergleich zum Vorjahr zwei Plätze gefallen: Von Rang drei ging es runter auf Platz fünf. Im Jahr 2011 belegte die finnische Stadt sogar noch Platz eins. Helsinki überzeuge besonders durch eine niedrige Kriminalitätsrate, hohe Beschäftigungszahlen und eine sehr gute Bildung. Quelle: AP
StockholmDer vierte Platz geht nach Schweden - und zwar an Stockholm. Die Hauptstadt des Landes gilt als besonders familienfreundlich und nachhaltig. So will Stockholm beispielsweise bis 2050 vollständig auf fossile Brennstoffe verzichten. Derzeit sind 69 Prozent aller Haushalte an ein Fernwärmenetz angeschlossen, das zu mehr als zwei Dritteln aus erneuerbaren Energien gespeist wird. Seit Einführung einer Staugebühr 2006 für Fahrten tagsüber im Zentrum ist das Verkehrsaufkommen um ein Fünftel gesunken. Fast 80 Prozent der 870.000 Einwohner nutzen im Berufsverkehr U-Bahnen und Busse. Quelle: dpa
MelbourneAuf Platz drei folgt Melbourne. Die Stadt in Australien besticht mit Galerien, Cafés und der lebendigen Kunstszene, heißt es in der Studie. Die Stadt ist außerdem der Geburtstort der australischen Filmindustrie. Quelle: REUTERS
TokioAuf Platz zwei liegt Tokio (Vorjahr Platz vier). In Japans bevölkerungsreichster Stadt leben derzeit rund 9,1 Millionen Menschen. Sie haben Zugriff auf ein umfassendes Bildungssystem, zahlreiche Parks, Theater und Museen. Auch die Infrastruktur Tokios, der Nahverkehr und das Arbeitsangebot sorgen für die hohe Lebensqualität der Einwohner. Quelle: AP

Kopenhagen investiert dafür viel Geld, 2013 waren es rund zwölf Millionen Euro – doppelt so viel, wie die sechs Mal größere Stadt Berlin ausgibt. Seit 2014 etwa schlängelt sich eine 190 Meter lange Fahrradbrücke aus Stahl in rund sieben Meter Höhe über den Innenhafen. Die „Schlangenbrücke“ verkürzt die Fahrzeiten von etwa 41.000 Radlern täglich. Kosten: rund sechs Millionen Euro. Weitere sechs Brücken befinden sich im Bau oder sind geplant.

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